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Warum sich immer mehr für die Heimatpflege einsetzen

Der Lusatia-Verband verzeichnet steigende Mitgliederzahlen - gegen den allgemeinen Trend in Oberlausitzer Vereinen. Doch was macht ihn so besonders?

Von Irmela Hennig
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Michaela Hoffmann und Jörg Neumann aus Ebersbach mit ihrer vierjährigen Tochter Clara engagieren sich im Lusatia-Verband.
Michaela Hoffmann und Jörg Neumann aus Ebersbach mit ihrer vierjährigen Tochter Clara engagieren sich im Lusatia-Verband. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Michaela Hoffmann und Jörg Neumann aus Ebersbach liegt die Mundart sehr am Herzen. Deshalb haben sie sich auch im Trachtenpflegeverein Oberlausitz engagiert. Doch den gibt's inzwischen nicht mehr. Und so suchte das Paar nach einer Alternative. Nun ist der Lusatia-Verband der neue Zufluchtsort für die 42-jährige Tierärztin und den 45-jährigen Bautechniker. Hier strecken sie ihre Fühler aus in Richtung „Gesellschaft zum Erhalt der Oberlausitzer Mundart“, die unterm Verbandsdach entstanden ist.

Michaela Hoffmann gehört zu jenen, die noch Mundart sprechen. Und sie möchte diese an ihre zwei Kinder weitergeben. Dass Mundart auf breites Interesse stoße, zeige sich in der Wahl zum „Oberlausitzer Wort des Jahres“. Das spreche viele an. Gegen den modernen Einsatz von Mundart – so in der Rockmusik – haben Michaela Hoffmann und Jörg Neumann nichts einzuwenden. „Da kann man auch über den einen oder anderen Fehler hinwegsehen. Wichtig ist, dass es weitergeht“, sagt Michaela Hoffmann. Auch für eine moderne Form der Tracht ist sie offen.

Solche Beitritte sind ein Grund dafür, dass der Lusatia-Verband als Dachorganisation regionaler Vereine, Interessengruppen, Chöre, Gaststätten und Einzelpersonen in den vergangenen Jahren größer geworden ist. Gegen den Trend, den viele ehrenamtliche Organisationen in der Region erleben, steigt die Mitgliederzahl. Es seien jetzt über 1.100, wie Günther Kneschke vom Vorstand kürzlich informierte. Vor vier Jahren waren es 600.

Durch sinkende Geburtenraten, fehlenden Nachwuchs und die Abwanderung junger Leute mussten einige Vereine zuletzt eher Gegenteiliges verkünden. So löste sich der Verein „Seniorenakademie Lauta“ wegen der Überalterung der meisten Mitglieder und weil es keinen Nachfolger für den Vorsitz gab Ende vorigen Jahres ganz auf.

Corona und Lockdown setzten manchen Gruppen zusätzlich zu. So schrumpfte der Sportclub Hoyerswerda durch die Pandemie und damit verbundenen fehlenden Neuzugängen um reichlich 200 Leute, wie ein Magazin berichtete. Wie es mit den Chören weitergeht, ist ungewiss. Mancher Klangkörper ist seit Pandemiebeginn aus Vorsicht gar nicht mehr zusammengekommen, die Überalterung tut ein Übriges. Auch beim Lusatia-Verband weiß man vom Aus einiger Gesangsensembles.

Doch bei Vereinen und Verbänden, die nicht so stark auf wöchentliche Treffen, wie beispielsweise das Training im Sport oder gemeinsamen Gesang angewiesen sind, gibt es auch andere Entwicklungen. So hat der Domowina-Verband, die Dachorganisation der Sorben, in den letzten Jahren rund 300 Mitglieder gewonnen – steht jetzt bei gut 7.500. „Dies liegt auch an Neuaufnahmen, insbesondere von Jugendklubs“, informiert Sprecher Marcel Brauman. Die Naturforschende Gesellschaft der Oberlausitz und der Rietschel-Kulturring in Pulsnitz haben leicht hinzugewonnen.

Die Mundart pflegen

Beim Lusatia-Verband, der den Beinamen „Der Oberlausitzer Heimatverband“ trägt, sieht man verschiedene Gründe fürs Plus. „Wir profitieren vom Bildungsprogramm des Verbandes“, sagt Maik Hübschmann, der sich seit Kurzem im Vorstand engagiert. Gemeint ist ein Paket von über 40 Vorträgen, das es in Sachen Themenvielfalt und mit Blick auf die Kompetenz der Referenten in der Region wohl kein zweites Mal gibt. Ob Reformation, sorbische Besiedlung, Fastentuch, germanische Epoche, Sagen, Ortsgeschichten, Umgebindearchitektur oder Bergbauden – mit Partnern hat der Verein ein Angebot zusammengestellt, aus dem Veranstalter sich etwas aussuchen und den entsprechenden Referenten einladen können. Es gebe „großes Interesse daran, mehr über die Oberlausitz zu erfahren“, sagt die neue Vorsitzende, Dr. Gabriele Lang. Die studierte Chemikerin habe "vom Vater viel über die Heimatgeschichte der Oberlausitz erfahren".

Bei Maik Hübschmann ist der Groschen ziemlich spät gefallen. Die Erkenntnis, „was für ein wertvolles Gebilde“ der Lusatia-Verband ist. Inzwischen ist der 53-Jährige eingetreten in die Dachorganisation. So wie der Verein der Natur- und Heimatfreunde Burkau insgesamt, mit über 100 Mitgliedern. Dem gehört Maik Hübschmann schon seit Jahren als aktiver Mitgestalter an.

Die Vorträge zeigten die Vielfalt des Gebietes und seien gut besucht, 50 bis 100 Gäste gebe es durchaus. Grundsätzlich wachse der Bezug zur Region – auch bei jungen Menschen, meint Maik Hübschmann. So in seiner Heimat Burkau, wo man sich traditionell eigentlich nicht als Oberlausitzer gefühlt habe. „Dabei liegen wir direkt an der Oberlausitzer Grenze.“ Soziale Netzwerke wie Facebook mit Interessensgruppen haben seiner Erfahrung nach den Draht zur Heimat beflügelt.

Als jemand, der gern wandert, will sich Maik Hübschmann unter anderem für historische Wanderwege einsetzen, die ein wenig in Vergessenheit geraten seien. So könnten der 112 Kilometer lange Lausitzer Landweg sowie der Nördliche Kammweg vom Keulenberg zur Landeskrone neu ausgeschildert werden. Mitgliedsvereine könne man anregen, ähnliches für weitere Wege in ihrem „Revier“ zu tun.

Es gibt auch praktische Gründe für den Eintritt in den Lusatia-Verband. Für Gruppen, die nicht als eingetragener Verein registriert sind, bietet er die nötige Struktur. Kleine Vereine nutzen die Unterstützung, die eine große Organisation leisten kann. „Wir wollen ihnen beispielsweise helfen, bekannter zu werden“, sagt Gabriele Lang. Der Verband kann Informationen sammeln und veröffentlichen, so die vielen Aktionen, die inzwischen beim Tag der Oberlausitz rund um den 21. August stattfinden.

Jörg Neumann, gebürtig aus Cunewalde, weiß durch seine Mitarbeit in der Freiwilligen Feuerwehr seines Heimatortes und beim Landesverein Sächsischer Heimatschutz um das Problem, dass vielerorts „die Vereinsmitglieder ein hohes Alter haben und dass es wenig Nachwuchs gibt“. Auch Maik Hübschmann kann aus Burkauer Erfahrung davon berichten. Deswegen setze man da seit einigen Jahren verstärkt auf Angebote für Kinder. Die hat auch der Lusatia-Verband im Blick. Er hat eine Heimatschatzkiste für Schulen entwickelt, vor allem mit Büchern in Mundart sowie zu Region und Tradition. Für 20 Kisten habe es 40 Bewerbungen gegeben. Für den Obercunnersdorfer Günther Kneschke, früher Bau- und Finanzplaner und nun „im Unruhestand“, ist für den Fortbestand eines Vereins wichtig, dass sich Leute finden, die Verantwortung übernehmen. Und Gabriele Lang betont: „Viele müssen mitziehen.“

  • Gegründet wurde der Lusatia-Verband 1880 in Zittau; zeitweilige hatte er rund 5.000 Mitglieder; Auflösung nach dem Zweiten Weltkrieg; 1995 erfolgte die Wiedergründung.
  • Gefeiert wird am 11. September 2022 – beim 7. Oberlausitzer Heimattag im Rahmen von 800 Jahre Cunewalde; 12. bis 28. August 2022 Tag der Oberlausitz.