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Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt

Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt! Diese kategorische Ansage schallt oft durch den öffentlichen Raum. Vor allem unterwegs, an Bahnhöfen und Flughäfen, wird davor gewarnt, sein Gepäck aus den Augen und aus dem Sinn zu verlieren.

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Von Tobias Petzoldt

Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt! Diese kategorische Ansage schallt oft durch den öffentlichen Raum. Vor allem unterwegs, an Bahnhöfen und Flughäfen, wird davor gewarnt, sein Gepäck aus den Augen und aus dem Sinn zu verlieren. Im Extremfall wird gesprengt, was früher ins Fundbüro kam. Wie aber ist es mit dem Gepäck, das wir unsichtbar durchs Leben schleppen?

Alles das, was wir durch unsere Biografie mit uns herum tragen und was sich festgesetzt hat in Herz und Hirn, in Speicher und Seele, in Haut und Haar? Auch das gilt es, nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Auch darauf muss man achtgeben, auch hier muss man abstoßen, was man nicht mehr braucht. Zum inneren Ausmisten sieht das Kirchenjahr jene Zeit um Bußtag und Ewigkeitssonntag vor, die gerade vor uns liegt. Im Angesicht der Endlichkeit soll geprüft werden, was man zum Leben braucht.

Was zu viel ist, kann weg. Hierzu zählen auch zu viel gesagte und verletzende Worte, böse Gedanken, begangene Schuld. Alles das soll erkannt und ausgeräumt werden. Umgekehrt ist es Zeit, selbst erfahrenes Unrecht und erlittene Verletzungen abzugeben und sie nicht länger lähmend im Weg stehen zu lassen. So bieten die Tage dieser Jahreszeit die Chance, sich einmal zu einer kurzen Ruhe zu setzen und zu schauen auf den Weg, der zurückgelegt wurde: Du siehst, wo du herkamst, wo deine Schritte zum ersten zaghaften Mal ihren eigenen Weg fanden. Und du schaust zurück, ohne Vorwurf und abstoßende Gesten nach Art einer Familienaufstellung. Vielmehr blickst du auf das, was du bekommen hast, unterm Baum, im Alltag und vor Schreck.

Da ist vieles, was zu dir gehört, gewollt und ungewollt. Manches gibt dir Kraft und Nahrung, anderes wurde Ballast mit der Zeit. Dann stehst du wieder auf, stehst dazu und gehst weiter, deinen Weg durch deine Lebenslandschaft. Durch Hohes und Helles, Fettes und Faules, Knappes und Karges.

Und am Ende, beim letzten Anstieg, wenn der Berg zu steil und die Kraft zu wenig ist, wenn dich kaum noch halten Brücken und Krücken, wirst du ihn kommen sehen, den Einen. Der wird dich stützen, wird seinen Arm um dich legen und abschließend sagen: Komm heim.