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Kamenz: Was 300 Briefe über den Krieg erzählen

Nicole Kühne aus Kamenz hat ihren Urgroßvater nie kennengelernt. Doch dann findet sie seine bewegenden Briefe von der Front. Was die Schülerin nun damit vorhat.

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Gymnasiastin Nicole Kühne hat Briefe ihres Urgroßvaters aus dem Krieg aufgespürt.
Gymnasiastin Nicole Kühne hat Briefe ihres Urgroßvaters aus dem Krieg aufgespürt. © René Plaul

Kamenz. Versteckt in einem Verschlag auf dem Dachboden steht die alte Kommode. Das oberste Schubfach klemmt ein wenig. Genau dort schlummerte ein Schatz. In einem weißen Schuhkarton mit blauem Deckel. Darin über 300 Briefe eines Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die Kamenzer Gymnasiastin Nicole Kühne entdeckte sie zu Beginn des Jahres. Aber das wäre wohl kaum ohne den Geschichtsunterricht an ihrer Schule passiert. Der brachte die 16-jährige Schülerin aus Schwosdorf auf die Spur ihres Urgroßvaters. Thema war gerade der Zweite Weltkrieg, und die Lehrerin am Lessinggymnasium schlug vor: „Fragt doch mal zu Hause nach interessanten Geschichten oder Schicksalen in euren Familien.“

Briefe nach dem Krieg unter der Diele versteckt

Das nahm Nicole Kühne ernst, und ihre Mutti hatte den entscheidenden Einfall: „Es müsste doch noch Briefe von meinem Opa aus dem Zweiten Weltkrieg geben“, überlegte Claudia Zickler.

Die hatte sie vor fast 20 Jahren bereits das erste Mal entdeckt - und das war fast noch abenteuerlicher als jetzt. Claudia Zickler renovierte damals gemeinsam mit Verwandten und Bekannten ihr Elternhaus im Kamenzer Ortsteil Schwosdorf. Unter einer Diele - ebenfalls auf einem Dachboden - fand sie ein rotes Kinderkleid. Darin sorgsam eingewickelt: die Briefe.

Vermutlich wurden sie von Nicole Kühnes Urgroßmutter nach dem Krieg versteckt, damit sie nicht in falsche Hände geraten. Nach der Entdeckung der Briefe begann der schwierige Teil: Die Aufarbeitung der in altdeutscher Schrift von Willi Hänsel verfassten Zeilen. Das hält immer noch an. Hilfe für Nicole Kühne kommt dabei aus ihrer Familie. Bis jetzt habe sie ungefähr 100 Briefe „übersetzt“, berichtet sie.

Uropa lässt Frau und drei Töchter zurück

Die Dokumente umfassen den Zeitraum vom 11. Dezember 1939 bis zum 5. Juli 1943. Da der Urgroßvater sehr regelmäßig schrieb, entstand ein ziemlich detailgetreues Abbild seiner Lebensumstände, fast tagebuchartig.

Beim Lesen wird Nicole Kühne bewusst: „Ich halte hier Briefe von meinem Uropa in der Hand, den ich im Leben nie kennengelernt habe, mit dem ich mich einfach nicht verbunden fühle, aber durch diese Briefe dann auf einmal doch!“

Verbunden mit Willi Hänsel, der erst 32 Jahre alt war, als er am 8. Juli 1943 als Soldat in Russland fiel. Vor seiner Einberufung zum Militär 1939 hatten er und seine Frau bereits drei Töchter. Er arbeitete als Maurer. Als Soldat war er zunächst in Sachsen stationiert. Zu diesem Zeitpunkt schreibt er vor allem über das alltägliche Leben wie die Verpflegung, die anstrengende Arbeit und die vielen Übungen.

In einer Kommode auf dem Dachboden schlummerten gut 300 Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg. Um den Inhalt vielen Menschen zugänglich zu machen, müssen sie aus der altdeutschen in die heute gebräuchliche Schrift übertragen werden.
In einer Kommode auf dem Dachboden schlummerten gut 300 Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg. Um den Inhalt vielen Menschen zugänglich zu machen, müssen sie aus der altdeutschen in die heute gebräuchliche Schrift übertragen werden. © René Plaul

Er bedankt sich immer wieder für Päckchen, in denen er etwas Besonderes zu essen oder Medikamente von zu Hause bekommen hatte. Willi Hänsel schreibt auch über seine Gefühle, die er eher vorsichtig ausdrückt, um die Trennung seinen Lieben zu Hause nicht noch schwerer zu machen. So formuliert er: „Wenn die Nacht draußen ist, denkt man doch bisschen mehr an die Frau und Kinder.“

Ein Brief von Schwager Fritz hat sich ebenfalls in den Stapel gemischt. Er war als Soldat in Frankreich und fiel einige Zeit später ebenfalls. Er schildert die Grauen des Krieges, um Willi vorzubereiten: Da seien ihnen die Gewehrkugeln und die Granaten um die Ohren geflogen. Fritz schreibt auch von seiner Verwundung: „Ein Schuss durch das linke Bein und überall waren Querschläger.“ Mit einem Funken Hoffnung beendet Fritz seinen Brief an Willi: „Ich wünsche Dir nicht, dass Du so weit kommst wie ich.“

Kein Wiedersehen mehr mit der Familie

Doch dieser Wunsch erfüllt sich nicht. Am 7. Juli 1941 schreibt Willi seinen ersten Brief aus Russland: „Habe gerade Zeit, liegen auf einem freien Gelände, und da will ich auch gleich ein paar Zeilen schreiben.“ Trotz der widrigen Umstände versucht er, Hoffnung auszustrahlen. So schreibt er am 12. September 1941: „Wollen hoffen, dass ich auch bald wieder einmal bei Euch sein kann.“ Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen.

Die Briefe und Erkenntnisse, das Schicksal des Uropas haben die Urenkelin aufgewühlt. Gerade deshalb hat sie einen großen Wunsch: "Wir sollten auf die Verhältnisse von vor 80 Jahren schauen - da musste man viel schlimmeres Leid ertragen.“ Heute rege man sich schon über kleine Dinge auf. Die Briefe sollen erinnern und mahnen: „Das Wissen, dass es so ein riesengroßes Leid gab", sei etwas, das nicht einschlafen dürfe. Es müsse immer im Bewusstsein der Menschen bleiben.

Dafür möchte Nicole Kühne die Briefe weiter in die heute gebräuchliche Schrift übertragen. Zwei Drittel, ein großer Teil also, wartet noch darauf. Dann wolle sie über eine geeignete Form nachdenken, um die Briefe als Zeitdokumente möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, sagt die Schülerin.

Den Beitrag hat Marvin Pögelt geschrieben, er ist Schüler am Kamenzer Gotthold-Ephraim-Lessing-Gymnasium und hat bei der Sächsischen Zeitung in Kamenz ein Praktikum absolviert.