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„Gesprächs-Plattformen wären ein Anfang“

Jana Simon plädiert in der Kamenzer Rede für Respekt und Debattenkultur und sagt, was die Gesellschaft noch zusammenhält.

Jana Simon setzt auf die Menge der Vielen, die sich nicht nur für sich, sondern für die Allgemeinheit engagieren.
Jana Simon setzt auf die Menge der Vielen, die sich nicht nur für sich, sondern für die Allgemeinheit engagieren. © Frank Rothe

Von Michael Ernst

Mitunter zweifelt Jana Simon am Sinn ihrer journalistischen Arbeit: „Der Hass, der einem manchmal entgegenschlägt, ist brutal. Kollegen werden massiv angegriffen. Manche erhalten sogar Morddrohungen. Immer stärker beschäftigt mich die Frage, wie erreiche ich die Menschen, die Andersdenkenden. Vor allem, wenn die überhaupt nicht mehr erreicht werden wollen.“ Journalistische Arbeit ohne Publikum, das wäre in der Tat ein ernsthaftes Problem. Aber: „Und dann gibt es immer wieder Menschen, die mich bestärken und ermutigen.“

Vor dem Urteilen: kennenlernen!

Mit aufklärerischem Anspruch, wie er sich für die Lessing-Stadt Kamenz gehört, hielt die Berliner Autorin und Zeit-Reporterin Jana Simon am Mittwoch die 7. „Kamenzer Rede“ in der Klosterkirche St. Annen. Sie hat ihre etwa einstündige Ansprache unter die Überschrift „Was hält uns noch zusammen“ gestellt – ohne Fragezeichen. Dass die 1972 in Potsdam geborene Enkeltochter von Christa und Gerhard Wolf dennoch starke Fragen aufwerfen würde, lag auf der Hand. Das tut sie in ihren meist sehr originellen, menschlich stets nahegehenden Porträts und Reportagen ebenso wie in den von ihr publizierten Büchern. Zuletzt mit dem im Fischer-Verlag veröffentlichen „Unter Druck“, dem Resultat einer journalistischen Langzeitstudie höchst unterschiedlicher Persönlichkeiten.

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Als ebenso aufmerksame wie sensible Beobachterin durfte sie auch in Kamenz erlebt werden, wo coronabedingt nur etwa 100 Menschen in die somit rasch ausverkaufte Klosterkirche kommen durften.

Jana Simon gilt als Autorin mit Wahrheitsethos und hoher Sprachgabe, auch das hat sie in ihrer Rede unter Beweis gestellt und rhetorisch klar ihre Meinung vorgetragen, ohne dem Publikum eine Wertung aufzudrängen. Neugierde und Unvoreingenommenheit gehören zum Berufsethos von Jana Simon, die über ihre Gesprächspartner nicht urteilt, sondern sie erst einmal kennenlernen will.

Es sind tatsächlich sehr unterschiedliche Menschen, über die sie redet und schreibt. Zwei Thüringer Polizisten etwa, die in Sachen der NSU-Morde wirklich aufklären wollten, auch die (beabsichtigten?) Versäumnisse bei den juristischen Ermittlungen, und die daraufhin als „Nestbeschmutzer“ verunglimpft wurden, versetzt worden sind, mundtot gemacht werden sollten. Sie berichtet von Experten des Genfer Zentrums für humanitären Dialog, die weltweit mit Kriegsverbrechern sprechen, mit Mördern sogar, um Kriegsverbrechen und Morden zu stoppen. Und sie berichtet ausführlich von Begegnungen mit jenem AfD-Politiker, dessen fragwürdiger Ruhm sich auf dem Wort „Fliegenschiss“ gründet.

„Die Corona-Eingriffe waren massiv“

Aber weder hebt Jana Simon die einen auf ein Podest noch stellt sie den anderen bloß. Es geht ihr darum, was die Gesellschaft zusammenhält. Dafür hat sie handfeste Vorschläge: „Was uns tatsächlich zusammenhält, sind die vielen einzelnen Menschen, die sich dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft funktioniert. Menschen mit Zivilcourage und Anstand. Menschen, die andere respektieren, und nicht nur das, was sie vielleicht repräsentieren. Menschen, die sich für etwas einsetzen, das über sie hinausreicht. Menschen, die etwas tun, das nicht nur für sie gut ist, sondern für uns alle.“

Mit ihrer Kamenzer Rede wollte Jana Simon ermutigen und zuversichtlich stimmen. Auch und gerade in der für alle schwierigen Pandemie: „In einer Krise, in der erst einmal niemand oder nur sehr wenige Bescheid wissen, könnte man zumindest alle Stimmen anhören, ohne sofort einen Feind oder Gegner im anderen zu erkennen. Dass wenige Stimmen in dieser Ausnahmesituation sehr viel Gewicht bekommen haben, ist vielleicht verständlich, kann einen aber durchaus mit Unbehagen erfüllen. Viele Stimmen geben Vertrauen, dass auch abwegige Meinungen gehört und strittige Fragen tatsächlich aus allen möglichen Perspektiven betrachtet werden. Denn die Eingriffe waren und sind massiv.“

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Es war eine denkwürdige Rede, die Jana Simon mit einem finalen Vorschlag krönte: Gesprächsplattformen mit Menschen aus unterschiedlichen Milieus und sozialen Schichten zu etablieren, als eine Art „Ratgeber“ für die Politik, um die Menschen wieder zusammenzuführen. Miteinander reden und, auch wenn es schwerfällt, einander zuhören und ausreden lassen. Das könnte ein Anfang sein.

MDR Kultur sendet die „Kamenzer Rede“ von Jana Simon am 22. September um 22 Uhr.

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