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Wie Sachsen die Zeitung erfand

Print ist tot? Es lebe Print! Vor 370 Jahren erschien in Leipzig die erste Tageszeitung der Welt. Es war eine Zeit des Umbruchs, wie heute die digitale Revolution.

Ein rücksichtsloser Passagier. Zeitungsillustration 1872.
Ein rücksichtsloser Passagier. Zeitungsillustration 1872. © DNB

Von Pauline Reinhardt

Der Zeitungsständer im Café Alibi in der Bibliotheca Albertina ist leer. Normalerweise hängen hier Süddeutsche Zeitung, Leipziger Volkszeitung und die monatlich erscheinende Leipziger Zeitung friedlich nebeneinander - an hölzernen Zeitungshaltern, die an Kaffeehausszenen aus der TV-Serie "Babylon Berlin" erinnern. Damit diese Halter nicht nach jedem Benutzen gereinigt werden müssen, liegen die Zeitungen jetzt ohne sie an der Theke aus. Die Süddeutsche Zeitung sieht nahezu unberührt aus, die Leipziger Volkszeitung hingegen ist zerlesen und zerrupft. Die Leipziger Zeitung fehlt. Sie wird manchmal von Studierenden geklaut.

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Auch wenn in diesem Leipziger Café noch ab und zu Zeitung gelesen wird, nutzen die meisten Menschen - nicht nur junge - heute vor allem das Internet, um sich zu informieren. Das ist schneller: Wenn man beispielsweise „Gott grüß die Kunst“ googelt, erhält man binnen 0,45 Sekunden 536.000 Ergebnisse und erfährt nur einen Klick später, dass die Anhängerinnen und Anhänger des Druckhandwerks sich so ansprechen.

Allgemein fühlen sich Druckerinnen und Schriftsetzer der Kunst sehr verbunden. Sie nennen sich wegen ihres täglichen Umgangs mit Farbe auch „Jünger der Schwarzen Kunst“. Vor 100 Jahren, als der Buch- und Musikaliendruck eine zentrale Rolle für Wirtschaft und Kultur spielte, waren sie in Leipzig ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens. Und auch die Geschichte der Tageszeitungen beginnt hier in Sachsen.

Vor 370 Jahren publizierte der Drucker Timotheus Ritzsch in Leipzig die erste gedruckte Tageszeitung der Welt. Es ist eins von vielen Jubiläen im Jahr der sächsischen Industriekultur. Die Deutsche Nationalbibliothek Leipzig würdigt es, wenn auch im sehr kleinen Rahmen, noch bis Mai 2021 mit einer Kabinettausstellung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum, in der 370 Jahre Leipziger Zeitungsgeschichte in Form von einigen Ausgaben zusammengefasst werden.

Gutenberg und Zuckerberg

"Einkommende Zeitungen" hieß Ritzschs erste Tageszeitung, die sechsmal wöchentlich mit einer Auflage von 200 Stück erschien. Ein Jahr zuvor hatte die kursächsische Regierung ihm die alleinige Erlaubnis erteilt, über die Nachrichten aus In- und Ausland zu berichten. Die Zeitung existierte nur zwei Jahre lang: 1652 wurde Ritzschs Privileg der Berichterstattung vom Leipziger Postmeister und zwei Zeitungsschreibern angefochten. Der Kompromiss war eine gemeinsame Zeitung, die immerhin sieben Jahre lang erschien, bevor Ritzsch sich wieder selbstständig machte.

Am 1. Januar 1660 leitete er die erste Ausgabe der "Neu-einlauffende Nachricht von Kriegs- und Welt-Händeln" mit folgenden Worten in Fraktur ein:

"An den neu-begierigen Leser. / Respectivè Hoch- und Geehrter Leser / Demselben wird zu gutem Anfange hiermit abermahl ein Glückselig-erfreuliches / Friedlich-gedenliches / und zu Seel und Leib wol-ersprießliches Neues Jahr von Gott dem Allmächtigen erbeten und gewünschet!"

Auf dem Leipziger Zeitungsmarkt gab es daraufhin stets Monopole der Tagesberichterstattung. Erst ab dem 19. Jahrhundert konkurrierten mehrere Tageszeitungen um die Leserinnen und Leser der Stadt. Im Jahr 1894 betrat die Leipziger Volkszeitung die Bühne und verließ sie nicht mehr - außer während der NS-Zeit, in der sie verboten war. Heute hat sie hier das Monopol.

In der Buchhandlung Ludwig im Leipziger Hauptbahnhof liegen trotzdem sage und schreibe 26 Tageszeitungen und fast genauso viele Wochenzeitungen aus. Viele davon sind Regionalzeitungen, aber natürlich fehlen auch die auflagenstärksten Exemplare Deutschlands nicht: Bild, Süddeutsche und Frankfurter Allgemeine. Manche der Tageszeitungen sind weit gereist, wie die Neue Zürcher Zeitung oder die deutschsprachige Le Monde diplomatique.

All diese Zeitungen haben etwas gemeinsam: Bis in die 1970er-Jahre, als der Offsetdruck entstand, wurden sie mit dem ältesten Druckverfahren, dem Hochdruck, hergestellt. Bei diesem sind die zu druckenden Lettern und Formen erhöht. Die Druckformen dafür heißen Klischees.

Johannes Gutenberg sei Dank, der im 15. Jahrhundert das Hochdruckverfahren vom reinen Stempeln zur mechanischen Druckerpresse weiterentwickelte und somit den Buchdruck begründete. Im Museum für Druckkunst Leipzig ist der Erfinder stets präsent.

"Heil Gutenberg! und heil der Kunst! / die er der Welt gegeben; sie weckte auf / die Geister all' und bracht uns neues Leben. / Ein frischer Hauch, ein neuer Geist hat alle / Welt durchdrungen, und überall in Nord und / Süd wird seine Kunst besungen."

Das schrieb der Romantikdichter Wilhelm Müller, der vor allem für "Die schöne Müllerin" und die "Winterreise" bekannt ist, zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Diese Euphorie über eine Druckerpresse lässt sich heute schwer nachvollziehen. Vielleicht kommt man den Gefühlen von damals näher, wenn man „Gutenberg“ durch „Zuckerberg“ ersetzt. Beide Männer etablierten erfolgreiche Massenmedien, auch wenn ihre eigenen Inhalte bald überholt waren: Die Gutenberg-Bibel auf Latein verlor ihre Aktualität, als Martin Luther gut hundert Jahre später eine deutschsprachige Version herausbrachte.

Und dass Facebook-Gründer Mark Zuckerberg seine Anfänge im Internet mit einem öffentlichen Bewertungssystem machte, für das er unerlaubterweise Fotos von Studentinnen verwendete, würde heute wohl nicht nur eine Sperrung der Seite, sondern auch eine Klage mit sich ziehen. Doch die Fundamente von Gutenbergs und Zuckerbergs Arbeit bleiben stehen.

Dass sich Leipzig im 18. und 19. Jahrhundert durch die Druckkunst weiterentwickelt hat, ist bis heute an den prächtigen Altbauten sichtbar. Im Graphischen Viertel zwischen Hauptbahnhof und Bayerischem Bahnhof siedelten sich unzählige Druckereien, Buchbindereien, Musikalien- und Buchhandlungen, Antiquariate und Verlage an. Zu den bekanntesten Namen gehören Reclam, Kurt Wolff, Brockhaus und der älteste Musikverlag der Welt, Breitkopf & Härtel. Leipzig war damals Buch- und Musikstadt, und beide Künste waren, genauso wie die Presse, unerlässlich für die dort ansässigen Druckereien.

Dampfbetriebene Schnellpresse mit Bogenmagazin. Kolorierte Lithografie um 1865
Dampfbetriebene Schnellpresse mit Bogenmagazin. Kolorierte Lithografie um 1865 © DNB

Johann Gottlob Immanuel Breitkopf war ein Leipziger Musikverleger im 18. Jahrhundert. Damals wurden Musikalien mühsam per Hand abgeschrieben, denn durch die unendlich vielen Kombinationsmöglichkeiten an Notenhälsen, Vorzeichen und Bögen war es kaum möglich, diese im Hochdruck herzustellen. Gleichzeitig erreichte die Musikkultur aber auch das Bürgertum; in einem Haushalt, der etwas auf sich hielt, wurde musiziert. Mehr Noten mussten her! Breitkopf entwickelte 1755 für diesen Zweck einen vereinfachten Musiknotensetzkasten.

Ein Jahrhundert später wurde dieser aber durch das Einsetzen von Tiefdruck abgelöst. Anders als beim Hochdruck werden hierbei Vertiefungen, sogenannte Näpfchen, mit Farbe gefüllt. Auf diesem Verfahren basiert auch das Notenstechen von Kupferplatten, das Carl Gottlieb Röder ab 1836 beim Musikverlag Breitkopf & Hertel erlernte. Er gründete anschließend sein eigenes, äußerst erfolgreiches Unternehmen, die C. G. Röder ─ Graphische Anstalt.

Die ersten Digedags

Dort wurde auch der Flachdruck eingesetzt, der Farbe in die Schwarze Kunst brachte und die Möglichkeit, Kopien herzustellen. Bei diesem Verfahren gibt es keinen Höhenunterschied zwischen den zu druckenden und den nicht zu druckenden Partien. Aber die einen werden durch den Einsatz von Chemikalien fettfreundlich, die anderen fettabstoßend gemacht. In der Kunst ist das Verfahren durch die Lithographie bekannt. Auch Zeitungen werden seit den 1970er-Jahren mit Hilfe eines Flachdruckverfahrens hergestellt: Offset.

Das jüngste Druckverfahren, der Durchdruck, verdankt seinen Erfolg den Siebdrucken von Pop-Art-Künstlern. Diesen Teil der Druckgeschichte erlebte das Graphische Viertel nicht mehr mit. Nicht nur durch Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg nahm die glorreiche Zeit der Industriekultur in Leipzig ein Ende, sondern vor allem durch die anschließende Abwanderung der Unternehmen nach Westdeutschland und die Enteignung der hiergebliebenen. Wo es kaum Verlage und Zeitungen gibt, werden auch weniger Druckereien benötigt.

Das Unternehmen des längst verstorbenen Carl Gottlieb Röder blieb und konnte immerhin zwei Erfolge erzielen: Dort wurden die ersten 223 Ausgaben der beliebten Digedags-Comics gedruckt. Und die Eingliederung in einen Volkseigenen Betrieb erfolgte erst 1972. Heute enthält das Gebäude der ehemaligen Notendruckerei C. G. Röder Industrie-Lofts.

Bauhaus als Vorbild

Anfang der 1990er-Jahre wurde in Leipzig noch einmal richtig in die Schwarze Kunst investiert: mit dem Bau der größten Zeitungsdruckerei der Neuen Bundesländer, die sogar den Sächsischen Staatspreis für Architektur und Bauwesen erhielt. Hier wurde unter anderem die Leipziger Volkszeitung gedruckt. Aber in der Geburtsstadt der Tageszeitung ist Print letztes Jahr verstorben. Die Madsack Mediengruppe hat die preisgekrönte Zeitungsdruckerei in Leipzig-Stahmeln zum Ende des Jahres 2019 aufgegeben. Die Leizpiger Volkszeitung wird seitdem in Halle fertiggestellt.

Druckerstandorte aufgeben, Stellen abbauen ─ solche Entwicklungen gibt es nicht nur in Leipzig, sondern weltweit. Bei den meisten Tageszeitungen steigt zwar die Zahl von ePaper-Abonnements, aber die negative Bilanz ausgleichen kann sie bislang nicht. Timotheus Ritzschs Einkommende Zeitunge startete vor 370 Jahren auch klein - mit 200 Stück. Die derzeit größte Tageszeitung der Welt hat eine Auflage von 9,56 Millionen. Es ist die Morgenausgabe der zweimal täglich erscheinenden  Yomiuri Shinbun Tokio. Shinbun bedeutet Zeitung. Yomiuri ist eine Zusammensetzung aus lesen, yomi, und verkaufen, uri. Die Gründer haben also schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannt, worauf es ankommt ─ lange bevor jemand von „Print ist tot“ sprach.

In der Kunst leben die analogen Druckverfahren weiter. Hochdruck, Tiefdruck, Flachdruck, Durchdruck und Mischformen der vier Verfahren sind inzwischen Teil des Deutschen Unesco-Verzeichnisses für immaterielles Kulturerbe.

Im Museum für Druckkunst zeigt die Sonderausstellung „From Futura to the Future. International Letterpress Workers“ Druckwerke, die in den letzten acht Jahren entstanden sind. Die Künstlerinnen und Künstler sehen sich in der Bauhaus-Tradition, wollen klare Mitteilungen machen, reduziert und sachlich, teilweise auch politisch und aktuell. Gutenberg wird dabei immer noch bejubelt. So stellt der Künstler David Parrat in einem Hochdruck fest: „dans Gutenberg il y a GUT. Et ҫa, c’est BIEN“.

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