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Leipziger Professorin lehnt indischen Praktikanten ab

Eine bekannte Biochemikerin liefert sich einen umstrittenen Mail-Wechsel. Es ging um Vergewaltigungen in Indien.

© Bildstelle3, User

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Zweifelhafte Äußerungen einer hochrangigen Leipziger Biochemie-Professorin schlugen gestern international hohe Wellen: Annette Beck-Sickinger hatte einem Praktikumsbewerber aus Indien eine Absage erteilt – und in der Korrespondenz auch auf die Massenvergewaltigungen in Indien verwiesen. Sofort verbreitete sich der Vorwurf des Rassismus, indische Zeitungen berichten über den Fall. Der deutsche Botschafter in Neu-Delhi, Michael Steiner, sah sich genötigt, postwendend in einem offenen Brief an die Professorin klarzustellen: „Indien ist kein Land der Vergewaltiger.“

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Das indische Außenministerium äußerte sich bislang nicht. In den sozialen Netzwerken sorgte der Vorgang allerdings für Diskussionen und Empörung. Der Student selbst und ein Freund, der den Mail-Wechsel veröffentlicht hatte, blieben anonym.

Besonders pikant: Die 44-jährige Expertin ist Mitglied im Wissenschaftsrat der Bundesregierung, in der Nationalen und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und in weiteren Wissenschaftlergesellschaften. Daher sah sich Annette Beck-Sickinger gestern umgehend zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen: „Ich habe einen Fehler gemacht.“

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) beeilte sich, die Entschuldigung zu akzeptieren. „Ich unterstelle Professorin Beck-Sickinger keine Absicht, die Gefühle der indischen Studierenden verletzen zu wollen.“ Sie sei eine erfahrene und international anerkannte Wissenschaftlerin.

Die Professorin, die aus Aalen in Baden-Württemberg stammt, erklärte, sie habe per E-Mail Kontakt zu dem indischen Studenten gehabt, der sich um einen Platz bei ihr beworben habe. Sie habe ihn abgelehnt, weil ihre Labore voll besetzt seien – und nicht aus politischen Gründen. Allerdings habe der junge Mann die Absage nicht akzeptiert und sie in eine Diskussion um gesellschaftliche Verhältnisse verwickelt. In diesem Zusammenhang habe sie das Problem der Vergewaltigung von Frauen in Indien angesprochen, so Beck-Sickinger. In Indien waren in den vergangenen Jahren mehrfach Gruppenvergewaltigungen und Vergewaltigungen auf Anordnung von Dorfräten bekannt geworden.

„Es war aber nie meine Absicht, die indische Gesellschaft zu diskriminieren. Ich habe überhaupt nichts gegen indische Studenten – ganz im Gegenteil.“ In ihrem Bereich für bioorganische Chemie des internationalen Masterstudienganges seien vier von 30 Studenten aus Indien, im Rahmen des Laborpraktikums zwei indische Studenten. Bei allen, deren Gefühle sie verletzt haben sollte, entschuldige sie sich.

Im Internet kursierten indes Formulierungen wie: „Leider vergebe ich an einen indischen Studenten kein Praktikum. Wir hören viel über das Vergewaltigungsproblem in Indien.“ Sie habe viele weibliche Studentinnen und könne das Anliegen nicht unterstützen.

Beck-Sickinger betonte dagegen: „Ich habe diese Mail so nicht geschrieben. Sie ist zusammengestückelt worden.“ Sie habe dem jungen Mann geschrieben, dass ihr Labor voll sei. „Ich lehne Studenten nicht wegen ihrer Rasse oder ihres Geschlechts ab.“ Allerdings erklärt sie auch, es hätten schon andere Professorinnen in Deutschland beschlossen, aus diesen Gründen keine Praktika an männliche indische Studenten mehr zu vergeben. Andere Frauenorganisationen würden sich dem Trend anschließen.

Äußerungen dieser Art bestreitet Beck-Sickinger nicht. Den genauen Wortlaut ihrer E-Mails machte sie bis zum Abend aber nicht öffentlich. Ihre Forschungen dienen vor allem neuen Erkenntnissen zur Tumortherapie, zur Behandlung von Fettleibigkeit und der Schmerzforschung.