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Nebelschütz: Ein Dorf, das vieles anders macht

"Enkeltauglich" will die Gemeinde bei Kamenz sein. Die Nebelschützer nehmen dafür auch in Kauf, dass sie für ihren etwas anderen Weg belächelt werden.

Von Anne Semlin
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Bürgermeister Thomas Zschornak will die Gemeinde Nebelschütz in eine enkeltaugliche Zukunft führen.
Bürgermeister Thomas Zschornak will die Gemeinde Nebelschütz in eine enkeltaugliche Zukunft führen. © Matthias Schumann

Nebelschütz. Wenn es um Beispiele nachhaltiger und lebendiger Dorfentwicklung geht, ist immer wieder der Name Nebelschütz zu hören. Auch in überregionalen Medien macht das Dorf bei Kamenz von sich reden. Was aber macht Nebelschütz so besonders?

Ein wichtiger Grundsatz der sorbischen Gemeinde ist die sogenannte „Enkeltauglichkeit“. Thomas Zschornak, der seit 1990 der Bürgermeister ist, erklärt: „Wir fragen uns immer: Was würden unsere Enkel dazu sagen?“ Es gehe um den Blick nach vorn: Sind die Entscheidungen von heute auch gut für folgende Generationen?

Oft sei das Dorf für seinen Weg belächelt worden, erzählt der Bürgermeister. „Manche nennen uns Spinner. Aber mit den Gedanken fängt alles an – und dazu gehört eben auch ein bisschen Spinnerei.“ Sein Büro hat Thomas Zschornak im Sport- und Gemeindezentrum, wo außerdem Vereine, der Lausitzer Höfeladen und einer von vier Jugendclubs der Gemeinde ihren Sitz haben. Vieles funktioniere vor allem deshalb, erklärt er, weil die Menschen Freude daran haben, sich zu beteiligen – wie etwa an der Organisation von gemeinsamen Festen. „Dafür sind kurze Wege in der Gemeinde nötig, und die haben wir hier.“

„Auch die leiseste Stimme hat etwas zu sagen“

Mit flinken Schritten bewegt sich der Bürgermeister durch das Dorf. Den Weg zur 2015 neu gebauten Kita säumen kleine Kräuterbeete. Gepflegt werden diese „essbaren Landschaften“ im Ort von Nebelschützern. Gegenüber haben Frauen aus dem Dorf Rabatten angelegt. Gleich neben der Kita erhebt sich ein kleiner Hügel – der Rodelberg, wie Zschornak erklärt.

Er sehe sich als Bürgermeister in der Funktion eines Lenkers, eines Dienstleisters, der sich für die Umsetzung der Projekte einsetzt, die die etwa 1.200 Einwohner der Gemeinde sich wünschen. Denn: „Auch die leiseste Stimme hat etwas zu sagen.“ So durften die Kinder vor dem Bau der Kita aufmalen, wie sie sich ihr neues Domizil vorstellen. Auf den Bildern war ein Rodelberg zu sehen, also haben sie ihn bekommen. Die Kita selbst ist „ökologisch-kreativ“ mit viel Lehm und Holz gebaut, auf einem Teil des Dachs liegen Photovoltaikmodule, auf einem anderem wachsen Pflanzen.

Die 2015 eingeweihte Kita ist aus ökologischen Materialien gebaut - und nach den Vorstellungen der kleinen und großen Nebelschützer.
Die 2015 eingeweihte Kita ist aus ökologischen Materialien gebaut - und nach den Vorstellungen der kleinen und großen Nebelschützer. © Matthias Schumann

Auf dem Festplatz der Gemeinde wurde erst kürzlich eine Tanzlinde gepflanzt. Hier gibt es außerdem einen Gemeinde-Backofen. „Solche weichen Standortfaktoren sind auch wichtig für die Menschen. Ein Ort braucht ein Zentrum“, findet Zschornak. Die Idee für die Linde kam nicht von ihm, wie er betont. Menschen, die sich auf dem Festplatz trafen, brachten den Vorschlag ein. „So entstehen Botschaften, die sollte man ernst nehmen.“

Bio-Kartoffeln vom Gemeindeacker

Auf dem Weg durch das Dorf hebt Zschornak immer wieder die Hand, um jemanden zu grüßen. Da ist zum Beispiel Ruth Tinschert, die gerade den „Lausitzer Höfeladen“ aufschließt. In dem kleinen Geschäft gibt es fast alles – von Lebensmitteln über Haushaltswaren bis hin zu Büchern und Postkarten. Vieles davon in Bio-Qualität und aus der Region – wie Mehle und Körner von der Rätze-Mühle aus Spittwitz oder dem Hofladen Löhnert aus Zockau. In einem Regal finden sich Marmeladen, Kräuter-Salz und Frucht-Essig mit Zutaten direkt aus Nebelschütz.

Auch die Kartoffeln haben keinen langen Weg hinter sich. Sie kommen vom Bio-Bauern Ignaz Wessela, der Flächen von der Gemeinde zur Pacht bekommen hat. Inzwischen seien es schon drei Bio-Bauern, die das Land der Gemeinde bewirtschaften, berichtet Thomas Zschornak. „Auch das ist ein wichtiger Bestandteil der Enkeltauglichkeit. Wir fördern die kleinräumige Landwirtschaft, die Natur wird geschützt, und wir unterstützen damit Biodiversität.“ Dazu trägt auch das Permakultur-Zentrum bei Miltitz bei, wo Pflanzen naturnah und ohne Verwendung von Pestiziden wachsen können.

Energieversorgung soll unabhängig werden

„Der Tomaš ist ein unverbesserlicher Optimist“, sagt Ruth Tinschert, während sie Waren in die Regale räumt. Bevor sie in die Oberlausitz zurückgekommen ist, hat sie in Leipzig gelebt. „Ich bin hier schon eher die Großstädterin. Und manchmal eckt man auch an, wenn die Tomaten beispielsweise nicht aufgebunden werden und man gesagt bekommt, dass das so nicht gehe“, erzählt sie. Auch Zschornak räumt ein: „Es ist nicht so, dass alle mitziehen.“ Aber Kommunikation sei eben ein Prozess. Oft, so macht es den Eindruck, hat dieser Prozess in Nebelschütz schon Früchte getragen.

Erst kürzlich wurde das neue Energiekonzept der Gemeinde mit dem diesjährigen Zukunftspreis des Sächsischen Umweltamtes ausgezeichnet. Das Konzept sieht vor, dass sich die Gemeinde langfristig selbstständig mit Energie versorgt, etwa indem man in den Gewerbegebieten und privaten Haushalten verstärkt auf Windkraft-, Biogas- und Photovoltaikanlagen setzt. Wie die Kita soll beispielsweise auch der kommunale Bauhof mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet werden.

Auch enkeltaugliche Architektur spielt eine Rolle: Auf das Haus im Vordergrund wird noch das für die Region typische Fachwerk aufgesetzt.
Auch enkeltaugliche Architektur spielt eine Rolle: Auf das Haus im Vordergrund wird noch das für die Region typische Fachwerk aufgesetzt. © Matthias Schumann

Dieser dient auch als Recyclinghof und beherbergt alte, gut erhaltene Baumaterialien. Die können bei Bauvorhaben wieder verwendet werden. Das ist nicht nur enkeltauglich im Sinne von nachhaltig, es bewahrt auch ortstypische Baumerkmale. „Unsere Enkel sollen das Dorf wiedererkennen“, sagt Thomas Zschornak und zeigt auf ein Haus an der Hauptstraße. Auf das im Bau befindliche Gebäude wird noch das ortstypische Fachwerk aufgesetzt. Der Gehweg davor ist mit Granitsteinen gepflastert, die zuvor noch Teil der Straße waren, die inzwischen asphaltiert ist.

„Die Gemeindegebietsreform hat die Menschen entmündigt. Früher hat jeder Ort für sich funktioniert, unabhängig“, meint Zschornak. Nebelschütz, so scheint es, ist auf dem Weg, diese lokale Eigenständigkeit wiederzugewinnen. Etliche Auszeichnungen bescheinigen dem Ort, dass sein etwas anderer Weg erfolgreich ist: etwa der Titel „Kerniges Dorf“ für die Gestaltung des Ortskerns oder der zweite Platz beim Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“.