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Lieber Andreas Wolff!

Offener Brief an den Handballer, der gerade Deutschland begeistert.

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Stets mit vollstem Einsatz: Handballtorhüter Andreas Wolff.
Stets mit vollstem Einsatz: Handballtorhüter Andreas Wolff. © dpa/Marius Becker

Dass Torhütern nachgesagt wird, nicht ganz normal zu sein, scheint sich mir wieder zu bestätigen. Aber ganz ehrlich, trotz der Niederlage gegen Norwegen am Freitagabend, seit dieser Woche haben Sie endgültig meinen Respekt. Wer lässt sich schon freiwillig Bälle mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100 Sachen aus sieben, acht Metern um die Ohren hauen? Wobei Ihnen das ja eher selten passiert, was zum einen mit den Abwehrhünen vor Ihnen zu tun hat und zum anderen natürlich mit Ihren Leistungen.

Einen Ball haben Sie sogar mit der Fußspitze in Kopfhöhe abgewehrt, eine unglaubliche Aktion. Ich dachte bislang, so viel Gelenkigkeit haben nur Turnerinnen oder Schlangenmenschen. Nur wirken Sie mit Ihren 105 Kilogramm verteilt auf knapp zwei Meter Körpergröße äußerlich eher so elegant wie der Elefant im Porzellanladen – und schaffen das trotzdem. Also habe ich es auch mal probiert . . . Das Ziehen im hinteren Oberschenkel werde ich jetzt kommentarlos aussitzen.

Denn noch etwas habe ich von Ihnen und Ihren Mitspielern gelernt: Jammern ist nicht. Als Verletzung gilt erst, was einen Krankenhausaufenthalt zur Folge hat. Auch da können sich einige einiges abgucken, Fußballer zum Beispiel.

Was mir aber am allerbesten gefällt: Sie sind so wunderbar authentisch, so geradlinig-unverstellt. Egal, ob Ihr Trainer vor Ihnen steht, ein Fan oder die Fernsehkamera samt Mikrofon, Sie sagen, was sie denken, auch wenn Sie damit anecken könnten. Klingt banal, ist aber längst nicht normal. Wie Sie kurz nach dem fast schon dramatischen Sieg gegen Kroatien vollgepumpt mit Adrenalin dem ZDF-Reporter die Meinung gegeigt haben – puh, das traut sich nicht jeder. Blöde Fragen habe der gestellt und Ihrem verständlicherweise frustrierten kroatischen Gegenspieler „dann noch so einen an die Backe gelabert“. Erinnerte mich spontan an Per Mertesackers Wat-wolln-se-Rundumschlag, 2014 bei der Fußball-WM war das.

Mit einem Unterschied: Darüber hat danach ganz Deutschland geredet, doch Sie kennen bislang nur Fans. Aber das soll sich ja jetzt ändern. Handball ist schließlich gerade mega-in und drauf und dran, des Deutschen neue Lieblingssportart zu werden. Okay, seien wir realistisch, das wird nicht passieren. König Fußball stößt niemand vom Thron. Nicht hier, nicht jetzt. Macht aber nichts. Auch wenn Sie immer der Beste sein wollen, was Sie, wie zu lesen ist, in den Anfangsjahren Ihrer Karriere fast zur Verzweiflung getrieben hätte, in diesem Fall ist der zweite Platz sehr zufriedenstellend.

Damit die Begeisterung für Handball diesmal allerdings länger anhält als beim WM-Sieg der Deutschen vor zwölf Jahren, braucht es jedenfalls Typen genau wie Sie: hart und herzlich und unbedingt auch verformbar – aber bitte nur bei Aktionen auf dem Spielfeld.

Ihr Tino Meyer