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Kann die Stadt das stemmen?

Großenhain steht vor einem großen Abwasser-Problem, das eigentlich noch die Alt-Gemeinde Zabeltitz betrifft.

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© Anne Hübschmann

Von Birgit Ulbricht

Stroga/Großenhain. Harte Worte. „Ich fühle mich nicht als Großenhainer“, sagte der Strogaer Ortschaftsrat André Manig, „das möchte ich dem Stadtrat als Einziges dazu sagen.“ Er war sichtlich aufgebracht über die Entscheidung des Großenhainer Stadtrates – und der saß tatsächlich zwischen Baum und Borke in einer Sache, die längst noch nicht ausgestanden ist.

Was war da passiert am Mittwochabend im Rathaussaal? Die Stadträte hatten ein Uraltproblem auf den Tisch bekommen, das eigentlich nicht ihres ist – die Zustände der Abwasserentsorgung in Stroga und Nasseböhla vor der Eingemeindung – sprich die viel höheren Kosten für die Bürger, die am Klärwerk Stroga angebunden sind. Ob das nun daran liegt, weil das alte Klärwerk heruntergelumpert wurde, wie Erhardt Holdt von der Bürgerinitiative Stroga/Nasseböhla sagt, oder weil der Neubau mehrfach und falsch geplant wurde, wie Stadtrat Ramon Kuhbach behauptet, oder aber von allem etwas – die Gebühren verdoppelten, ja verdreifachten sich, und seit Jahren kämpfen die Strogaer nun schon gegen die aus ihrer Sicht nahezu kriminelle Abzocke durch den Abwasserzweckverband Röderaue. Der Verband hatte 2003 nach ordentlichem Gemeinderatsbeschluss der Zabeltitzer die Entsorgung übernommen – ein Beschluss, der damals schon umstritten war in der Gemeinde.

Petition bringt nichts

Was dann an Berechnungen nach und nach folgte, sorgte für noch mehr Streit und nach der Eingemeindung 2009/2010 für den Wunsch der Bürger, in den Großenhainer Verband zu wechseln. Schließlich wandte sich die Bürgerinitiative Stroga sogar mit einer Petition an den entsprechenden Ausschuss des sächsischen Landtages. Die Großenhainer Landtagsabgeordnete der Linken und Vorsitzende des Petitionsausschusses, Kerstin Lauterbach, konnte da aber auch nicht weiterhelfen – wie so oft kam irgendwann die Antwort man „könne dem Problem nicht abhelfen“. Natürlich nicht, denn mehrere Gebührenkalkulationen nachträglich zu prüfen, eventuelle Fehlplanungen oder gar Misswirtschaft, das könne nur ein Gericht, wie auch Oberbürgermeister Sven Mißbach völlig richtig am Mittwochabend argumentierte. Die Stadt Großenhain könne nicht juristische Dinge klären, die gar nicht in ihrer Zuständigkeit passiert sind. Das Problem ist allerdings ein anderes: Die Strogaer/Nasseböhlaer wollen nach Großenhain. Auch mit ihrer Abwasserentsorgung. Dafür müssten sie den Verband wechseln. Doch in Großenhain wehrt man ab. „Eine Insellösung kann es nicht geben“, sagt OB Mißbach. Sprich, wenn Stroga aus dem Verband Röderaue austreten würde, wöllten auch Strauch und Görzig heraus – das ist allen in Großenhain klar. Doch davor scheut man.

Kosten-Lawine befürchtet

Allein der Wechsel von Stroga wäre bürokratisch schwierig, weil beide Verbände dem widersprechen– Großenhain und Röderaue. Kostenmäßig wäre es ein ungeheuerlicher Kraftakt für Großenhain. Der Verband „Gemeinschaftskläranlage Großenhain“ – zu dem im Übrigen auch Priestewitz gehört – müsste die Abwasseranlagen aus dem Röderauer Verband herauskaufen.

Insgeheim haben die Insider schon mal gerechnet: Um rund einen Euro würde dann die Abwassergebühr für die Bürger im Altgebiet Großenhain und Priestewitz steigen! „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gewollt ist“, so jemand am Rande der Stadtratssitzung. Vor so einer Kostenlawine fürchtet sich nicht nur das Großenhainer Rathaus. Auch die Stadträte wollten das ihren Bürgern trotz allen Verständnisses für die Strogaer nicht zumuten. Zu groß ist die Angst, sich zu überheben und die Wut der Bürger auf sich zu ziehen. Das ist der eigentliche Hintergrund, weshalb es der Stadtrat bei vier Gegenstimmen (Die Linke) und einer Enthaltung ablehnte, die Strogaer und Nasseböhlaer in den Großenhainer Abwasserverband aufzunehmen.

Das Problem ist damit keineswegs vom Tisch. Die Bürger sind enttäuscht und wollen sich damit nicht abfinden, so Erhardt Holdt. Der Stadtrat hat der Verwaltung deshalb zumindest auch den Auftrag mit auf den Weg gegeben, mal in Ruhe zu schauen, was künftig möglich ist und was das für Alt-Großenhain bedeuten würde. Allein das zu ermitteln, wird noch viele Gespräche und Gutachten dauern. OB Mißbach gab den Bürgern trotzdem mit auf den Weg, die Sache endlich gerichtlich klären zu lassen, zum Beispiel, wenn der nächste Gebührenbescheid ins Haus flattert.