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Heydaer BMW-Bande verursacht Millionenschaden

Die Täter sollen BMW im Gesamtwert von 10,41 Millionen Euro gestohlen haben. Vor dem Landgericht Chemnitz sind 20 von vermutlich 40 Taten angeklagt.

Von Cathrin Reichelt
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Vor dem Landgericht Chemnitz müssen sich sieben Männer aus Belarus wegen Bandendiebstahls verantworten.
Vor dem Landgericht Chemnitz müssen sich sieben Männer aus Belarus wegen Bandendiebstahls verantworten. © haertelpress

Chemnitz/Waldheim. Es ist der größte Sitzungssaal des Landgerichts Chemnitz. Kurz vor der Verhandlung zu deutschlandweiten BMW-Diebstählen wird der Saal noch einmal umgeräumt. Trotzdem wird es eng.

Denn an den Tischen müssen sieben Angeklagte, 13 Verteidiger, vier Dolmetscher, zwei Richter, zwei Schöffen und der Staatsanwalt Platz finden. Die Zuschauer sind von ihnen durch eine Stuhlreihe getrennt, von der aus 13 Justizbeamte die Angeklagten im Blick behalten.

Professionelles Vorgehen

Die Männer aus Belarus, Litauen und der Ukraine werden in Fuß- und Handfesseln vorgeführt. Anfang Mai waren sie im Zusammenhang mit einer Razzia im Heydaer Autoservice an der B 169 festgenommen worden. Seitdem sitzen sie in Untersuchungshaft – in den Justizvollzugsanstalten Dresden, Leipzig, Zwickau und Görlitz.

Angeklagt sind gewerbsmäßiger und teilweise schwerer Bandendiebstahl sowie Hehlerei. Laut Staatsanwaltschaft sollen sich die in Untersuchungshaft sitzenden und weitere bisher unbekannte Männer Anfang 2020 mit dem Ziel zusammengeschlossen haben, in ganz Deutschland hochwertige BMW zu entwenden, anschließend zu zerlegen, die Fahrzeugteile nach Osteuropa zu bringen und dort zu verkaufen.


Bei einer Razzia im Mai dieses Jahres wurden die Männer festgenommen, die seit dieser Woche wor Gericht stehen.
Bei einer Razzia im Mai dieses Jahres wurden die Männer festgenommen, die seit dieser Woche wor Gericht stehen. © Polizeidirektion Chemnitz

Für das Zerlegen der Fahrzeuge soll einer der Angeklagten, der auch als Kopf der Bande gilt, die Halle beim Autoservice Heyda gemietet haben. Die Täter seien sehr organisiert gewesen, sagt Staatsanwalt Christian Seifert. Es habe die Fahrzeugbeschaffer, Zerleger, Schrauber, Transporteure und Geldboten gegeben.

Die Vorgehensweise bei den Diebstählen sei immer dieselbe gewesen. Die Täter hätten ein nicht identifiziertes System zur Fernstreckenverlängerung genutzt und damit die BMW ohne Schlüssel geöffnet. Gleichzeitig sei die Wegfahrsperre deaktiviert worden. Beim Einsteigen hätten die Täter dann das Ortungsgerät der Fahrzeuge zerstört.

Zwei Diebstähle misslungen

Zwei versuchte Diebstähle im Frühjahr 2020 gingen schief. Bei der ersten Tat wurden die Täter durch den Besitzer des 55.000 Euro teuren BMW X3 gestört. Einen BMW M 2 im Wert von 65.000 Euro konnten sie in Lüneburg zwar entwenden.

Doch dann gerieten sie auf der Autobahn in eine Polizeikontrolle. Vor dieser flüchteten sie mit einer Geschwindigkeit von 230 Kilometern pro Stunde über die Autobahn und anschließend mit 100 bis 120 km/h durch zwei Ortschaften, nach denen sie gestoppt werden konnten.

Bei dem Fahrer wurde ein Atemalkoholwert von 1,8 Promille gemessen. An dem BMW war ein Sachschaden in Höhe von 12.600 Euro entstanden. Dieser Angeklagte muss sich zusätzlich wegen Gefährdung des Straßenverkehrs und eines verbotenen Kraftfahrzeugrennens verantworten.

Viele weitere Diebstähle sind geglückt. In der Heydaer Halle an der B 169 sind bei der Razzia am 6. Mai dieses Jahres Teile von mindestens 40 BMW gefunden worden. Wegen 19 vollendeter Taten und einer begonnenen müssen sich die sieben Männer nun verantworten.

Durch die Fahrzeugteile oder andere Utensilien, wie Transponder, eine Notarzttasche, Visitenkarten, einen USB-Stick oder einen Schlüsselbund konnten auch die schon zerlegten BMW ihren ursprünglichen Besitzern zugeordnet werden.

In der Halle im Autoservice Heyda wurden Teile von mindestens 40 BMW gefunden.
In der Halle im Autoservice Heyda wurden Teile von mindestens 40 BMW gefunden. © Polizeidirektion Chemnitz

Den Angeklagten werden Diebstähle von BMW in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Bayern und Thüringen vorgeworfen. Die BMW, die sie dort gestohlen haben sollen, haben Zeitwerte zwischen 30.000 und 130.000 Euro und einen Gesamtwert von 10,41 Millionen Euro.

Zweimal sind Fahrzeuge auf dem Weg nach Heyda in Schlegel geblitzt worden. „Der Fahrer war aber nicht zu erkennen“, so Staatsanwalt Seifert. Ein BMW besaß ein zusätzliches Ortungssystem, das als letzten Standort die Talstraße in Gebersbach anzeigte, bevor er endgültig verschwand.

Außerdem sei während der Durchsuchung im Mai ein BMW X5 auf den Hof des Autoservice Heyda gefahren. Als der Fahrer die Situation erkannte, habe er das Areal in zunächst unbekannter Richtung wieder verlassen. Der BMW sei später in einem Wald bei Döbeln gefunden worden. Vom Fahrer fehlte jede Spur. Er sei geflüchtet und habe die relevanten Teile des Fahrzeugs zuvor so gereinigt, dass nicht nachvollziehbar sei, wer es gefahren hat.

Schweigende Verteidigung

Jedem der Angeklagten werden mehrere Taten vorgeworfen. Zwei von ihnen sollte der Führerschein entzogen werden, da sie sich zum Führen eines Kraftfahrzeuges als ungeeignet erwiesen haben, sagt der Staatsanwalt.

Bei drei Angeklagten wurde die Eröffnung des Hauptverfahrens in einigen Anklagepunkten abgelehnt. „Nicht jeder, der sich an der Tat einer Bande beteiligt, ist auch Mitglied einer Bande. Gleichzeitig kann nicht jede Tat jedem Mitglied einer Bande zugerechnet werden“, erklärt der Vorsitzende Richter Kay-Uwe Sander.

Auf dessen Frage, ob sie sich zu den Vorwürfen äußern wollen, lassen alle sieben Angeklagte über ihre Anwälte mitteilen, dass sie sich schweigend verteidigen und maximal Angaben zu ihrer Person machen wollen. Es folgen neun weitere Verhandlungstage.