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Auf dem Keulenberg geht's für Jugendliche raus aus dem Tief

Schule schwänzen, Drogen konsumieren – Jugendliche mit Problemen finden Hilfe in einer Wohngruppe in Oberlichtenau. Dort gelten strenge Regeln.

Von Heike Garten
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Lina, Lucas und Nele freuen sich über die neuen Fahrräder, die die Wohngruppe auf dem Keulenberg in Oberlichtenau jetzt über die Aktion Lichtblick der Sächsischen Zeitung erhalten hat.
Lina, Lucas und Nele freuen sich über die neuen Fahrräder, die die Wohngruppe auf dem Keulenberg in Oberlichtenau jetzt über die Aktion Lichtblick der Sächsischen Zeitung erhalten hat. © Matthias Schumann

Oberlichtenau. Es ist ein trüber, verregneter Tag. Auf dem Keulenberg in Oberlichtenau weht ein starker Wind, fegt Äste und Laub über die Straße. Ganz anders die Stimmung bei den Mädchen und Jungen der pädagogisch-therapeutischen Wohngruppe, die auf dem Gipfel des Berges ein zweites, vorläufiges zu Hause gefunden haben.

Lina, Emily, Nele und Lucas* sind gut drauf an diesem Tag. Sie sitzen in bequemen Sesseln im Besprechungsraum und quatschen. Es wird viel gelacht. Dabei ist der Grund, warum sie jetzt in dieser Wohngruppe leben, so gar nicht zum Lachen. Sie hatten Probleme mit den Eltern, in der Schule, nahmen Drogen oder tranken Alkohol. Jeder von ihnen kann seine eigene Geschichte erzählen.

Lina ist 17 und kommt eigentlich aus Freital. Sie hat einen kleinen Sohn, der jetzt beim Papa lebt. Vor allem der Konsum von Drogen und Alkohol, das Verhalten in der Schule haben dazu geführt, dass sie über das Jugendamt letztlich in die Wohngruppe kam. „Hier fühle ich mich wohl, komme auch mit den Regeln und den Aufgaben gut klar“, erzählt sie. Für sie ist es wie ein Neuanfang mit dem klaren Ziel, die Schule abzuschließen und vor allem ihr Kind wiederzubekommen. Sie sieht die Therapie in der Wohngruppe als Chance, sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Tagelang der Schule fern geblieben

Ähnlich geht es auch der 15-jährigen Emily, die aus Riesa kommt. Ihr Problem war vor allem das Schuleschwänzen, manchmal tagelang. „Wenn ich dann doch in die Schule kam, wurde ich dumm angemacht, es begann ein Kreislauf“, erzählt sie. Seit fünf Monaten wohnt sie jetzt schon auf dem Keulenberg. Zur Zeit leistet die Jugendliche Sozialstunden in einer Kita in Pulsnitz. Die Arbeit in der Kita gefällt ihr, wie auch das Leben in der Wohngruppe.

Lucas ist 17 Jahre und stammt aus Wurzen. Er lebt erst seit sechs Wochen in Oberlichtenau. Vor allem der Konsum von Alkohol und Drogen war sein Problem. Inzwischen hat er sich eingelebt und fühlt sich wohl. „Wir sind nicht ohne Grund hier, und es ist wichtig für mich, wieder eine normale Struktur in mein Leben zu bringen“, sagt er offen.

Nele wohnt seit Mitte August vergangenen Jahres in der Gruppe. Sie hatte vor allem mit psychischen Problemen und Traumata zu kämpfen. „Und ich kam mit meinen Eltern und den Geschwistern nicht klar“, sagt sie. Jetzt fühlt sie sich besser.

15 Betreuer für neun junge Leute

Seit 2015 gibt es die pädagogisch-therapeutische Wohngruppe auf dem Keulenberg in Oberlichtenau. Das Haupthaus befindet sich in der ehemaligen Gaststätte. Zum Bereich gehören aber auch ein kleines Schulgebäude, eine Turnhalle, ein Schuppen, ein Sportplatz und ein großes Freigelände mit Pavillon und Feuerstelle. Es ist viel Platz, aber den Jugendlichen bleibt ja auch nicht viel anderes. Sie halten sich fast ausschließlich Tag und Nacht dort auf. Ausnahmen bilden Ausflüge, Besuche zu Hause oder auch Fahrten zu festen Terminen. Träger der Wohngruppe ist die Radebeuler Sozialprojekte Gesellschaft.

Derzeit leben neun Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahre in der Wohngruppe. Der Platz ist für insgesamt bis zu zehn Mädchen und Jungen ausgelegt. Betreut werden sie von 15 Mitarbeiter, angefangen von pädagogischen Betreuern über Therapeuten, einen Schulbegleiter bis hin zu einer Moderatorin. Rund um die Uhr sind Mitarbeiter anwesend, kümmern sich um die Jugendlichen. „Das alles kostet ganz schön viel, aber die Sache ist es wert“, sagt Sozialpädagogin Patricia Gill. Die Königsbrückerin arbeitet seit einem Jahr in der Wohngruppe.

Drei Zigaretten am Tag sind erlaubt

Sie kennt die Probleme der jungen Leute, weiß, dass es gute und schlechte Tage gibt. „Vor allem am Anfang haben es viele unserer Bewohner schwer, sich mit dem strengen Tagesablauf und den Regeln im Haus anzufreunden. Das fließt auch schon mal eine Träne“, sagt die Sozialpädagogin. Viel Freiheiten, wie sie andere Jugendliche in dem Alter haben, gibt es nicht, stattdessen feste Zeiten für Schule, Arbeitstherapie, Mahlzeiten, Handynutzung, Freizeit.

Es ist festgelegt, wie viel Zigaretten jeder rauchen darf: drei am Tag. Alkohol und Drogen sind tabu, und das wird auch kontrolliert. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Punktabzug auf seinem Konto und damit weitere Einschränkungen. Es ist für alle Bewohner kein Spaß, und trotzdem fühlen sich die jungen Leute wohl. Sie wirken sicher und voller Selbstbewusstsein.

„Unser Ziel ist es, dass alle einen Schulabschluss schaffen, dass sie später ein selbstbestimmtes Leben führen können und den Umgang mit dem Suchtdruck lernen“, sagt Partricia Gill. Man sieht ihr an, dass ihr die Arbeit mit den jungen Leuten Spaß macht.

Einen besonderen Grund zur Freude hatten die Bewohner Ende vergangenen Jahres. Die Gruppe erhielt von der Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung drei Fahrräder geschenkt. Damit können jetzt noch besser eigene Termine wahrgenommen oder mal ein Ausflug unternommen werden. Und Emily nutzt ein Rad für den Weg zu den Sozialstunden in der Kita in Pulsnitz.

*Namen von der Redaktion geändert