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Kinderarztsuche auf allen Kanälen

Nach der Praxisschließung von Rosemarie Kandzia geben die Eltern nicht auf. Auch Großenhains OB will helfen.

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© Fotomontage: A.Hübschmann

Von Catharina Karlshaus

Maxi Neumann hat im Moment alle Hände voll zu tun. Nicht nur, dass die Mutter einer 16 Monate alten Tochter rund um die Uhr ihren aufgeweckten Nachwuchs betreuen muss. Die 23-Jährige hat in ihren eigenen vier Wänden gewissermaßen ein kleines Büro eröffnet. Bereits 6.30 Uhr loggt sie sich das erste Mal ins Internet ein, schreibt an Radio oder Fernsehsender, und postet auf Facebook jenen Hilferuf, der mittlerweile in ganz Deutschland gelesen werden kann. „Kinderarzt gesucht in Großenhain“, steht da in fetten Buchstaben. Und zwar ab sofort, möglichst morgen und am besten eigentlich noch gestern, lautet die ungeschriebene Botschaft zwischen den Zeilen.

Immerhin: Am vergangenen Donnerstag hat Rosemarie Kandzia sich nach 23 Dienstjahren auf der Großenhainer Carl-Maria-von-Weber-Allee in den Ruhestand verabschiedet. Traurig darüber, dass sie nach intensiver Suche keinen Nachfolger für ihre Praxis gefunden hat. „Es wäre einfach ein besseres Gefühl zu wissen, dass die Patienten weiterhin in guten Händen sind“, bekennt Rosemarie Kandzia. Zwar wären sie das bei den noch verbliebenen zwei Kinderärztinnen Dr. Christine Spargen und Dr. Vera Illig selbstverständlich auch.

Aber die beiden Medizinerinnen seien ebenfalls gut ausgelastet und könnten nicht all ihre Schützlinge übernehmen. „Wir waren schon immer drei Kinderärzte in Großenhain und hatten alle drei gut zu tun. Der Bedarf ist einfach da und umso mehr, nachdem Frau Dr. Lenk in Schönfeld ebenfalls ihre Praxis geschlossen hat“, weiß Rosemarie Kandzia.

Seit Mittwoch ist die beliebte Ärztin ganz offiziell Rentnerin, zu tun hat sie allerdings noch genug. Packt Kisten und ist mit der Sortierung der zahlreichen Patientenakten beschäftigt. Den Glauben daran, dass in den Räumen noch einmal behandlungsbedürftige Mädchen und Jungen warten, hat sie nicht verloren. „Die Genehmigung gilt noch ein halbes Jahr. Da muss doch etwas zu machen sein!“

Maxi Neumann und ihre Mitstreiter, die sich unlängst zu einer Interessengemeinschaft zusammengefunden haben, versuchen jedenfalls momentan alle Hebel in Bewegung zu setzen. „Es muss einfach zu schaffen sein, dass wir jemanden finden! Die beiden noch vorhandenen Ärztinnen können nicht alle Patienten aufnehmen und wir Eltern wissen mit unseren Kindern nicht wohin“, fasst Melinda Berger aus Großenhain die Situation zusammen.

Die Mutter einer anderthalbjährigen Tochter sei gemeinsam mit ihrem Bruder selbst Patientin bei Rosemarie Kandzia gewesen. Als sie dann ihr eigenes Kind zur Welt gebracht habe, wäre sie nach eigenem Bekunden dankbar gewesen, sich in die medizinische Obhut einer Kinderärztin vor Ort begeben zu können. Denn das Problem: „Viele junge Mütter haben so wie ich auch gar kein Auto, um irgendwohin fahren zu können. Es ist eine große Strapaze besonders für die erkrankten Kinder, im Akutfall mit dem Zug nach Riesa oder Dresden fahren zu müssen“, gibt Melinda Berger zu bedenken. Schon aus diesem Grund unterstütze sie die von Ute Schramm gegründete Gruppe.

Nachdem bereits mehrere Zeitungen in verschiedenen Bundesländern kontaktiert wurden, erhoffen sich die Eltern nun auch Hilfe vom Fernsehen. „Wir sind auf den Hilferuf durch das Internet aufmerksam geworden und haben uns daraufhin mit Frau Naumann telefonisch in Verbindung gesetzt“, sagt Jana Stoesser. Die Mitarbeiterin einer freien Produktionsfirma mit Sitz in Hamburg erarbeitet unter anderem Beiträge für Sat 1, RTL und ZDF. Wie der über den kinderärztlichen Hilferuf aus der Röderstadt in Fernsehbildern ausschauen könnte, stehe noch nicht fest. Für Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach dagegen, die Angelegenheit ganz und gar nicht aus den Augen zu verlieren. Wie Rathaussprecherin Diana Schulze am Mittwoch erklärt, habe er sich in der vergangenen Woche mit der Landesärztekammer in Verbindung gesetzt.

Angesichts der Frist von einem halben Jahr dränge die Zeit. Die Kandziasche Arztstelle kampflos aufzugeben, sei keine Option. Erst recht nicht, da in der Stadt Familien mit Kindern sehr erwünscht sind.