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Kritischer Kopf für Löbaus Stadtleben

Mit "Löbau antwortet" brachte René Seidel neue Farbe ins Stadtleben, das er nun mit "Löbau lebt" aktiv mitgestaltet. Sein Engagement ist nicht unumstritten.

René Seidel arbeitet an der Volkshochschule als Fachbereichsleiter Sprachen und ist der Mann, der "Löbau lebt" Schwung gab.
René Seidel arbeitet an der Volkshochschule als Fachbereichsleiter Sprachen und ist der Mann, der "Löbau lebt" Schwung gab. © Paul Glaser

Eigentlich wollte René Seidel Übersetzer werden. Tschechisch und Englisch. "Aber es hat sich nie ergeben, dass ich davon hätte leben können", sagt der 33-Jährige. Inzwischen hat er es in seiner Heimatstadt Löbau zu einiger Bekanntheit geschafft und muss seine neuen Ideen heute irgendwie auch übersetzen. Mit dem von ihm mitbegründeten Verein "Löbau lebt" will er zeigen, dass Meckern allein nichts bringt - und man nur mit gemeinsamem Engagement etwas verändern kann. Das, was der Verein mit den derzeit reichlich 20 Vereinsmitgliedern erreicht hat, kann man als Erfolgsgeschichte sehen - auch wenn Seidel und sein Engagement natürlich nicht unumstritten sind.

Eine Art persönlich-politische "Initialzündung" hatte René Seidel Mitte der 2010er Jahre, als er in Elternzeit war. Damals spazierte er mit seinem Kind durch die Stadt und sah hässliche Graffiti, später Schandflecke und Dreckecken, die ihn ärgerten. "Wenn man ein Kind hat, verändert sich der Blick tatsächlich, man fragt sich, ob es ihm hier in der Stadt gefallen würde", erinnert er sich. Daraus entstand die Idee, mit Bildern auf Facebook und Plakaten unter dem Namen "Löbau antwortet" aufzuzeigen, was ihm bei seinen Spaziergängen auffiel.

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Anonymer Start zum Löbau-Engagement

Zunächst blieb sein Engagement anonym. "Das war erst Zufall, aber dann, als es Kritik gab, fand ich es auch gut, dass meine Familie geschützt war", sagt er. Dass der Löbauer Oberbürgermeister Dietmar Buchholz (parteilos) von Seidels Aktivitäten nicht sonderlich begeistert war, ist kein Geheimnis. Als ihm Seidel damals ein Album mit seinen Fotos als Geschenk verpackt zusandte, übergab er es dem Landeskriminalamt. Es war ja kein Absender darauf ... Heute - wo Seidel längst nicht mehr anonym agiert - wirkt das Verhältnis eher kritisch-sachlich.

Dass der 33-Jährige sich zu erkennen gab, lag vor allem an einem: Ihm war rasch klar geworden, dass man nicht nur Meckern kann. Und so machte er sich mit Gleichgesinnten daran, Dinge anzupacken: So strich die Initiative den alten Wettiner Brunnen, organisierte eine Ausstellung im alten Gewandhaus, möbelte später den kleinen Kiosk in der Bahnhofstraße auf und hat inzwischen in derselben Straße das frühere Café Rusch erneuert - allerdings mit gänzlich anderer Funktion. Dort befindet sich jetzt ein Co-Working-Space - also ein Ort, in dem man sich zum Arbeiten einmieten kann. Zudem sind unter anderem eine Werkstatt, wo auch 3-D-Drucker surren, und ein Veranstaltungsraum im früheren Saal untergebracht.

Aus der Initiative ist mittlerweile ein fester Verein geworden, dem sich Seidel inzwischen in seiner Freizeit hauptsächlich widmet. "Ich habe festgestellt, dass mir die Arbeit im Verein mehr liegt, sie ist pragmatischer, man sieht schneller Ergebnisse", sagt er und spielt auf die Zeit an, in der er sich auch in der Bürgerliste politisch engagiert, einmal sogar für den Stadtrat erfolglos kandidiert hat. Aus der Bürgerliste ist er inzwischen ausgetreten, will sich lieber auf den Verein konzentrieren. Ingo Seiler ist er jedoch nach wie vor dankbar verbunden, da er ihm gemeinsam mit Bernd Stracke gezeigt habe, wie man vom Meckern zum Mittun kommt.

Herr über die Sprachen an der Volkshochschule

Beruflich konzentriert er sich seit mittlerweile sechs Jahren auf die Volkshochschule. Dort hat der Kittlitzer, der seit seinem 16. Lebensjahr direkt in Löbau wohnt, das Passende gefunden. Zuvor - nach dem Grundwehrdienst und dem Übersetzerstudium an der Hochschule Zittau/Görlitz - bestritt er seinen Lebensunterhalt mit Aushilfsjobs, die mit seinem Studium wenig zu tun hatten. In die Volkshochschule sei er dann so "reingerutscht". Um dort als Fachberater für Sprachen arbeiten zu können, hat er inzwischen auch per Fernstudium einen weiteren, nötigen Abschluss nachgeholt: den Master in Erwachsenenbildung. "Außerdem bearbeite ich an der VHS weitere Projekte wie das VHS-Mobil", fügt er an.

Auch beim Verein wünscht sich Seidel in der Zukunft eine "Professionalisierung". Konkret habe man vor, Leute an sich zu binden - per Anstellung oder über den Bundesfreiwilligendienst. "Wir stoßen mit dem Ehrenamt an Grenzen", sagt er. Da er und seine Mitstreiter berufstätig sind, sind Veranstaltungen eben erst abends möglich. "Wir würden aber gern auch tagsüber öffnen, Angebote machen", erklärt er.

Passen Großstadtideen nach Löbau?

Dass die Projekte des Vereins nicht nur von der Stadt, sondern auch von den Bürgern durchaus kritisch beäugt werden, kennen René Seidel und seine Mitstreiter inzwischen. Denn nicht jeder kann sich mit Ideen, die eigentlich für Großstädte gemacht sind, anfreunden. "Beim Kiosk gab es sehr viele Leute, die gesagt haben, dass ist super - aber es gab genauso diejenigen, die meinten, man solle das Ding doch abreißen", schildert Seidel. Beim ehemaligen Café Rusch in der Bahnhofstraße wiederholt sich das. Vor allem Ältere sind mitunter enttäuscht über das heutige Innenleben. "Manche sagen dann, was das doch für ein Quatsch sei und wir sollten mal was Ordentliches machen."

Seidel ist jedoch davon überzeugt, dass genau diese Ideen etwas "Ordentliches" sind. Dass sie meist auch mit einer politisch eher linken Haltung assoziiert werden, weiß er. "Wir haben viel darüber gesprochen, ob und wie politisch wir sein wollen", sagt er. Prinzipiell gebe man sich offen, habe Grünen-Mitglieder in den Reihen, aber auch CDU-Sympathisanten. Aber natürlich schließe das Engagement für Flüchtlinge eben auch bestimmte Kreise aus. Der Erfolg, meint Seidel, gebe "Löbau lebt" aber recht. Die Veranstaltungen in der Bahnhofstraße - Kinoabende, Konzerte, Lesungen, Barabende - seien (vor Corona) immer gut besucht gewesen. Und dass eben nicht nur von der immer gleichen Klientel.

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