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Schüler zieht Lieferando vor Gericht

Ein junger Fahrradkurier des Essenslieferdienstes Lieferando wehrt sich in Leipzig gegen seine Kündigung - und gegen die Arbeitsbedingungen im Konzern.

Von Sven Heitkamp
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Immer draußen, immer in Eile, immer mitten drin im Verkehrschaos – Lieferfahrer haben einen Knochenjob.
Immer draußen, immer in Eile, immer mitten drin im Verkehrschaos – Lieferfahrer haben einen Knochenjob. © dpa/Jan Woitas

Leipzig. Nur wenige Meter vom Leipziger Arbeitsgericht entfernt tummeln sich Montagnachmittag junge Leute in orangefarbenen Jacken – Fahrradkuriere des Essensdienstleisters Lieferando, die ihrem Kollegen Philipp R. den Rücken stärken und für bessere Arbeitsbedingungen im Konzern demonstrieren.

Der 18-jährige Abiturient hat sich mit seinem Arbeitgeber angelegt, es geht um seine Kündigung Ende vorigen Jahres, die er für rechtswidrig hält und deshalb weiter als "Rider" unterwegs ist. Er wolle sich ein kleines Finanzpolster anlegen, erzählt Philipp R., um ab kommendem Sommer sein Abi zu Ende zu bringen. Dafür hat er eine Menge Unterstützung von Kollegen, die mit ihren orangen Jacken, dicken Helmen und großen quadratischen Taschen heute zum Straßenbild der Großstädte gehören.

Die kleine Kundgebung im Nieselregen haben die Essenskuriere zusammen mit der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) auf die Beine gestellt. In ihren kurzen Reden fordern sie einen Stundenlohn von 15 Euro für die Lieferando-Beschäftigten, Zuschläge für Schichten an mehr Feiertagen als bisher, ordentliche Tarifverträge und die Abschaffung des bisherigen Bonussystems. "Um den aktuellen, viel zu geringen Stundenlohn von 11 Euro zu übertreffen, müssen die Kuriere möglichst viele Bestellungen in möglichst kurzer Zeit ausliefern – was nur die wenigsten schaffen", sagt Lou Anton Hauser von der NGG. Doch das Bonussystem könne zu einem riskanten Fahrstil im Stadtverkehr führen.

Philipp R. (M) und weitere Angestellte des Essenslieferdienstes Lieferando protestieren für bessere Arbeitsbedingungen. Foto: Jan Woitas/dpa
Philipp R. (M) und weitere Angestellte des Essenslieferdienstes Lieferando protestieren für bessere Arbeitsbedingungen. Foto: Jan Woitas/dpa © dpa/Jan Woitas

"Ihr seid diejenigen, die sich in Gefahr begeben", sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Nadja Sthamer. "Lieferando muss liefern." Das Unternehmen, das zum Amsterdamer Just Eat-Takeaway-Konzern gehört, äußert sich am Montag zwar nicht auf SZ-Anfragen, ein Sprecher hatte die Vorwürfe aber am Freitag während einer Demo vor der Berliner Firmenzentrale zurückgewiesen. "Lieferando-Fahrer verdienen durchschnittlich mehr als 13 Euro pro Stunde in einer sicheren Anstellung mit Urlaubsentgelt, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und einer umfassenden Versicherung." Die meisten Fahrerinnen und Fahrer erhielten Boni-Zahlungen und könnten in manchen Großstädten auf bis zu 18 Euro Stundenlohn kommen, meint der Sprecher.

Lieferando steht seit Langem in der Kritik

Das Geschäft von Lieferando boomt nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie, in der sich immer mehr Menschen Essen nach Hause liefern lassen. Doch der Marktführer steht auch seit Langem in der Kritik: Gewerkschaften sehen sich in ihrer Arbeit behindert und Betriebsräte unter Druck gesetzt. Die Fahrer sehen sich vom Arbeitgeber überwacht – durch die dienstlich zu nutzende Scoober-App, die sie auf dem privaten Handy installieren müssen und die ihre Touren sekundengenau verfolgt.

Das hat auch der Leipziger Lieferando-Fahrer Philipp R. erlebt. Er habe festgestellt, dass die App auch in seiner Freizeit noch seine Wege registriert. "Es geht ums Prinzip", sagt er. "Ich will ein Zeichen setzen, dass die Fahrer nicht alles hinnehmen." Er hatte 2021 eine Abmahnung erhalten, als er seinen Dienst später antrat, weil sein Handy defekt war. Dabei hatte er dies, wie er sagt, mit dem zuständigen Koordinator in Leipzig besprochen. Als er gegen die Abmahnung in Widerspruch ging, sei ihm am letzten Tag seiner Probezeit gekündigt worden – jedoch mit falschem Nachnamen in der Anrede. Lieferando legte eine zweite und eine dritte Kündigung nach, das Arbeitsverhältnis soll zum 15. Februar enden. Doch die Kündigungen seien ausgesprochen worden, ohne Gründe anzugeben. Das sei rechtswidrig, sagt Philipp R. Seine Güteverhandlung scheiterte nach 40 Minuten. Der junge Mann wollte sich nicht mit einer Abfindung begnügen, die man ihm anbot. Nun fährt er erst mal weiter und ist mit seinem Teilerfolg zufrieden. Die Hauptverhandlung vor dem Arbeitsgericht ist erst im Sommer angesetzt – Ausgang offen.

Der SPD-Abgeordnete Holger Mann sagt am Rande der Demo: "Der Fall ist unanständig und unrecht." Der Wettbewerb der Lieferdienste auf dem Rücken der Beschäftigten brauche endlich einen Ordnungsrahmen, der gute Arbeitsbedingungen und Löhne durchsetzt. Vor dem Bundesarbeitsgericht in Erfurt hatte Lieferando erst Ende vorigen Jahres eine Niederlage einstecken müssen. Die Richter entschieden, dass Arbeitgeber Kurieren, die Speisen und Getränke ausliefern, ein verkehrstüchtiges Fahrrad und ein internetfähiges Mobiltelefon als Arbeitsmittel bereitstellen müssen. Auch der Lohn soll Ende dieses Jahres auf 12 Euro klettern. Das entspräche dann dem Mindestlohn. "Genug", sagt Philipp R., "ist das nicht."