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Kampf um die Pizza

Nach 25 Jahren schließt ein Traditionsitaliener in der Neustadt. Ist das jetzt der Siegeszug der Billig-Pizza?

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© Sven Ellger

Von Sarah Grundmann und Julia Vollmer

Wer mittags zumacht, ist schon halbtot: So lautet ein italienisches Gastronomie-Sprichwort, erzählt Fabio Nicosia. Der Inhaber des Al Capone schließt jetzt aber nicht nur über die Mittagszeit, sondern gibt seinen Laden komplett auf. Am Dienstagmittag bereitet er weder Pastagerichte noch Salamipizzen zu, sondern packt Umzugskisten. Sein Laden hat seit Anfang der Woche geschlossen und das nach über 25 Jahren in der Neustadt.

„Die Neustadt hat sich zu sehr verändert, die Konkurrenz ist immer mehr gewachsen, und das Publikum ist gleichzeitig weniger geworden“, erzählt der Italiener. In den letzten Jahren eröffneten immer mehr Imbisse und Pizzalieferservices. So zum Beispiel Evas Pizza in der Görlitzer Straße. Dort werden Gerichte für fünf bis sechs Euro verkauft. Zudem werden Pizzen immer häufiger auch in anderen Imbissen angeboten. Da könne das Al Capone nicht mithalten.

„Ich kaufe gute Qualität, wenn ein Kilo Schinken zwölf Euro kostet, muss ich die Pizza für mindestens sieben oder acht Euro anbieten“, berichtet Nicosia. Doch die Kundschaft würde immer mehr auf den Preis und die Menge und immer weniger auf die Qualität achten.

Der Gastronom beobachtet, dass gerade am Freitag und Sonnabend weniger Menschen im Szeneviertel unterwegs sind. „Die Neustadt ist leer“. Sein Umsatz ging immer weiter zurück, von fünf Mitarbeitern konnte er nur noch drei halten. Er wollte sich nicht weiter verschulden und zog die Konsequenz. Ein Problem, das auch andere Gastronomen, vielleicht sogar speziell Pizzerien, in der Neustadt kennen?

Das Viertel verändert sich

Ja, sagt Torsten Wiesner vom Gewerbeverein. Das Viertel verändere sich rasant. Läden öffnen, andere schließen. Auch das Publikum sei mittlerweile ein anderes geworden. Viele Neustädter sind mit ihrem Viertel erwachsen geworden, haben Kinder bekommen und können nicht mehr dreimal pro Woche essen gehen. „Doch Läden, die gute und solide Arbeit machen, halten sich“, ist sich Wiesner sicher.

So wie das La Casina Rosa, das Antonio Sensale seit über 20 Jahren in der Alaunstraße führt. „Evas Pizza oder Hello Pizza: Das ist nicht mein Publikum und keine Konkurrenz für mich“, betont Antonio Sensale. Der Chef und Koch des Restaurants setzt auf Qualität und Tischkultur und fährt damit gut.

Für frische Zutaten und einen Abend mit freundlichen Kellnern und weißen Tischdecken geben seine Kunden gerne mehr Geld aus, ist er sich sicher. Doch mittags kämpft auch Sensale mit den Billig-Konkurrenten. Er bietet jeden Tag drei wechselnde Gerichte für rund sieben Euro an, und trotzdem bleiben die Kunden weg.

Auch um eine Schließung des Vecchia Napoli in der Alaunstraße machten sich Gerüchte breit. Denn seit Tagen ist die Filiale nahe des Kulturzentrums Scheune mit Plastikfolie verhängt. Ein Blick ins Innere zeigt, dass das Lokal leer geräumt ist. Ein Hinweis für die Gäste war weder am Schaufenster noch auf der Internetseite zu finden. Doch die Restaurantleiterin Gitta Wobst gibt Entwarnung:

Das Lokal wurde lediglich umgebaut und frisch gestrichen. Bereits in der vergangenen Woche hatten die Arbeiten begonnen. Am Mittwochabend können Gäste wieder wie gewohnt ab 17 Uhr Pizza und Pasta essen. „Einen Hinweis haben wir nicht angebracht, weil wir nicht genau wussten, bis wann wir mit den Arbeiten fertig sind und wieder öffnen“, so Wobst.

Die Gerüchte um eine Schließung kann sie nicht verstehen: „Es gibt uns seit 20 Jahren, und uns wird es auch die nächsten 20 Jahre geben“ so die Restaurantleiterin. „Natürlich haben auch wir Probleme, das hat wohl jeder Gastronom.“ So sei die Gästezahl gesunken. Wobst macht hierfür vor allem die montäglichen Demonstrationen verantwortlich, die Touristen und damit – gerade für das Vecchia Napoli – auch potenzielle Gäste aus der Stadt fernhalten würden. Die Konkurrenz durch günstige Lieferservices sei nicht das Problem.

Und auch für das Al Capone gibt es noch einen kleinen Hoffnungsschimmer. Besitzer Nicosia sucht schon seit Langem nach einem anderen, kleineren Laden. Gerne mit Garten oder Terrasse. Doch das sei in der Neustadt nur schwer zu finden. In der Alaunstraße ist nun jedenfalls erst einmal Schluss, sagt der Gastronom und packt weiter seine Umzugskisten.