merken
PLUS Feuilleton

Leipziger Erfolgsautor über Tunnel und Gänge

Am äußersten Ort des Lebens geht es in Clemens Meyers neuestem Buch um Königin, Kumpeltod und menschliche Abgründe.

Clemens Meyer machte gleich mit seinem Debüt „Als wir träumten“ 2006 auf sich aufmerksam. Seitdem verfasste er viel beachtete Romane und Erzählungen, Theatertexte und Drehbücher.
Clemens Meyer machte gleich mit seinem Debüt „Als wir träumten“ 2006 auf sich aufmerksam. Seitdem verfasste er viel beachtete Romane und Erzählungen, Theatertexte und Drehbücher. © Fischer Verlag

Von Karin Großmann

Warum nur willst du immer in diese Tiefe, Lieber? So fragt eine junge Frau im neuen Buch des Leipziger Schriftstellers Clemens Meyer. Die Tiefe, das ist ein Tunnel weit unter der Stadt, das sind die Katakomben von Warschau, das sind die weitverzweigten Gänge einer Tropfsteinhöhle und die Gruben der Bergwerke.

An diesen äußersten Orten des Lebens spielen Meyers Geschichten. Vielleicht war er selbst der Junge, der heimlich unter der Bettdecke liest und sich also vorm Dunkeln nicht fürchtet, der den Abdruck eines Fisches im Stein bewundert und den stolzen Spruch des Großvaters im Ohr hat: Ich bin Bergmann, wer ist mehr?

Anzeige
Nager, die in kein Schema passen
Nager, die in kein Schema passen

Die Großen Maras haben gerade wieder Nachwuchs bekommen - und erhielten bei der Wahl zum Tier des Monats Oktober die meisten Stimmen.

Solche Erinnerungen mischen sich mit Wahnideen, wenn einer verwundet durch enge Gänge kriecht und die Orientierung längst verloren hat. Die Luft wird knapp. Die Taschenlampe flackert ein letztes Mal. Leise klingen die Glöckchen am Kleid der Königin der Tiefe. Wer sie sieht, stirbt oder wird reich belohnt. Auch Drachen soll es da unten geben und die Abhörstation eines Geheimdienstes.

2017 diskutierte Clemens Meyer auf der Leipziger Buchmesse mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.
2017 diskutierte Clemens Meyer auf der Leipziger Buchmesse mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. © Agentur

Bruchlos wechselt in diesen Texten das Irreale und Märchenhafte mit dem Faktischen die Richtung. „Stäube“ heißt der Band, denn an manchen Tagen wirbelt Staub aus den Schichten der Erde nach oben, feiner weißer Staub oder schwarzer. Am Dorfrand graben die Bagger. Nur die alte Frau will nicht fort, die in der Küche mit ihrem Adventskranz sitzt. In der Manteltasche ihres Sohnes knistern die Papiere von der Bank und vom Pflegeheim.

Verdichtete und verfremdete Realität

Prosa sei die einzige Möglichkeit, Steine zu erweichen, schreibt Clemens Meyer. Der 44-Jährige beherrscht diese Kunst in der kurzen wie in der langen Form. In seinen Erzählungen und Romanen wird die Realität neu vermessen, verdichtet und verfremdet, damit sie erkennbar wird. Scharfer Intellekt verbindet sich mit Vorstellungskraft auf fantastische, auch verstörende Weise. Leicht kann man als Leser in den unterirdischen Gängen verlorengehen.

Meyer schildert, wie er zu einer seiner Geschichten kam. Als Dozent am Leipziger Literaturinstitut hatte er den Zeitungsartikel über einen verunglückten Höhlenforscher an die Pinnwand neben den Seminarräumen gehängt mit der Aufforderung, eine Erzählung daraus zu machen. „Bloß nicht!“, schrieb jemand darunter. Meyer sah sich herausgefordert: „Das wird mir leicht von der Hand gehen.“ Ein Irrtum. Denn da stehen große Schuhe im Weg.

In den Armen der alten Braut

Als Motiv ist der Gang in den Berg so alt wie die Literatur. Bergleute gehörten zu den Lieblingsfiguren der Romantiker. Allein die Geschichte vom Bergwerk zu Falun wurde dutzendfach fortgeschrieben bei Achim von Arnim, Johann Peter Hebel, E.T.A. Hoffmann, Friedrich Rückert, Hugo von Hofmannsthal. Der Komponist Richard Wagner plante eine Oper über den jungen Bergmann, der kurz vor der Hochzeit in der Grube im schwedischen Falun verschüttet, Jahrzehnte später gut konserviert geborgen und von seiner alten, gebrechlichen Braut liebevoll umarmt wird.

Bis heute finden Schriftsteller immer neuen Anlass zu Tiefenbohrungen im wahrsten Sinn des Wortes. Etwas Archaisches ist damit verbunden. Denn es geht nicht nur hinab in den Raum, sondern auch hinab in die Zeit, viele Millionen Jahre zurück.

„Das bergmännische Verfahren, so sehr es im Dunkeln gräbt, ist das der Literatur gemäße“, heißt es bei Volker Braun. Und Franz Fühmann, der sich in den Siebzigern einer Bergarbeiter-Brigade anschloss, schreibt: Er habe an dem bergunterhöhlenden Arbeitsort begriffen, „dass hier unten jedes Tun und Lassen im Wirkungsfeld des Todes stand“.

Höhle neben der Hölle

Mit seinen Geschichten fügt Clemens Meyer eine neue Sicht hinzu. Der Mensch erscheint als einer, der die Landschaft zerstört und seine Respektlosigkeit womöglich ebenso teuer bezahlen muss wie seinen Wissensdrang. „Wir sollten die Erde nicht so sehr verletzen“, sagt ein ehemaliger Bergmann und trinkt eine Flasche vom guten, alten Kumpeltod. Für den Leipziger Autor liegt die Höhle nur einen Buchstaben weit entfernt von Dantes Hölle.

Im Essay „Wozu Literatur“ formuliert er sein Credo: Lieber Sein als Schein, und wenn Schein, dann als Feuer in der Nacht! Darin weiß Meyer sich einig mit Autoren wie Brigitte Reimann, Wolfgang Hilbig, Franz Werfel, B. Traven, Isaak Babel, mit all jenen, die existenzielle Konflikte des Lebens anhand starker Charaktere gestalten. Seinen Weg bekräftigt er mit dem neuen Buch: „Der Mensch strebt in den Grund. Immer schon.“

Das Buch: Clemens Meyer: Stäube. Fotos von Bertram Kober. Faber & Faber Leipzig, 127 Seiten, 22 Euro

Mehr zum Thema Feuilleton