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Bestseller: Schicksal eines Kamenzers wird zum Roman

Im neuen Buch von Lukas Rietzschel spielen der Maler Georg Baselitz, sein Bruder Günter Kern und die Stadt Kamenz eine zentrale Rolle. Wie es dazu kam.

In dicken Ordnern hat der Kamenzer Günter Kern Dokumente zur Geschichte seiner Familie gesammelt. Autor Lukas Rietzschel hat das Material in seinem Roman "Raumfahrer" verarbeitet.
In dicken Ordnern hat der Kamenzer Günter Kern Dokumente zur Geschichte seiner Familie gesammelt. Autor Lukas Rietzschel hat das Material in seinem Roman "Raumfahrer" verarbeitet. © René Plaul

Kamenz. Günter Kern hat es sich auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer bequem gemacht. Unter einer Reihe persönlich gewidmeter Drucke und Repros des Malers Gerhard Richter, den er sehr schätze. Bilder von Kerns Bruder Georg Baselitz sind auch zu sehen, aber nicht auf den ersten Blick.

Griffbereit liegt ein Ordner mit der Geschichte der Kamenzer Familie von 1945 bis in die Nachwendezeit. Kern hat sie dem jungen sächsischen Autor Lukas Rietzschel, der in Räckelwitz geboren wurde, angetragen. Der fand den Stoff interessant - und hat ihn in seinem Roman „Raumfahrer“ verarbeitet. Am 23. Juli ist er erschienen.

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Günter Kern (r.) mit seinem älteren Bruder Georg, der heute ein erfolgreicher Maler ist, in Kindertagen.
Günter Kern (r.) mit seinem älteren Bruder Georg, der heute ein erfolgreicher Maler ist, in Kindertagen. © privat

"Wir haben sehr oft miteinander gesprochen", sagt Günter Kern. Der 80- und der 27-Jährige, zwei unterschiedliche Generationen: „Lebenserfahrung traf auf geballte Neugier.“ Die hat der Kamenzer bei dem jungen Mann geweckt. Es ist die Geschichte der Familie Kern, zu der auch Kerns älterer Bruder, der berühmte Maler Georg Baselitz, gehört. Sein Künstlername ist an Deutschbaselitz angelehnt, den heutigen Kamenzer Ortsteil und Geburtsort der Brüder.

Von Erfolg des Buches überrascht

Er sei dann doch ziemlich aufgeregt gewesen, als der Roman in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf den Buchmarkt kam, sagt Günter Kern. Es hätte ja ein Verriss werden können, weil es um "ausgelutschte" Themen wie die Stasi geht. Doch dann sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen.

Günter Kern hat viele Rezensionen aus fast allen überregionalen Zeitungen auf dem Tisch ausgebreitet. Die Neue Züricher Zeitung zum Beispiel nennt „Raumfahrer“ einen beeindruckenden Roman. Rietzschel gehe in seinem Roman "der Lebensenergie seiner Heimatregion und ihren Menschen mit feinen narrativen Nadelstichen" nach, notiert die Welt.

Und auf Sächsische. de schreibt die Rezensentin von einem Buch, das Liebe, Krimi, Kunst und Brüche der jüngeren Geschichte spannend und provokant vereine. Sehr berührt habe ihn der Auftritt einer jungen Literaturkritikerin im Radio, die zu Tränen gerührt über das Buch gesprochen habe, erzählt Günter Kern.

Geschichtsunterricht aus der Sicht von Zeitzeugen

Der riesige Erfolg hat „uns beide dann aber auch sehr überrascht“, gibt Kern vier Wochen nach Erscheinen des Buches zu. Vielleicht, überlegt er, liege der Erfolg darin begründet, dass der Roman für viele Menschen, die die DDR nicht erlebt haben, einen Blick in eine Welt eröffnet, die vor 30 Jahren zugrunde ging. Aber es sei ein anderer Blick als in bereits erschienenen Publikationen.

Es sei Geschichtsunterricht aus der Sicht von Zeitzeugen - aber aus der Feder eines jungen Autors, der mit seiner Sprache jüngere Leute für Geschichte begeistern könne. Es sei wichtig, dass spätere Generationen erfahren, wie Diktaturen funktionieren.

Nach der Wende sei einiges falsch gelaufen bei der Geschichtsaufarbeitung, sagt Günter Kern. So thematisiert das Buch auch, wie verbittert Menschen darüber sind. Aber die Grundaussage des Buches sei für ihn eine andere. Er sehe in dem Buch viel Optimismus für die Entwicklung der Lausitz.

Wie ein Unfall vertuscht wurde

„Für mich hat Lukas Rietzschel zur richtigen Zeit die für jede Generation bedeutsame Frage an uns alle, auch die ehemaligen DDR-Bürger, gestellt: ,In welchem Zustand habt ihr uns die DDR 1989/90 überlassen und wie sieht unsere Zukunft im vereinigten Deutschland aus?'“ Diese Frage müsse von jeder Generation und gerade jetzt wieder neu beantwortet werden.

Günter Kerns Rat ist: „Lasst euch nicht auf Ideologien ein!“ Das könne sehr bitter enden. Ihm habe die SED 1963 das Studium „wegen fehlender ideologischer Reife“ verwehrt. Seit 1959 sei er durch die Stasi bespitzelt und oft an den Rand einer Depression getrieben worden. Ein besonders schmerzliches Ereignis für ihn war, als sein Sohn 1988 schwer verunglückte und dem Tod nahe war. Der Roman thematisiert auch den schweren Unfall und wie die Tatsachen von Volkspolizei und Justiz unter den Teppich gekehrt wurden, um den Unfallverursacher zu schützen.

Diese Ereignisse bewegen den Kamenzer immer noch sehr: „Wie kann man so etwas vertuschen?“, fragt er noch heute. Gerettet habe ihn ein guter Arzt und der Mut, damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Derzeit arbeite er an einer umfassenden Dokumentation über das ganze Ausmaß der Stasi-Bespitzelung.

Sein Leben, sagt Günter Kern, habe sich wegen des Buches kaum verändert, vielleicht sei es ein wenig aufregender geworden, weil sein Name nun in der Zeitung steht. Mit Freunden habe er schon intensive Diskussionen gehabt. Er finde es gut, wenn Aussagen hinterfragt werden. Deshalb sei er jetzt gespannt auf die Reaktionen der Menschen, etwa bei Veranstaltungen mit dem Autor. Es sei ja der Sinn, über ein Kunstwerk oder einen Roman ins Gespräch zu kommen, so Kern.

Kaum Kontakt zum Bruder Georg Baselitz

Zu seinem Bruder Georg habe er nur selten Kontakt, räumt er ein: „Wir leben in zwei unterschiedlichen Welten.“ Georg Baselitz habe die DDR schon 1958 verlassen, sei ein erfolgreicher Maler im Westen und sehe die Geschichte anders als einer, der die DDR von A bis Z erlebt hat. Dies sei nun nachzulesen.

Mit dem Buch gerät auch die Stadt Kamenz in den Fokus. Für ihn stehe jetzt die Frage, wie man diese Steilvorlage für die Region nutzen könne, sagt Günter Kern, der nach der Wende unter anderem Vizelandrat und amtierender Landrat im damaligen Kreis Kamenz war. Sein Maler-Bruder sei ja ein bekannter Künstler. Der eine oder andere Kamenz-Besucher erwarte sicher auch, irgendwo in der Stadt Werke von Baselitz sehen zu können. „Wie kann man eine Form dafür schaffen?“, fragt Kern. Das Buch sollte ein Anstoß sein, darüber nachzudenken, wünscht er sich.

Beim Hinausgehen fällt an der Wand im Flur ein Plakat für eine Baselitz-Ausstellung 1985 in Paris auf. Er habe damals eine Einladung des damaligen französischen Kulturministers erhalten, erzählt Günter Kern. Die sei natürlich abgelehnt worden. Aber das sei schon wieder eine andere verrückte Geschichte. Demnächst nachzulesen in seiner Dokumentation.

Günter Kern (r.) und Autor Lukas Rietzschel vor dem Plakat für eine Baselitz-Ausstellung 1985 in Paris.
Günter Kern (r.) und Autor Lukas Rietzschel vor dem Plakat für eine Baselitz-Ausstellung 1985 in Paris. © privat

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