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Wenn die Wohnstube als Postschalter dient

Postfilialen auf dem Lande waren einst auch an ungewöhnlichen Plätzen zu finden. Anders als heute gab es sie überall.

Von Bernd Dreßler
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Emmy Polpitz (links) gehörte in Eibau und Walddorf zu den unermüdlichen Postzustellern. Erst als 54-Jährige begann sie Briefe auszutragen. Als sie das Postfahrrad in die Ecke stellte, war sie 82! Die Aufnahme entstand am 2. Mai 1980, am 81.
Emmy Polpitz (links) gehörte in Eibau und Walddorf zu den unermüdlichen Postzustellern. Erst als 54-Jährige begann sie Briefe auszutragen. Als sie das Postfahrrad in die Ecke stellte, war sie 82! Die Aufnahme entstand am 2. Mai 1980, am 81. © SZ-Archiv

Wer auf dem Lande eine Postfiliale in seinem Wohnort hat, weiß das zu schätzen. Momentan sowieso. Wegen der Portoerhöhung müssen neue Briefmarken gekauft werden, „Aufstocker“ für fünf Pfennig dürften gefragt sein. Und die gibt’s ohne weite Wege gleich um die Ecke. In Obercunnersdorf ist die Filiale auf ein paar Quadratmetern in Göldners Schnäppchenshop an der Hinteren Dorfstraße untergebracht.

Nicht in einem Ladengeschäft, dafür oft im Wohnhaus des Betreibers waren Mitte des 19. Jahrhunderts die Filialen zu finden, die damals noch Postexpedition oder Postlokal hießen. Dazu wurde Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts aus Bernstadt vermeldet: „Das hiesige Postlocal wird nicht allein als Expedition einer königlichen Postanstalt, sondern auch als Wohn-, Familien- und Conversationszimmer benutzt.“ Das hatte freilich auch Nachteile, wie eine schriftliche Beschwerde eines Bernstädter Postkunden an die Oberpostdirektion in Leipzig zeigte. Demnach könnten glaubwürdige Personen bezeugen, dass „das Postlocal sogar ohne alle und jede Aufsicht vorgefunden“ wurde. Geldbriefe hätten frei auf einem Pult gelegen.

Daraus wurden Schlussfolgerungen gezogen. Als in Obercunnersdorf am 1. Januar 1850 eine Postexpedition ihren Betrieb aufnahm, zweckmäßiger Weise in der Nähe des Bahnhofs, wurde ein einheimischer Fabrikant als Postverwalter eingesetzt. Zum Inventar gehörten ein Amtssiegel mit Königskrone und der Umschrift „königlich-sächsische Postexpedition zu Obercunnersdorf“, ein Briefstempel, eine Waage, Schriftstücke mit Verordnungen und Tarifen sowie ein „Fellranzen für den Postboten“, heute würden wir Zustelltasche sagen.

So symbolisierte Gottfried Herrmann aus Dresden den DDR-Postalltag in Obercunnersdorf. Unter dem Viadukt, auf dem ein Doppelstockzug (mit Postwagen hinter der Lok) verkehrt, fährt ein W 50-Kastenwagen zum Postamt, um Sendungen abzuholen.
So symbolisierte Gottfried Herrmann aus Dresden den DDR-Postalltag in Obercunnersdorf. Unter dem Viadukt, auf dem ein Doppelstockzug (mit Postwagen hinter der Lok) verkehrt, fährt ein W 50-Kastenwagen zum Postamt, um Sendungen abzuholen. © SZ-Archiv

Was die Postboten damals zu leisten hatten, übersteigt unser heutiges Vorstellungsvermögen. 1867 umfasste der Obercunnersdorfer Zustellbereich neben dem Ort selbst auch Niedercunnersdorf, Dürrhennersdorf, Kottmarhäuser, Kottmarberg, Ober- und Niederottenhain sowie die Ottenhainer Sonneberg-Häuser. Zwei Zusteller hatten täglich zwei- bis dreimal im Umgebindedorf und einmal im gesamten Zustellbereich auszutragen!

Drehen wir die Uhr der Geschichte rund 100 Jahre weiter, dann sind wir im DDR-Postalltag angekommen. Die Ruppersdorfer Ortschronik schreibt: „Die Post wurde mit der Bahn verschickt und am Haltepunkt (der Bahnstrecke Zittau-Löbau – d. A.) mit dem Leiterwagen in Säcken abgeholt, sortiert und durch die Zusteller im Ort verteilt. Diese verrichteten die Arbeit zu Fuß, mit dem Fahrrad oder im Winter mit dem Schlitten.“ Oder nehmen wir Kleindehsa. Als der Postbote Oskar Manitz, mundartlich „Postmointz“ genannt, in den Ruhestand ging, rechnete man im April 1964 anerkennend sein wohlgemerkt tägliches Pensum auf: durchschnittlich 70 Briefe und Karten (um Weihnachten und Neujahr bedeutend mehr), zwei Pakte und zwei Päckchen und 350 Zeitungen und Zeitschriften, darunter die SZ.

n Ruppersdorf war Max Zimmermann langjähriger Zusteller.
n Ruppersdorf war Max Zimmermann langjähriger Zusteller. © SZ-Archiv

Anerkennung hatten auch die Mitarbeiter in den Landpoststellen verdient, die den Schalterdienst versahen. Und das mit einem ganzen Katalog von Aufgaben, zu denen die Vermittlung von Ferngesprächen, die Telegramm-Aufnahme, der Verkauf von Sonderbriefmarken oder die Lotto-Toto-Annahme gehörten, wobei die Tippscheine gelocht werden mussten. Mitunter wechselten die Poststellen auch ihr Domizil, weil die Räume zu klein wurden oder sich die Mietverhältnisse änderten. In Kittlitz zum Beispiel zog die Post 1980 in eine ehemalige Bäckerei, später in die Alte Schule.

Doch die Jahre der Landpoststellen waren gezählt. Nach der Wende fielen viele bisher übliche Postdienstleistungen weg, die Schalterzeiten wurden reduziert, Kündigungen ausgesprochen. Es kam zu immer mehr Schließungen, die auch vor Postgebäuden nicht halt machten, die in den Post-Blütezeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut worden waren, darunter in Walddorf oder an der Postgasse in Obercunnersdorf.

Geblieben sind einige in Geschäften untergebrachte Postagenturen, die nicht von der Post selbst, sondern von einem Vertragspartner geführt werden und sich offenbar rechnen. Geblieben sind neben vielen Erinnerungen an viele Jahrzehnte Postgeschichte auch köstliche Anekdoten. Eine ist in Heft 7/1998 der Eibauer Chronikblätter nachzulesen. In Walddorf war Emmy Polpitz mit 81 immer noch als Briefträgerin unterwegs. Die Frau musste abgelichtet werden. Sie bat den Fotografen, kurz das Fahrrad zu halten, damit sie sich schön machen könne. „Er fiel mit der Last beinahe um, Postomi aber fuhr damit“, heißt es in dem Beitrag.

Die andere Anekdote ist aus Kottmarsdorf überliefert. In den 1950er Jahren steuerte eine Postzustellerin im Niederdorf ein Haus an, vor dem ein Mann stand. Schon von weitem rief sie ihm laut zu, eine Postkarte in der Hand schwenkend: „Emil, Ihr kriegt schon wieder Besuch aus Dresden, gleich 14 Tage wollen sie diesmal bleiben.“