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Gil Ofarim stellt Anzeige nach Vorfall in Leipziger Hotel

Musiker Gil Ofarim soll im Westin Leipzig vom Personal angefeindet worden sein. Am Dienstag hat er Anzeige erstattet.

Am Montagabend erklärte Ofarim noch in der TV-Sendung "Zervakis & Opdenhövel. Live", dass er sich selbst zur Zielscheibe gemacht habe, indem er vergangene Woche den Vorfall publik gemacht hatte.
Am Montagabend erklärte Ofarim noch in der TV-Sendung "Zervakis & Opdenhövel. Live", dass er sich selbst zur Zielscheibe gemacht habe, indem er vergangene Woche den Vorfall publik gemacht hatte. © ProSieben
  • Der Sänger Gil Ofarim wirft einem Leipziger Hotel-Angestellten Antisemitismus vor.
  • Der Angestellte stellt die Situation an der Rezeption laut Polizei anders dar.
  • Die Staatsanwaltschaft Leipzig und das "Westin"-Hotel wollen den Vorfall rekonstruieren und suchen Zeugen.
  • Der Angestellte hat Strafanzeige gegen Ofarim wegen Verleumdung erstattet.
  • Auch Ofarim hat seinerseits am Dienstag Anzeige erstattet
  • Die Marriott-Gruppe bringt "tiefes Bedauern" zum Ausdruck.

Leipzig. Sänger Gil Ofarim hat nach einem mutmaßlich antisemitischen Vorfall im Leipziger Westin Hotel vor der Münchner Staatsanwaltschaft ausgesagt und eine Strafanzeige gestellt. Ermittler der sächsischen Polizei waren dafür in der bayerischen Landeshauptstadt und vernahmen Ofarim. Zu den Details wolle sich sich Ofarim zurzeit nicht weiter äußern, teilte seine Managerin am Dienstagnachmittag mit. Für den Moment habe der Musiker alles gesagt und getan, was er konnte. Nun müsse man den Abschluss der Ermittlungen abwarten.

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Am Montagabend erklärte Ofarim noch in der TV-Sendung "Zervakis & Opdenhövel. Live", dass er sich selbst zur Zielscheibe gemacht habe, indem er vergangene Woche den Vorfall publik gemacht hatte. "Gestern stand plötzlich die Polizei in meiner Garderobe und bat um Auskunft, wo ich nächtigen werde. Dann wurde ich von den sehr freundlichen Beamten eskortiert. Ein Bus vor mir, ein Bus hinter mir." Er habe offene Drohungen und Hassnachrichten erhalten.

Ofarim: "Ich war oft in Leipzig, ich liebe diese Stadt"

Für ihn sei es nicht das erste Mal, dass er mit Antisemitismus konfrontiert wurde, betonte Ofarim. "Nur aus der Mitte der Gesellschaft, in einem Hotel, in dem jeden Tag Menschen aus aller Welt willkommen geheißen werden - das habe ich so noch nicht erlebt." Er glaube nicht, dass das ganze Hotel und sein Personal diese Gesinnung habe. "Es sind immer einzelne Personen", betonte Ofarim. Aber solcher Antisemitismus in der Gesellschaft sei Gift. Er hätte sich gewünscht, dass ihm in der konkreten Situation jemand zur Seite gesprungen wäre.

Dem in Internetkommentaren häufig geäußerten Vorwurf, ihm gehe es um Aufmerksamkeit, wies Ofarim energisch zurück. Niemand würde sich freiwillig zur Zielscheibe rechter Gesinnungen machen, betonte er. Schon gar nicht für PR-Zwecke. Der Vorfall in dem Hotel sei kein spezifisches Problem für Leipzig, sondern ein gesellschaftliches Problem in Deutschland. "Ich war oft in Leipzig, ich liebe diese Stadt", sagte der Sänger. "Es ist eine wunderschöne Stadt, vielleicht sogar eine der schönsten in Deutschland."

Dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" sagte Ofarim zudem, das Antisemitismus seiner Meinung nach in den vergangenen Jahren immer salonfähiger geworden sei. "Ich bin säkularer Jude, ich bin weder strenggläubig, noch fromm, noch orthodox, noch geh' ich einmal die Woche in die Synagoge, noch trage ich jeden Tag eine Kippa. Und trotzdem wurde ich verbal angegangen", sagte er. Wie müsse es erst Menschen gehen, die diese Religion leben und die beispielsweise Kippa tragen, so Ofarim.

Eine eigene Anzeige stellen zu wollen, hatte Ofarim zuvor angekündigt. Der Mitarbeiter der Rezeption, den er beschuldigt, hatte selbst vergangene Woche Anzeige gegen den Sänger gestellt, unter anderem wegen Verleumdung.

Hotel kündigte an, Gäste zu befragten

Nach den Antisemitismus-Vorwürfen gegen das Hotel "The Westin Leipzig" hatte die Marriott-Gruppe nach eigenen Angaben den betroffen Musiker Gil Ofarim kontaktiert. "Wir haben Kontakt zu Herrn Ofarim aufgenommen, um ihm unser tiefes Bedauern über seine Erfahrungen auszudrücken", hatte Marriott International am Freitagabend mitgeteilt. "Wir waren schockiert und betrübt, als wir das von Gil Ofarim veröffentlichte Video über das Westin Leipzig gesehen haben." Das Leipziger Hotel gehört zu der Hotelkette.

"Wir nehmen diese Angelegenheit sehr ernst und unterstützen die polizeilichen Ermittlungen zu diesem Vorfall. Der Betreiber des Hotels hat uns mitgeteilt, dass der betreffende Mitarbeiter bis zum Abschluss der Ermittlungen beurlaubt wurde", erklärte das Unternehmen. Marriott International verurteile Antisemitismus und jegliche Diskriminierung.

"The Westin Leipzig. Warm Welcome!" steht auf einem Schild vor dem Hotel in Leipzig.
"The Westin Leipzig. Warm Welcome!" steht auf einem Schild vor dem Hotel in Leipzig. © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild

Die Staatsanwaltschaft und das "Westin" selbst wollen herausfinden, was genau vorgefallen ist. Das Hotel habe begonnen, alle Gäste, die Zeugen des Vorfalls um den Sänger Gil Ofarim gewesen sein könnten, zu befragen, hatte Hotelmanager Andreas Hachmeister in der "Leipziger Volkszeitung (LVZ)" angekündigt. Anhand des Buchungssystems könne nachverfolgt werden, welche Gäste etwa zeitgleich mit Ofarim an der Rezeption anstanden. "Wir haben aber inzwischen auch alle Gäste kontaktiert, die in der Schlange hinter Herrn Ofarim standen und etwas von dem Vorfall mitbekommen haben müssten."

In den nächsten Tagen wolle Hachmeister die Ergebnisse öffentlich machen. Ein Gast habe sich von sich aus an die Hotelleitung gewandt. "Er hat uns gesagt, es stimme alles nicht, was in dem Video zu hören ist", sagte der Geschäftsführer. Auch die Aufzeichnung einer Überwachungskamera soll es geben, diese sei aber ohne Sprachaufzeichnung, heißt es.

Laut "LVZ" sei an jenem Abend ein Ehepaar, das sehr häufig im "Westin" übernachte, beim Check-in vorgezogen worden. Es sei zu einem Streit gekommen, Ofarim sei dann ins nahe Hotel Steigenberger gewechselt. Wenig später habe er vor dem "Westin" das Video aufgenommen, das inzwischen rund 3,3 Millionen Mal angeklickt wurde. Hotelmanager Hachmeister kündigte an, er wolle seine Ergebnisse in den nächsten Tagen öffentlich machen.

Nach Recherchen des MDR hatte das Hotel bei der Solidaritätskundgebung am Dienstagabend eine Sicherheitsfirma mit Verbindungen in die rechtsextreme Szene engagiert.

Ofarim hält an seiner Darstellung fest

Ofarim selbst hielt zuletzt an seiner Darstellung zu den Vorgängen in dem Leipziger Hotel fest. Den Vorwurf der Verleumdung wies er zurück. "Es war genau so, wie ich es in dem Video gesagt habe, es gab keinen Streit oder Ähnliches", sagte der Musiker in der vergangenen Woche einem Interview mit dem "Spiegel". "Ich finde es beschämend und traurig, dass ich mich nach diesem Vorfall auch noch rechtfertigen und erklären muss", so Ofarim weiter. Seit seiner Jugend erlebe er immer wieder Antisemitismus. "In einem Hotel, in dem Menschen aus aller Welt absteigen, mit allen möglichen Hautfarben und Religionen - da habe ich so was noch nicht erlebt."

Zu dem massivem Echo auf sein Instagram-Video sagte Ofarim: Er fühle sich "leer", sei aber zugleich "erleichtert", dass es gelungen sei, so viele Menschen zu erreichen. Es gehe nicht nur um Antisemitismus, sondern um Diskriminierung jeder Art.

Gil Ofarim berichtet in einem Video sichtlich bewegt von einem antisemitischen Vorfall in Leipzig.
Gil Ofarim berichtet in einem Video sichtlich bewegt von einem antisemitischen Vorfall in Leipzig. © dpa

Ofarim hatte in einem am Dienstag (5. Oktober) veröffentlichten Instagram-Video berichtet, wegen seiner Davidstern-Kette beim Einchecken in das Hotel von Mitarbeitern nicht berücksichtigt worden zu sein.

Der Davidstern ist eines der bekanntesten Symbole, die mit dem Judentum verbunden werden. Er besteht aus einem Hexagramm, das durch zwei ineinander verwobene gleichschenklige Dreiecke gebildet wird.

Hunderte bei Demo vor dem Hotel

Nach Bekanntwerden des Vorfalls hatten sich am Dienstagabend vergangener Woche Hunderte Menschen vor dem "Westin Hotel" Leipzig versammelt, um Solidarität mit Gil Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland zu zeigen. Aufgerufen hatte das Bündnis "Leipzig nimmt Platz". Die Polizei schätzte die Teilnehmerzahl zunächst auf den "mittleren dreistelligen Bereich", wie eine Sprecherin sagte.

Am Dienstagabend wollten auch Mitarbeiter des Leipziger Westin-Hotels mit diesem Banner ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen.
Am Dienstagabend wollten auch Mitarbeiter des Leipziger Westin-Hotels mit diesem Banner ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. © dpa

Irena Rudolph-Kokot von "Leipzig nimmt Platz" sagte bei der Kundgebung, dass der antisemitische Vorfall extrem wütend mache und nicht unwidersprochen bleiben dürfe. "Wir solidarisieren uns mit allen Jüdinnen und Juden, denen das in Deutschland immer noch viel zu häufig passiert", sagte sie. Neben den Hunderten Teilnehmenden aus der Zivilgesellschaft nahmen auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hotels an der Kundgebung teil. Sie hielten vor dem Hoteleingang ein Transparent hoch, auf dem die Flagge Israels zu sehen war.

Gil Ofarim, 1982 in München als Sohn eines bekannten israelischen Musikers geboren, ist Rockmusiker, Leadsänger in zwei Rockbands und gewann 2017 die zehnte Staffel der Live-Tanz- Show „Let‘s Dance“ bei RTL. Er sang mit Justin Timberlake, Jon Bon Jovi und Nena, verkaufte Millionen Platten. Am Montagabend aber, so postete er Dienstagfrüh auf Instagram, habe er große Probleme bekommen, in das Westin-Hotel in Leipzig einzuchecken – er wurde offenbar Opfer antisemitischer Anfeindungen.

In dem fast zweiminütigen Clip ringt der prominente Musiker mehrfach um die richtigen Worte und kämpft mit den Tränen. Dann erzählt er, er sitze gerade in Leipzig vor dem Hotel Westin, den Mitarbeiter an der Rezeption nennt er nur „Herrn W.“ Zunächst habe es eine lange Schlange wegen eines Computerproblems gegeben, doch dann seien immer wieder andere Gäste vorgezogen worden – während er als Jude eine gut sichtbare Kette mit einem Davidstern vor der Brust trägt.

Als er endlich drankam, habe er gefragt, was los sei und warum andere vorgezogen würden. Daraufhin habe Mitarbeiter „W.“ zunächst nur gesagt, dass man die Schlange entzerren wollte. Doch irgendjemand habe aus einer Ecke gerufen: „Pack deinen Stern ein!“ Herr W. habe hinzugefügt: „Packen Sie Ihren Stern ein!“ Wenn er den Stern einpacke, dürfe er einchecken.

„Wirklich?“ fragt Gil Ofarim in seine Handykamera und sagt zum Abschluss: „Deutschland 2021.“ Zu dem Video schreibt der Künstler weiter: „Haben wir denn nichts aus der Vergangenheit gelernt? …bin sprachlos! Es ist nicht das erste Mal, aber irgendwann reicht es …“ Im Netz ist das Video hunderttausendfach aufgerufen worden, auf Twitter und anderen sozialen Medien wurde das Hotel heftig kritisiert.

Ein Sprecherin des Westin Leipzig hatte am Dienstag gesagt, dass man sehr besorgt über den Bericht sei und die Angelegenheit extrem ernst nehme. Ziel sei es, "alle unsere Gäste und Mitarbeiter zu integrieren, zu respektieren und zu unterstützen, unabhängig davon, welcher Religion sie angehören". Auch dafür gab es Kritik, schließlich muss Ofarim nicht integriert werden.

Ofarim war für MDR-Aufzeichnung in Leipzig

Besonders auf Twitter zeigten sich viele schockiert. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) schrieb dort dass Ofarim am Montagabend Gast einer Aufzeichnung im Auftrag des MDR gewesen sei. Was er anschließend aus dem Hotel schildere, sei zutiefst beschämend.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sprach von einem "unfassbaren Fall von Antisemitismus" und einem Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). "Eine rasche Antwort des Hotels ist überfällig. Aus unserer Sicht kann das nicht folgenlos bleiben", schrieb die Bundesstelle auf Twitter.

Die Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Lea Rosh, sagte laut Mitteilung, dass dem Musiker die uneingeschränkte Solidarität des Vereins gelte. "Juden waren in Deutschland schon mal in Hotels unerwünscht. Das war 1933. Wir fordern eine lückenlose Aufklärung und personelle Konsequenzen."

Dulig entschuldigt sich

Auch sächsische Politikerinnen und Politiker äußerten sich. Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hofft darauf, dass der Musiker Anzeige erstattet, damit man den Vorgang polizeilich untersuchen könne. "Sachsen ist ein weltoffenes Land", betonte Wöller.

Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) schrieb bei Twitter, es mache ihn wütend, was Ofarim widerfahren sei. Er spreche für die übergroße Mehrheit der Menschen in Sachsen, wenn er sich stellvertretend für die antisemitische Demütigung entschuldige. "Wir haben noch viel zu tun in Sachsen!" Auch Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) zeigte sich bei Twitter bestürzt. "Antisemitismus darf keinen Platz haben. Nicht offen, nicht verdeckt. Nicht in Sachsen, nicht in Deutschland, nirgendwo." Ebenso äußerte sich Sachsens Justizministerin Katja Meier (Bündnis 90/Die Grünen) zu dem Vorfall auf Twitter:

Am späten Dienstagnachmittag hatte das sächsische Kultusministerium ein Statement von Minister Piwarz veröffentlicht. Im Kultusministerium ist der Beauftragte der Staatsregierung für das Jüdische Leben angesiedelt.

Ofarims Management bedankt sich

Das Management des Künstlers hatte sich noch am Dienstag für die Unterstützung bedankt. Man erhalte viele Reaktionen aus der ganzen Welt, hieß es in einem entsprechenden Facebook-Post. Und weiter: "Wir sind echt überwältigt!"

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Der Vorfall erregt inzwischen auch international mediales Aufsehen. Nicht nur im ganzen deutschsprachigen Raum, sondern auch in internationalen Medien wie CNN, BBC und dem Londoner Guardian wird über den Vorfall berichtet. Selbst chinesischsprachige internationale Portale haben den Leipziger Vorfall aufgegriffen. (SZ/svh/mja/ps/hej mit dpa, epd)

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