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„Leistenbrüche sind eine Volkskrankheit“

Chirurg Sebastian Vogt und seine Kollegen operieren jeden zweiten Tag in Freital. Männer trifft es am häufigsten.

© Egbert Kamprath

Von Annett Heyse

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Freital. Die Diagnose Leistenbruch taucht immer dann in der Öffentlichkeit auf, wenn es mal wieder einen bekannten Fußballer erwischt hat. Dass Bauchdeckenbrüche „ein Volksleiden sind“, wie der Chirurg Sebastian Vogt, Mediziner am Freitaler Krankenhaus, sagt, ist dagegen nur wenig bekannt. Mehr als 350 000 Operationen von Bauchdeckenbrüchen werden in Deutschlands Krankenhäusern jährlich durchgeführt, in Freital waren es im vergangenen Jahr 180. Meistens trifft es Männer, vorwiegend im höheren Alter. „Die machen den Großteil der Patienten aus“, sagt Vogt und erklärt die Ursachen und Behandlungsmethoden von Leisten- und Nabelbrüchen.

Wie entsteht ein Bauchdeckenbruch?

Die Bauchdecke ist eigentlich eine stabile Hülle aus den Muskeln und Bindegewebe. Natürliche Schwachstellen sind die Leistengegend und der Nabel. Aufgrund von erhöhtem Innendruck, zum Beispiel aufgrund körperlicher Anstrengungen, eines hohen Übergewichts, großer Gewichtsabnahme nach Krankheiten, Verstopfungsneigung, Lebererkrankungen mit Bauchwasserbildung oder sogar aufgrund von Schwangerschaften, wird diese Hülle instabil. Oft ist auch eine genetisch veranlagte Bindegewebsschwäche Ursache für Brüche. Es entstehen Lücken im Gewebe, in die sogar Teile des Verdauungstraktes rutschen und sich einklemmen können. Dabei bilden sich die typischen Vorwölbungen. Diese bilden sich überwiegend in der Leistengegend oder im oberen Bereich des Nabels.

Verspüren die Patienten Schmerzen?

Beschwerden bei Leistenbrüchen sind eher unspezifisch. „Junge Patienten berichten immer mal wieder von ziehenden Schmerzen, die in den Oberschenkel ausstrahlen“, sagt Sebastian Vogt. Zu dem Zeitpunkt muss der Leistenbruch rein optisch noch gar nicht erkennbar gewesen sein, es sind lediglich erste Anzeichen. Ältere Patienten würden oft gar nichts bemerken. Vogt: „Sie wundern sich nur über die entstehenden Vorwölbungen in der Leistengegend.“ Selten sind echte Notfälle, die einen sofortigen Eingriff erforderlich machen. Kommt es aber neben der Beulenbildung zu extremen Schmerzen und Erbrechen, droht möglicherweise der Darm eingeklemmt zu werden. „Notoperationen dieser Art hatten wir im vergangenen Jahr nur sehr selten“, sagt der Chirurg.

Wie werden diese Brüche behandelt?

Bilden sich die typischen Beulen, sollte man beim Hausarzt vorsprechen. Der entscheidet nach der Diagnose, wie dringend ein Handlungsbedarf ist. Leisten- oder Bauchnabelbrüche können harmlos sein, manche Patienten leben damit über Monate oder Jahre ohne Probleme. Allerdings verheilt ein Leistenbruch nicht von selbst, sondern kann sich mit der Zeit sogar vergrößern. Um eine Operation führt also kein ein Weg herum. Vor allem, um einem Einklemmen des Darmes vorzubeugen, ist ein chirurgischer Eingriff erforderlich.

Wie läuft eine Operation ab?

Die Operation von Bauchdeckenbrüchen ist Routinesache und dauert in der Regel nicht länger als 50 Minuten. Die Zeiten, wo ein großer Schnitt gemacht wurde, sind vorbei. Standard ist heute eine Methode, bei der per Schlüsselloch-OP ein Kunststoffnetz eingeführt und über die Bruchstelle gelegt wird. Dazu machen Chirurg Sebastian Vogt und sein Team drei kleine Schnitte – einen Zugang, um das Netz einzuführen, den zweiten für Kamera und Licht und den dritten, um mit zwei Händen präparieren zu können. Sie orientieren sich per Bildschirm und platzieren das Kunststoffnetz an der Bruchstelle. Dieses überlappt und stabilisiert den Bruch. Nach der OP, die unter Vollnarkose durchgeführt wird, seien die Patienten schnell wieder auf den Beinen, sagt Vogt: „Die Methode ist schonend, die Rückfallquote ist gering.“ Nicht geeignet sind solche OPs lediglich für Menschen, die schwer Lungen- oder herzkrank sind oder bei Patienten mit extrem großen Brüchen. In solchen Fällen müssen Mediziner auf andere, aber altbewährte Methoden zurückgreifen.

Kann man Leistenbrüchen vorbeugen?

Nein, es gibt keine Prophylaxe. Aber es gibt Risikogruppen wie Sportler, Tumorpatienten, Menschen mit starkem Übergewicht oder solche, die einem Beruf mit schwerer körperlicher Tätigkeit nachgehen. „Man kann in solchen Fällen nur seine Sinne schärfen und auftretende Beschwerden gut beobachten“, sagt Vogt. Dann könne ein Arzt in einem Patientengespräch auch besser heraushören, wie groß das Problem ist und wie schnell reagiert werden muss.

Facharzt Sebastian Vogt hält am Mittwoch, 21. März, einen Vortrag zum Thema „Wenn die Bauchdecke bricht – Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten“. Die Veranstaltung findet im Foyer des Freitaler Klinikums statt, Beginn ist 17 Uhr.