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Ein Jahrhundert in Neugersdorf

Familie, Schicksalsschläge und eine ganz besondere Beziehung zum Wahrzeichen des Ortes – Hermann Röthig hat viel erlebt.

Der Neugersdorfer Hermann Röthig feiert seinen 100. Geburtstag.
Der Neugersdorfer Hermann Röthig feiert seinen 100. Geburtstag. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Hermann Röthig blieb sein Leben lang seinem Heimatort treu. Hier hatte er viele schöne Erlebnisse und packte tatkräftig mit an, musste aber auch einige Schicksalsschläge verkraften. Zu seinem 100. Geburtstag am Sonntag erzählt seine Tochter Traudel Hänsch aus seinem Leben.

Der Neugersdorfer hatte eine schöne Kindheit, war ein guter Schüler und begann 1936 bei der Firma Roscher (später Webstuhlbau) eine Lehre als Modelltischler. Nach deren Ende konnte er gerade mal ein Jahr dort arbeiten. Dann wurde der 20-Jährige eingezogen und musste an der Front in Russland und Frankreich kämpfen. Dort erlitt er eine schwere Schussverletzung, die nie wirklich ausheilte. Die Kriegserlebnisse ließen ihn sein Leben lang nicht los, sagt seine Tochter. Noch heute erzähle ihr Vater immer wieder von dieser schrecklichen Zeit und sei immer noch erschüttert von den damaligen Ereignissen.

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Als er 1946 aus der Gefangenschaft zurück in seinen Heimatort kam, war von seinem alten Betrieb nicht mehr viel übrig. „Das war praktisch nur ein Haufen rostiger Nägel.“, habe Hermann Röthig später seinen Kindern erzählt. Es habe an einfach allem gefehlt. Es gab kein Material, kein Werkzeug, weder Licht noch Heizung. Trotzdem beschlossen 52 ehemalige Mitarbeiter, ihren alten Arbeitsplatz gemeinsam wieder aufzubauen. Das war sehr mühsam. Anfangs nahmen sie jeden noch so kleinen Auftrag an, doch nach und nach wurde es besser und sie konnten wieder Webstühle herstellen. Das machten sie mit der Zeit so gut, dass sie im In- und Ausland gefragte Geschäftspartner waren. Als Hermann Röthig 1986 in Rente ging, blieb der Webstuhlbau trotzdem „sein“ Betrieb. Schließlich hatte er ihn aus dem Nichts mit aufgebaut und über Jahrzehnte dort gearbeitet Als der kurz nach der Wende geschlossen und später abgerissen wurde, habe das nicht nur ihrem Vater die Seele zerrissen, sagt seine Tochter. Diesen Schlag konnte er nie so recht verwinden.

Doch sein Leben habe nicht nur aus Arbeit bestanden, sagt seine Tochter. 1951 heiratete Hermann Röthig und die Familie bekam zwei Kinder, die ihnen acht Enkel und zwei Urenkel schenkten. Trotz der nicht immer einfachen Zeiten hielten sie zusammen und gingen durch dick und dünn. Tochter Traudel ist sehr froh, dass es ihnen noch vergönnt war, nach 65 Ehejahren die Eiserne Hochzeit zu feiern. Außerdem war Hermann Röthig naturverbunden und wanderte gern durch seine Heimat.

Eine ganz besondere Beziehung hatte er sein Leben lang zum Wasserturm des Ortes. Dieses Wahrzeichen von Neugersdorf sei bei den Einwohnern sehr beliebt, sagt Traudel Hänsch. Das 35 Meter hohe Bauwerk wurde 1927 gebaut und der kleine Hermann bestaunte mit seinen Freunden den Baufortschritt. Das Haus der Familie stand in unmittelbarer Nähe des Turmes und so konnte er hautnah dabei sein.

Als zur 300-Jahrfeier des Ortes ein Schaufensterwettbewerb mit dem Motto „Meine schöne Heimat“ ausgerufen wurde, hatte er gemeinsam mit seinem Schwager Wolfgang Sommer die Idee, ein originalgetreues, maßstabsgerechtes und obendrein beleuchtetes Turmmodell zu bauen. Hermann Röthig berechnete als Modelltischler die Maße und Wolfgang Sommer als Korbmachermeister wollte ihn aus Weidengeflecht bauen. Das war aber wesentlich schwieriger und komplizierter als gedacht. Wochenlang habe der Schwager versucht, dem Modell die nötige Stabilität zu verleihen. Doch der Turm wollte einfach nicht stehen bleiben. Dann kam Hermann Röthig auf die Idee, als Unterbau eine Lattenholzkonstruktion anzufertigen und darum das Flechtwerk zu platzieren. Das war der rettende Gedanke, denn nun hielt es. Schlussendlich kriegten sie es gerade so fertig. Als Lohn für diesen Aufwand wurden sie mit dem ersten Platz belohnt. Bis vor Kurzem stand das Modell noch im Schaufenster des ehemaligen Korbmachergeschäftes. Zurzeit ist es jedoch wegen der Corona-Pandemie dort nicht zu sehen.

Dennoch werden Hermann Röthig und seine Familie sich zur Geburtstagsfeier an diese und andere Geschichten erinnern und gemeinsam auf diese Zeit anstoßen.

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