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Liebe Susanne Neumann!

Ein offener Brief von SZ-Redakteurin Franziska Klemenz an die berühmte Putzfrau, die nun aus der SPD austritt.

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Eine Frau der Tat: Susanne Neumann, Betriebsrätin und Putzfrau, reinigt die Kamera des Fotografen.
Eine Frau der Tat: Susanne Neumann, Betriebsrätin und Putzfrau, reinigt die Kamera des Fotografen. © dpa/Roland Weihrauch

Wer könnte Sie nicht verstehen? Sie haben keinen Bock mehr auf die Sozen. Nach zweieinhalb Jahren Partei-Mitgliedschaft haben Sie beschlossen: „Mir reicht’s.“ Für SPD-Verhältnisse standen Sie damit kurz vorm Urgestein-Status – manch Vorsitzender blieb nicht mal ein Jahr. Ich könnte mir vorstellen, dass die aktuelle Chefin Andrea Nahles ein wenig neidisch ist. Einfach gehen. Wär das nicht toll? Kann sie aber nicht. Wie alle SPD-Vorsitzenden der jüngeren Zeit ist sie zu, zu… irgendwas. Manche waren zu großkotzig, andere zu unterwürfig oder zu pflichtbewusst, der Letzte zu naiv. Und Nahles? Eine Mischform.

Zurück zu Ihnen. Früher waren Sie Linke. Nach einem Talkshow-Auftritt sind Sie der SPD beigetreten. Ein Schlagabtausch mit Ex-Chef Sigmar Gabriel bescherte Ihnen Respekt. Sie hatten Motivation und guten Willen. Ich glaube, Sie haben sich verschätzt. Sie, die 35 Jahre lang als Putzfrau gearbeitet hat, die Gewerkschafterin, rotzte dem studierten Gabriel runter, was sozialdemokratische Politik angestellt hat. Befristete Verträge, unbezahlte Überstunden. Gabriel versuchte, sich über die Koalition mit der CDU herauszureden. „Und warum sind Se dann noch bei den Schwatten?“, fragten Sie. Beifall. Sie waren Hoffnungsträgerin. Sie sollten ein Seismograph für die Bedürfnisse von „denen da unten“ sein. Ein Vehikel, das die SPD so dringend braucht. Das sie zurück zum „kleinen Mann“ befördert. „Ich war nie faul, hab immer malocht“, sagen Sie mit voller Glaubwürdigkeit. Malochen, das wollten Sie auch für die SPD. Als Putzfrau arbeiten Sie wegen einer Krebs-Erkrankung nicht mehr, Sie wollten jetzt die Sozen aufpolieren.

Sie dachten, Sie bekommen etwas Neues. Dabei ist die SPD Ihrer Branche viel zu ähnlich. Befristete Arbeitsverhältnisse finden Sie in keiner anderen Partei so häufig, jeder Wischmob-Überzug hält länger. Dann die schwarzen Flecken, die an einem haften, welch Mittel man auch wählt. „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, „ruft mal Martin“, selbst keckes Merkel-Bashing – die CDU ist zäher als ein Gummibaum. Obendrein der Dreck der anderen, dem man ständig hinterher putzen muss. Schröder, die Agenda 2010, die Putin-Kumpanei, die Waffendeals von Gabriel mit blutrünstigen Scheichs … Ohne ihren Job sähe es viel dreckiger aus, und doch sehen wenige die Arbeit der Putzfrauen. Noch so eine Parallele zur SPD.

„Wenn du einmal in der Scheiße hängst, kommst du aus eigenen Kräften nicht mehr raus“, haben Sie gesagt. „Es kann jeden treffen, das ist das Schlimme an der Sache.“ Sie haben recht. Der Sozen-Mitfühl-Virus, er kann jeden treffen. Sie sind aus eigenen Kräften entkommen. Zuletzt warben Sie für Sahra Wagenknechts Bewegung „Aufstehen“. Wie wär’s mal mit was völlig anderem – den „Schwatten“? Vielleicht können Sie denen beibringen, der SPD die Themen zu lassen. Und dann die Sozen doch noch retten. Zutrauen würde ich es Ihnen.

Ihre Franziska Klemenz

Der offene Brief ist eine Rubrik aus dem Wochenendmagazin der Sächsischen Zeitung.