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Auf schmaler Spur durchs Pließnitztal

Bis vor 75 Jahren verkehrte die Kleinbahn zwischen Herrnhut und Bernstadt. Dann war Schluss. Einiges von der Strecke durfte aber stehen bleiben.

Der Bahnhof Bernstadt auf einer historischen Ansichtskarte. Im Hintergrund (Mitte) ist die Friedhofskapelle der Stadt zu erkennen. In Bernstadt befand sich mit 235 Metern Höhenlage der tiefste Punkt der Strecke.
Der Bahnhof Bernstadt auf einer historischen Ansichtskarte. Im Hintergrund (Mitte) ist die Friedhofskapelle der Stadt zu erkennen. In Bernstadt befand sich mit 235 Metern Höhenlage der tiefste Punkt der Strecke. © Sammlung E. Preuß,

Hört man das Wort Schmalspurbahn, dürften viele sofort an „unser Boahnl“ denken, das von Zittau ins Gebirge verkehrt. 1990 war es zwar stark gefährdet, es fährt aber noch immer. Dieses Glück hatten andere Oberlausitzer Schmalspurbahnen nicht, für sie kam 1945 das Aus. Auch die Pließnitztalbahn zwischen Herrnhut und Bernstadt fiel unter die Reparationsgüter der Sowjetunion.

Die Geschichte dieser Kleinbahn begann bereits zu Anfang der 1870er Jahre. Die Stadt Bernstadt auf dem Eigen wünschte sich den Anschluss an das deutsche Bahnnetz. Und das nicht nur für den Personen-, sondern auch den Güterverkehr. Aber der Neubau einer Normalspurtrasse, von Löbau ausgehend, wäre zu teuer und aufwendig geworden. Machbar war dagegen eine Schmalspurbahn von Herrnhut aus. Der Landtag erteilte die Konzession für den Bau dieser Bahn mit 750 mm Spurweite. Im September 1892 begannen die Arbeiten. Die meist aus Italien stammenden 240 Bauleute erhielten nur einen kargen Lohn. Die Gleistrasse verlief bogenreich, dem Verlauf der Pließnitz folgend. Auf fast ebenem Gelände war nur ein größeres Brückenbauwerk zu errichten. Insgesamt wurden über zwölfeinhalb Kilometer Gleise verlegt und 33 Weichen eingebaut.

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Was die Bahnhöfe betraf, mussten in Herrnhut nur noch zusätzlich Güterschuppen, Wirtschaftsgebäude, Stellwerke und eine Laderampe geschaffen werden, weil das Herrnhuter Bahnhofsgebäude der Normalspur Löbau-Zittau auch für die Pließnitztalbahn genutzt werden konnte. In Bernstadt wurde das Bahnhofsgebäude neu erbaut, zwei Etagen hoch, mit Schmuckelementen und Satteldach, auch hier kamen noch Nebengebäude sowie ein zweiständiger Lokschuppen hinzu. Die fünf Haltestellen unterwegs in Strahwalde, Berthelsdorf, Kunnersdorf und zwei in Rennersdorf wurden mit Bahngebäuden einfachster Art ausgestattet, auch Wagenkästen fanden Verwendung. Außerdem bekam die Firma Gustav Paul zwischen Niederstrahwalde und Berthelsdorf einen Gleisanschluss.

Eine Eröffnungsfahrkarte vom 1. Dezember 1893.
Eine Eröffnungsfahrkarte vom 1. Dezember 1893. © Sammlung H. Bauer

Am 30. November 1893 waren die Arbeiten der etwas über zehn Kilometer langen Strecke beendet, nach nur 14 Monaten Bauzeit. Das wäre heutzutage unmöglich. Die Streckeneröffnung geschah mit dem damals üblichen Tamtam: mit Kapelle, Wimpel, winkenden Menschen und Ehrenfahrt der Honoratioren, die die neue Bahnlinie nach Ankunft in Bernstadt zünftig in einem Gasthof feierten. Am Tag darauf begann der fahrplanmäßige Verkehr. Eingesetzt wurden dafür damals dreifach gekuppelte I K-Lokomotiven. Sie zogen Schmalspurgüterwagen und einige wenige Personenwagen, die bis zu 126 Leute transportieren konnten.

Die Anwohner nutzten die Pließnitztalbahn an den Wochenenden gern für Fahrten zu Familientreffen, Dorf- und Kirchfesten oder Sonntagsausflügen. In der Woche transportierten die Züge Fahrgäste zu Ämtern oder auf Märkte. Auch für größere Einkäufe wurde das „Boahnl“ gern genutzt, zumal man durch den Umstieg in Herrnhut auf die Normalspur recht schnell in die nächstgrößeren Städte Löbau und Zittau und darüber hinaus gelangte.

Die Pließnitztalbahn dampfte zuverlässig mit höchstens 20, später mit 25 Kilometern pro Stunde. Nur einen Tag musste sie pausieren, als nach dem Hochwasser im Sommer 1897 die Uferbefestigungen von Pließnitz und Petersbach repariert werden mussten.

1924 stellte die Reichsbahn die Haltestelle in Nieder-Strahwalde ein, lag sie doch ganz in der Nähe des Herrnhuter Bahnhofes und wurde kaum genutzt. Neue Personenwagen gab es 1925, eine leistungsstärkere Lokomotive kam ein Jahr später hinzu.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges verbreitete sich recht schnell die Entscheidung der Besatzungsmacht, dass diese Schmalspurbahn zur Kriegsentschädigung bestimmt war und in die Sowjetunion gebracht werden sollte. So fuhr das beliebte „Boahnl“ nach 52 Jahren Betriebszeit am 1. Oktober 1945 zum letzten Mal. Männer der Umgebung wurden dienstverpflichtet, um unter Aufsicht die Schienen und Weichen abzubauen. Dieses Material sowie zwei Lokomotiven und mehrere Wagen wurden im Juni 1946 verladen und in die UdSSR transportiert. Wo alles letztendlich hingelangte oder ob die Anlagen wieder aufgebaut bzw. eingesetzt wurden – das weiß wohl niemand. 

Die Brücken durften stehen bleiben, ebenso die Wartehäuschen und natürlich das Bahnhofsgebäude von Bernstadt. Es befindet sich heute innerhalb eines eingezäunten Geländes, die Beschriftung „Bernstadt (Oberlausitz)“ ist noch gut lesbar. Bei genauem Hinschauen ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite noch der Einschnitt der früheren Bahntrasse zu erkennen.

Vom einstigen Glanz des Bernstädter Bahnhofsgebäudes ist heute kaum noch etwas übrig. 
Vom einstigen Glanz des Bernstädter Bahnhofsgebäudes ist heute kaum noch etwas übrig.  © Heike Schwalbe
Direkt gegenüber ist an der Straße nach Großhennersdorf ist noch der frühere Streckenverlauf zu erkennen
Direkt gegenüber ist an der Straße nach Großhennersdorf ist noch der frühere Streckenverlauf zu erkennen © Heike Schwalbe

Lange Zeit waren auch nördlich des Herrnhuter Bahnhofes die Schienen bei der Überquerung der Fernverkehrsstraße 178 zu sehen. Interessant ist, dass die Strecke noch 1967 in einer Übersichtskarte des Reichsbahndirektionsbezirks Dresden als „Bahnkörper ohne Gleis“ eingezeichnet war. Aber selbst mit noch vorhandenen Schienen wäre der Zugbetrieb zu DDR-Zeiten aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt worden, auf jeden Fall nach der Wende, als viele Bahnstrecken abgemeldet wurden.

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