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Wofür Spreetex aus Neusalz in ganz Deutschland bekannt ist

Der Betrieb wird 30 Jahre. Der Chef verrät, wie sich die Firma in der Textilbranche behauptet - und warum er sich auch mal selbst an die Nähmaschine setzt.

Von Romy Altmann-Kuehr
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Die Kinderbettwäsche von Spreetex ist der Renner: Geschäftsführer Winfried Haase und Mitarbeiterin Brigitte Jänchen.
Die Kinderbettwäsche von Spreetex ist der Renner: Geschäftsführer Winfried Haase und Mitarbeiterin Brigitte Jänchen. © Matthias Weber/photoweber.de

Der "Bauernhof" ist der Renner. Pferde, Kühe und Hühner tummeln sich auf hellgrünem Untergrund. Dicht gefolgt ist der Verkaufsschlager von den "Wassertieren". Meterweise liegen die Stoffe mit den niedlichen Tiermotiven in den Regalen in der Produktionshalle von Spreetex.

Hier in Neusalza-Spremberg nähen Brigitte Jänchen und ihre Kolleginnen sprichwörtlich am laufenden Band süße Kinderbettwäsche, die dann in Kitas in ganz Deutschland die Kleinsten erfreut. Die Firma, die es jetzt 30 Jahre gibt, ist Spezialist für Bettwäsche. Natürlich gibt's auch vieles andere, was aus Stoff entsteht. Tischdecken zum Beispiel. Derzeit nähen Brigitte Jänchen und ihre Kolleginnen außerdem Beutel im Auftrag eines Berliner Design-Labels.

Das Spezialgebiet von Spreetex aber sind Textilien für Kindereinrichtungen. Geschäftsführer Winfried Haase kam vor einigen Jahren auf die Idee. "Da haben wir uns deutschlandweit einen Namen gemacht. Das macht inzwischen 70 bis 80 Prozent unseres Umsatzes aus", erzählt er. Auch Lätzchen oder Handtücher bestellen Kitas bei Spreetex. 4.000 Kunden hat der Neusalza-Spremberger Betrieb in diesem Bereich mittlerweile.

Spreetex und zuvor Lautex - das gehört bei Haases zur Familiengeschichte dazu. Winfrieds Vater Josef Haase, der jetzt bald 79 wird, hat in den 1960er Jahren den Beruf des Webers hier auf dem Gelände an der B96 gelernt. Da hieß der Betrieb noch Lautex. Später machte er seinen Abschluss als Textilingenieur und wurde Betriebsleiter. "Der Betrieb war sein zweites Zuhause", schildert der Sohn.

Nach der Wende kaufte Haase Senior mit zwei anderen zusammen einen Teil des ehemaligen Lautexbetriebes von der Treuhand und gründete im Dezember 1991 Spreetex. 2008 übernahm Winfried Haase die Geschäfte. Sein Vater ist nach wie vor Mit-Geschäftsführer, genießt aber größtenteils das Rentnerleben. "Der Übergang war sehr angenehm. Er hat mich machen lassen und sich immer mehr zurückgezogen", erzählt Winfried Haase. Dennoch sei es auch schön gewesen, gemeinsam zu arbeiten. Für den erfolgreichen Generationswechsel hat Spreetex vor einigen Jahren die Auszeichnung "Sächsischer Meilenstein", ausgelobt vom Wirtschaftsministerium und der Bürgschaftsbank Mittelstand, verliehen bekommen.

Kitas in ganz Deutschland ausgestattet

Das Erfolgsgeheimnis, wie sich der kleine Betrieb auch lange nach dem Ende der traditionsreichen Textilindustrie in der Oberlausitz hält und jetzt 30-jähriges Bestehen feiern kann: Man müsse in so einem hart umkämpften Bereich wie der Textilbranche Nischen finden, sagt der Junior-Geschäftsführer. Spreetex hat sie mit den Kindertextilien gefunden. "Es gibt nicht viele, wo die Einrichtungen die Bettwäsche direkt beim Hersteller kaufen können." Das würden die Kunden schätzen. Für Spreetex ist der Vorteil, dass die Trends im Kinderbereich nicht so schnelllebig sind, wie im Erwachsenenbereich, weiß Haase. Zudem sei die Konkurrenz bei Bettwäsche für Erwachsene viel größer. Und: "Bettwäsche ist eine Verschleißware und wird regelmäßig nachbestellt." Manche Kitas ordern mehrmals im Jahr. Zwar liefert Spreetex nach ganz Deutschland, hat aber natürlich auch schon viele Einrichtungen in der Oberlausitz ausgestattet. "In beinahe jede Gemeinde in der Umgebung haben wir schon verkauft."

Krisen hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegeben - auch schon vor Corona. Spreetex hat sie alle überstanden. Haase erinnert sich an die Baumwollkrise 2009. Da war er gerade erst bei Spreetex als Geschäftsführer eingestiegen. Immer haben sie das Beste aus der jeweiligen Lage gemacht. Im Lockdown nähte der Betrieb Mundschutzmasken. "Das hat uns schon sehr geholfen." Es hat Vorteile, sagt Haase, wenn man als Firma kleiner ist. Dann sei alles überschaubarer, das Unternehmen krisenfester.

Ihn mache es sehr stolz, dass die Firma inzwischen seit 30 Jahren am Markt ist und unter den Mitarbeitern ein freundliches, familiäres Klima herrscht. "Sie machen ihre Arbeit alle mit Leidenschaft und Freude." Das merkt, wer Brigitte Jänchen und ihre Kolleginnen an der Nähmaschine beobachtet. Mit Begeisterung erklärt sie, wie das Knopfloch in die Bettwäsche kommt. Dafür gibt's eine spezielle Maschine. Die stammt noch aus den 70er Jahren und ist älter als der Chef, macht ihren Job aber nach wie vor hervorragend.

Näherinnen werden kaum noch ausgebildet

Auch in der Zukunft sieht Haase Herausforderungen auf das Unternehmen zukommen. Mit 41 Jahren ist der Chef deutlich jünger, als seine Mitarbeiter. "Sie werden lange vor mir in Rente gehen." Fünf Vollzeitkräfte beschäftigt Spreetex: drei Näherinnen, einen technischen Mitarbeiter, der hauptsächlich für die Zuschnitte zuständig ist und eine kaufmännische Mitarbeiterin.

Was passiert, wenn die Näherinnen mal in Rente gehen, weiß Haase noch nicht. Gerade in diesem Berufszweig schlägt der Fachkräftemangel zu. "Eine Näherin zu bekommen, ist nahezu aussichtslos", weiß Winfried Haase. Seine Mitarbeiterinnen haben den Beruf noch in der DDR gelernt oder kurz danach, als die Textilbranche in der Gegend noch lebendiger war. Heute werde der Beruf kaum noch ausgebildet. Zu Spitzenzeiten hat er sich auch schon selbst an die Nähmaschine gesetzt. "Sehr zur Freude meiner Mitarbeiterinnen", sagt er lachend. Aber eine ausgebildete Näherin kann er nicht ersetzen.

Er hat jetzt eine Näherin aus Tschechien eingestellt, sie pendelt täglich von Varnsdorf nach Neusalza-Spremberg. Ein Aspekt sei natürlich, "dass wir uns hier im Niedriglohnsektor bewegen", so Haase. Der Beruf sei deshalb auch schlicht nicht so attraktiv wie andere. Die aktuelle Mindestlohndebatte sieht er kritisch. Natürlich sei das richtig und wichtig, sagt er. Ordentliche Arbeit müsse ordentlich bezahlt werden. Aber er wünscht sich, dass in kleineren Schritten vorwärtsgegangen werde. "Von jetzt 9,60 Euro auf zwölf Euro, die im Gespräch sind, das ist ein Sprung von 20 Prozent. Wie soll ich das als Arbeitgeber stemmen?" Das könne sich dann nur auf den Preis der Produkte und damit auf den Endverbraucher niederschlagen.

Dynamo-Sponsor kauft Firmengelände

Haase hat jetzt auf die Herausforderungen reagiert und das Firmenareal von 6.000 Quadratmetern verkauft - an seinen Nachbarn René Münnich. Dem Internet-Unternehmer, der auch offizieller Sponsor von Dynamo Dresden ist, gehört bereits seit einigen Jahren das benachbarte Gelände. Seit dem Verkauf ist er mit Spreetex Mieter in dem Gelände. Das Gebäude an der B96 ist derweil ganz leer gezogen. Spreetex hat sich verkleinert, auch der Fabrikladen ist umgezogen und jetzt im hinteren Gebäudeteil bei der Produktionshalle. "Wir haben jetzt noch 1.000 Quadratmeter für Produktion und Lager - und alles auf einer Ebene", berichtet Winfried Haase.

Er selbst leitet die Firma zwar weiterhin, hat sich aber beruflich neu orientiert und noch einmal eine berufsbegleitende Ausbildung gestartet. Er arbeitet jetzt in der Allianz-Agentur in Oppach und wird diese perspektivisch übernehmen.

Das Ende von Spreetex bedeutet das aber auf keinen Fall. "Ich will die Firma so lange es geht, erhalten", sagt Haase. Gefragt sind die Produkte allemal. Der nächste Stapel vom blauen Stoff mit den Meerestieren liegt schon bereit und muss verarbeitet werden. Denn irgendwo in Deutschland warten schon Kita-Knirpse auf ihre neue Bettwäsche.

  • Zum Firmenjubiläum gibt es am 6. November von 9 bis 14 Uhr einen Sonder-Fabrikverkauf bei Spreetex. Der Betrieb mit Laden ist zu finden an der Bautzener Straße 56 in Neusalza-Spremberg.