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Loschwitzer will Recht auf Ruhe einklagen

Freiluft-Veranstaltungen sind zu laut, sagt Anwohner Stefan Weber. Er ist nicht allein. 550 Beschwerden gibt es pro Jahr in Dresden.

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Von Tobias Winzer

Wenn in der nächsten Woche das Stadtfest beginnt, wird es wieder laut bei Stefan Weber. „Seit Juni haben wir hier jedes Wochenende Lärm“, sagt der 40-Jährige, der am Elbhang in Loschwitz wohnt. In diesem Jahr habe die Beschallung durch Konzerte und Feste extrem zugenommen.

Er nennt das Elbhangfest, die Schlössernacht oder die Bunte Republik Neustadt als Beispiele. Zur Fußball-WM habe er in seiner Wohnung jedes Wort des Kommentators vom Public Viewing am Terrassenufer verstanden.

Das Umweltamt bestätigt die erhöhte Lärmbelastung nur teilweise. Dem WM-Public-Viewing und dem Elbhangfest sei der Status eines „seltenen Ereignisses“ zuerkannt worden. Die üblichen Lärmrichtwerte seien damit außer Kraft gesetzt. Bei der Bunten Republik Neustadt sollte eigentlich ab 1Uhr nachts Ruhe sein. Einige hätten sich nicht daran gehalten. „Ich hatte das Gefühl, dass ein Trommelworkshop vor meiner Haustür stattfindet“, sagt Stefan Weber. Bis drei Uhr haben er und seine Frau deswegen wachgelegen.

Stadt ist wie ein Amphitheater

Mit seinen Sorgen steht Stefan Weber nicht allein da. Seit 2001 steigt die Zahl der Beschwerden über Lärm. Rund 550 sind zuletzt pro Jahr bei der Stadt eingegangen. Besonders lärmgeplagt sind die Bewohner im Stadtzentrum, beispielsweise am Königsufer, in der Prager Straße oder auch in der Hauptstraße.

Dass weit vom Zentrum entfernte Stadtteile ebenfalls vom Lärm betroffen sind, hängt mit der besonderen geografischen Lage Dresdens zusammen. „Das ist ähnlich wie in einem Amphitheater“, erklärt der Akkustiker Ercan Altinsoy. Der Schall könne sich bis zu den Elbhängen frei ausbreiten. Es gebe keine Hindernisse. Der 36-jährige Wissenschaftler der TU Dresden betont, dass auch der Wind bei der Schallausbreitung eine große Rolle spiele. Da er meist elbaufwärts weht, sind Geräusche von Veranstaltungen im Zentrum auch noch in Blasewitz, Loschwitz und am Weißen Hirsch zu hören. Hinzu kommt: Wasser reflektiert den Schall und trägt ihn fast ohne Geräuschverluste weiter. „Die Elbe ist eine zusätzliche Verstärkung.“

Die Stadt ist sich dennoch sicher, dass die Grenzwerte in Loschwitz bislang eingehalten wurden. „Der Anwohner war keiner unzulässigen Lärmbelastung ausgesetzt“, heißt es vom Umweltamt. Für Wohngebiete wie in Loschwitz gelten außerhalb der Wohnung Grenzwerte von 55 Dezibel tagsüber und 40 Dezibel nachts. Das entspricht tags der Lautstärke eines normalen Gespräches, nachts der von leiser Musik. „Ich bin mir sicher, dass die Werte hier überschritten wurden“, sagt Stefan Weber. „Wie muss es dann erst denen gehen, die in der Nähe wohnen?“, fragt sich der Publizist, der vor drei Jahren von Salzburg nach Dresden gezogen ist.

Gewissheit nach dem Stadtfest

Er habe generell nichts gegen Open-Air-Konzerte. „Ich gehe gern zu solchen Veranstaltungen, bin Musikfan“, betont er. Der zweifache Familienvater kann jedoch nicht nachvollziehen, dass dieser Lärm rechtens ist. „Es sei denn, die Stadt vergibt Ausnahmegenehmigungen. Diese sind dann aber in diesem Jahr zur Regel geworden.“

Stefan Weber will nun endlich Klarheit haben. Während des Stadtfestes lässt er die Lautstärke vor seinen Fenstern von Experten der TU messen. „Sollten die Grenzwerte überschritten werden, werde ich mein Recht auf Ruhe auf jeden Fall durchsetzen.“ Mit einer Klage.