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Kritischer Bauernblick

Mindestlohn und niedrige Preise erschweren die Arbeit hiesiger Agrarunternehmen. Das hat Folgen für die Zukunft.

© Brühl / Archiv

Von Jörg Richter

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Skäßchen. Die Geweihe in Manfred Engelmanns Büro lassen keinen Zweifel: Er ist Jäger aus Leidenschaft. Der Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Skäßchen nutzt die Jagd, um sich abzulenken und nachzudenken. Das Thema Asyl nerve ihn nur noch, sagt der 63-Jährige. Der Diplomagrarökonom, der fünf landwirtschaftliche Unternehmen leitet, hat ganz andere Sorgen. Immerhin müssen jeden Monat 70 Mitarbeiter bezahlt werden, und das trotz Preisverfall und Mindestlohn. – Ein Blick auf seine Trophäenwand zeigt: Er macht sich sehr viele Sorgen.

Dabei sieht doch alles, von außen betrachtet, so rosig aus wie ein Schweine-Popo. Der Betrieb produziert 24 000 Ferkel pro Jahr. Jede Sau ist ein Hochleistungsvieh, bringt 32 Ferkel pro Jahr zur Welt. Normal seien 25, so Engelmann. Auch bei Milchkühen überlassen die Bauern längst nichts mehr dem Zufall. Rinder werden so besamt, dass mit 93-prozentiger Wahrscheinlichkeit weibliche statt männliche Kälber entstehen. Der neue Stall bei Skäßchen, der für 500 Milchkühe letztes Jahr eingeweiht wurde, soll innerhalb von zwei, drei Jahren durch eigene Zucht ausgelastet sein. Auch ein zweites Melkkarussell ist schon geplant. „Das sind alles hervorragende Zahlen“, sagt Manfred Engelmann, „und doch kommen mir die Tränen, denn der Verbraucher dankt es uns nicht.“

Die Bauern erhalten von den Molkereien nur 25,5 Cent für einen Liter Milch. Großfleischereien zahlen für ein Kilo Schweinefleisch nur 1,35 Euro. Und ein Ei bringt dem Landwirt gerade mal 6,5 Cent. Alles nur, damit die großen Discountmärkte diese landwirtschaftlichen Produkte für wenig Geld anbieten können. „In keinem anderen Mitgliedsstaat Europas sind Lebensmittel wertloser als bei uns in Sachsen oder Deutschland“, kritisiert Günther Drobisch, der Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes (RBV) Elbe/Röder. Die Preise, die die Bauern erhalten, würden lediglich zwei Drittel der anfallenden Kosten decken. „Das ist für die Betriebe eine Katastrophe“, so Drobisch.

„Ohne gute Leute funktioniert das Ganze nicht“

Der staatlich verordnete Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde verschärft die wirtschaftliche Situation der Agrargenossenschaften ab diesem Jahr zusätzlich, auch wenn er innerhalb von drei Jahren moderat angehoben wird. Laut Rahmentarif verdienen Bauern in diesem Jahr mindestens 7,20 Euro, im nächsten Jahr 7,90 Euro und ab 2017 immerhin 8,60 Euro pro Stunde.

Alle landwirtschaftlichen Betriebe würden sich dran halten, bestätigt Drobisch. „Ich weiß von großen Betrieben, die ein großes Melkkarussell haben, die deutlich über Tarif bezahlen, weil das echt eine schwere Arbeit ist“, sagt der RBV-Geschäftsführer. „Und sie müssen auch erst einmal gute Leute finden. Ohne sie funktioniert das Ganze nicht.“

Zu allem Überfluss macht die große Weltpolitik den hiesigen Bauern mächtig zu schaffen. Einige Absatzmärkte sind weggebrochen. Wegen des Russland-Embargos der EU-Staaten und der schwächelnden Wirtschaft Chinas – die Chinesen lieben sächsischen Käse – seien rund zwei Prozent mehr Milch auf dem deutschen Markt. Das klingt wenig, hat aber enorme Auswirkungen. Denn die Molkereien nutzen dieses Überangebot zu ihrem Gunsten aus, um den Milchpreis zusätzlich zu drücken. Das mache vier bis fünf Cent pro Liter aus. Drobisch: „Umso viel könnte der Milchpreis eigentlich höher liegen.“

Manfred Engelmann, der auch zwei kleine Edeka-Märkte auf dem Land betreibt, weiß aus Gesprächen mit Kunden, dass sie durchaus Verständnis für die Probleme der hiesigen Bauern haben. Doch ein Blick in die Warenkörbe zeige, dass viele dennoch zu billigen Lebensmitteln greifen. Das macht Engelmann ratlos und wütend zugleich. Er sagt: „Der ständige Preisverfall ist ein trauriges Kapitel in dieser Gesellschaft.“

Das hat aber noch eine andere Auswirkung. Es gibt kaum noch junge Leute, die Agrarwissenschaft studieren und damit die Voraussetzung haben, einen großen landwirtschaftlichen Betrieb zu leiten. Die meisten Absolventen würden es vorziehen, in Ämter zu gehen, sagt Engelmann.

Funktionäre schlagen Alarm

Leiter eines Agrarbetriebes zu werden, bedeutet, sich in eine ungewisse Zukunft zu begeben. Schon jetzt gibt es anerkannte deutsche Verbandsfunktionäre, die Alarm schlagen. So zitiert Engelmann den Vorsitzenden des Bayerischen Bauernverbandes, Tobias Volkert: „Ich kenne keinen milchproduzierenden Betrieb, der noch schwarze Zahlen schreibt.“ Diese Aussage findet Engelmann für maßlos übertrieben. Sie hilft dem 63-Jährigen auch nicht bei der Suche nach einem Nachfolger.

Und noch ein Vorurteil regt ihn auf: Die Bauern würden sich von EU-Subventionen die modernsten Traktoren kaufen. „Welcher davon ist bezahlt?“, fragt er. Die meisten sind geleast, um den zu versteuernden Jahresgewinn zu minimieren. Doch jede Leasingrate muss erst einmal verdient werden. Engelmann: „Bei uns fährt jede Maschine bis zum bitteren Ende, weil kein Geld für Investitionen da ist.“