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Wo Kampfpiloten getestet werden

Im Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik in Königsbrück wird für schwierige Situationen trainiert - unter Weltspitze-Bedingungen.

Oberstarzt Dr. med. Helmut Fleischer leitet das Flugphysiologische Trainingszentrum der Luftwaffe in Königsbrück.
Oberstarzt Dr. med. Helmut Fleischer leitet das Flugphysiologische Trainingszentrum der Luftwaffe in Königsbrück. © René Plaul

Königsbrück. Ohne einen Lehrgang oder Test in Königsbrück geht kein Pilot der Bundeswehr in die Luft. Nur wenn alles positiv absolviert wurde, kann er in eine Maschine steigen. Am Stadtrand von Königsbrück befindet sich das Flugphysiologische Trainingszentrum des Zentrums der Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe. Und was kaum einer weiß: Es ist eines der modernsten weltweit. Selbst Astronauten kommen zum Training in die sächsische Kleinstadt, werden dort auf ihr großes Abenteuer vorbereitet.

Oberstarzt Dr. med. Helmut Fleischer leitet die Einrichtung der Bundeswehr, und er hat jede Menge Erfahrung auf dem Gebiet. Er hat über die Bundeswehr Medizin studiert, dann die Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie absolviert und auf diesem Gebiet am Standort Fürstenfeldbruck gearbeitet. Später absolvierte Helmut Fleischer eine Ausbildung der Flugmedizin, arbeitete als Fliegerarzt für die Piloten und sammelte Erfahrungen auch in Kampfjets. Zwischenzeitlich war er fünf Jahre in Amerika stationiert, und jetzt seit einem Jahr in Königsbrück.

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"Diese jahrelangen Erfahrungen auf dem Gebiet der Luftfahrt und der Medizin helfen, wenn es darum geht, andere Piloten bestmöglich auszubilden und dieses Zentrum hier zu leiten", sagt der Oberstarzt.

Lehrgänge sind Voraussetzung für Fluglizenz

Doch was wird mit den Piloten und angehenden Piloten in Königsbrück eigentlich gemacht? Dr. Fleischer erklärt: "In einem Flugzeug, besonders in einem Kampfjet, sind die Männer und Frauen den unterschiedlichsten Gefahren ausgesetzt - veränderter Druck, Sauerstoffabfall, verschiedene Witterungsverhältnisse. Das alles müssen sie rechtzeitig erkennen und entsprechend reagieren".

Im Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin wird dies den Männern und teilweise auch Frauen keineswegs rein theoretisch vermittelt. Ihnen wird in Großgeräten und Simulatoren das jeweilige Problem demonstriert, und sie lernen dann, damit umzugehen. Oder sie müssen als erfahrene Piloten zeigen, ob sie es noch können. Regelmäßige, in bestimmten Abständen zu wiederholende Lehrgänge, gehören zum Alltag, um die Fluglizenz zu behalten.

In der Zentrifuge erleben die Piloten die Beschleunigungskräfte, die auch in Kampfjets auftreten.
In der Zentrifuge erleben die Piloten die Beschleunigungskräfte, die auch in Kampfjets auftreten. © Bundeswehr/Michael Kopischke

Die technischen Voraussetzungen dafür sind in Königsbrück international gesehen auf höchstem Standard - auch Dank Millionen-Investitionen, die im vergangenen Jahr getätigt wurden. Da ist zum einen die Zentrifuge, in der Piloten wie im Kampfjet auftretende Beschleunigungskräfte erleben, die sie bis zum Neunfachen ihres Körpergewichts belastet. Zum Vergleich: In einer Achterbahn sind die Beschleunigungskräfte für kurze Zeit im Bereich des maximal Zwei- bis Dreifachen des eigenen Körpergewichts und das auch nur für ein bis zwei Sekunden.

"Bisher gab es Probleme, wenn die Zentrifuge abbremste. Mittels neuer Software konnten die Kabinenführung und die Bremsung verändert werden. Das Problem ist jetzt wesentlich kleiner", so Dr. Fleischer. Übrigens ist Deutschland neben Polen, das eine Zentrifuge des gleichen Herstellers verwenden, das erste Land, das diese Technik nutzt.

Weltweit einmalige Geräte eingebaut

In der Unterdruckkammer wurden die medizinische Überwachungstechnik und die Beleuchtungsanlage erneuert. "So können die Teilnehmer besser betreut und sie mit den verschiedensten Lichtsituationen konfrontiert werden. Die Beleuchtung ist also wie in einem echten Cockpit", erklärt der Arzt. Zusätzlich wurde auch die Nachtsehanlage erneuert, die jetzt die Ausbildung im Flug mit sogenannten Bildverstärkerbrillen (Nachtsehgeräten) zulässt.

Weltweit einmalig ist der Einbau eines speziellen Gerätes zur Sauerstoffmangeldemonstration in die sogenannten Desorientierungstrainer. Dabei handelt es sich um bewegliche Flugsimulatoren, in denen jeder Flughafen, jedes Wetter, jede Flugphase simuliert wird. Die getestete Person in dem Gerät erlebt die Situation so, als säße sie in einem Jet. "Dies jetzt mit einer Sauerstoffmangeldemonstration über eine Maske verbinden zu können, ist ein Riesenschritt nach vorn für uns", schätzt Dr. Fleischer ein. Das Königsbrücker Zentrum ist damit nicht nur deutschlandweit, sondern weltweit Vorreiter.

Und so ist es auch wenig verwunderlich, dass nicht nur deutsche Piloten nach Königsbrück zum Test kommen. Soldaten aus dem gesamten Nato-Bereich, aber auch aus anderen Ländern wie der Schweiz melden sich für einen Lehrgang im Zentrum an. Jetzt liegt sogar eine Anfrage aus Singapur zu den neuen Techniken vor.

"Absolvieren ausländische Piloten bei uns einen Lehrgang, dann wird englisch gesprochen. Das heißt, meine Mitarbeiter müssen sich sicher in dieser Sprache ausdrücken können", erklärt der Oberstarzt. Sogar zwei deutsche Astronautinnen, die im nächsten Jahr ins Weltall fliegen sollen, nahmen die Leistungen des Königsbrücker Zentrums in Anspruch.

Das Zentrum für Lufts- und Raumfahrtmedizin in Königsbrück aus der Luft gesehen.
Das Zentrum für Lufts- und Raumfahrtmedizin in Königsbrück aus der Luft gesehen. © Bundeswehr/Thilo Ulbrich

Das Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin in Königsbrück ist fast wie eine kleine Siedlung. Es gibt Unterkünfte für die Lehrgangsteilnehmer und einige Mitarbeiter, ein großes Verwaltungsgebäude, Versorgungseinheiten, eine Küche mit Kantine, Hörsäle, Fahrzeughallen und natürlich der Bereich mit den Testgeräten. Bis zu 70 Menschen können in der Kaserne untergebracht werden. Die Mitarbeiter selbst kommen fast alle aus der Königsbrücker Region, einige aus Dresden, Leipzig oder Berlin. Die meisten pendeln täglich zur Arbeit. Bei weiteren Wegen bleiben sie wochentags am Standort und fahren am Wochenende nach Hause.

Weniger Lehrgangsteilnehmer wegen Corona

50 Piloten können wöchentlich in Königsbrück ausgebildet werden, im Moment sind es aufgrund von Corona nur etwa 30. Jeder Teilnehmer bleibt etwa zwei bis drei Tage, dann wechselt die Belegung. Im Königsbrücker Zentrum gab es bisher nur wenige Corona-Fälle, die durch regelmäßige Testung sehr gut kontrolliert werden konnten, so dass unter Einhaltung der Hygieneregeln mit eingeschränktem Betrieb weiter gearbeitet werden kann.

"Es ist auch nur in ganz wenigen Bereichen überhaupt möglich, Homeoffice anzubieten. Wir müssen ja die Piloten hier am Standort an den Geräten ausbilden, das geht leider nicht von zu Hause. Aber wir bemühen uns natürlich trotzdem immer, nur so wenige Menschen, wie unbedingt notwendig, vor Ort zu haben", so Dr. Fleischer.

Was das Corona-Jahr angeht, konnte Königsbrück sogar profitieren. "Weil die Bundeswehr zum Beispiel kein Geld für Übungen oder ähnliches ausgegeben hat, kam das Geld uns zugute", sagt der Oberstarzt. 2020 war deshalb technisch gesehen für ihn ein richtig gutes Jahr. Weitere Investitionen sind für die nächsten drei bis fünf Jahre geplant: in den Umbau der Verwaltungs- und der Wohngebäude und und natürlich in Weiterentwicklungen der Technik, um an der Weltspitze zu bleiben.

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