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„Man beklaut doch nicht seinen Gastgeber“

Der Diebstahl des Fahrrads eines Linken-Stadtrates sorgt für Aufregung. In Riesa freut sich aber jemand darüber.

© obs

Von Jörg Richter

Riesa/Großenhain. Der eine hat den Ärger, der andere großes Glück. Großenhains Stadtrat Thomas Proschwitz bereut es schon, mit dem Diebstahl seines Fahrrades im Internet an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Dass er es ausgerechnet vor dem Asylheim wiederfand, hat dem Linken-Stadtrat Häme, aber auch Unverständnis eingebracht.

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In Riesa gibt es aber jemanden, der sich darüber freut, dass dem Großenhainer Unternehmer sein 14 Jahre altes Fahrrad gestohlen wurde. Nicht, weil er Proschwitz kennt oder ihm etwas Schlimmes wünscht. Nein, der Riesaer hat durch diesen bekannt gewordenen Fall sein eigenes Fahrrad zurück erhalten. Es war das nagelneue Fahrrad, das die Großenhainer Polizei ebenfalls vorm Asylheim sicherstellte. „Dieses Fahrrad hat bei der Überprüfung herausgestochen“, sagt die Dresdner Polizeisprecherin Jana Ulbricht. Ihre Kollegen vor Ort hätten es als „fabrikneu“ beschrieben. „Zum Glück war daran ein Aufkleber eines Riesaer Fahrradhändlers angebracht“, so Jana Ulbricht. Dadurch konnte der Besitzer leicht ermittelt werden. Das neue Rad war ihm am Riesaer Bahnhof von Unbekannten gestohlen worden. Er hatte daraufhin bei der Polizei Anzeige erstattet und auch den Fahrradhändler über die Vorfall informiert. Deshalb konnte dieser sofort den Namen des Besitzers nennen.

Nur ein Indiz, kein Beweis

Die Polizeisprecherin weist ausdrücklich darauf hin, dass keine Täter ermittelt werden konnten. „Da hat man bei Fahrraddiebstählen ohnehin immer einen schlechten Ermittlungsansatz“, sagt Jana Ulbricht. Denn meistens blieben nur die durchgeschnittenen Fahrradschlösser zurück. Dass zwei gestohlene Räder, wie in diesem Fall, vor einem Asylheim wiedergefunden werden, ist ein Indiz, aber kein Beweis, dass es Flüchtlinge waren.

Ob seit Beginn der Flüchtlingswelle im vergangenen Jahr die Anzahl der Fahrdiebstähle im Bereich der Polizeidirektion Dresden zugenommen hat, kann Jana Ulbricht nicht bestätigen. „Das ist nicht recherchierbar“, sagt sie. „Fahrraddiebstähle kommen recht häufig vor.“ Laut Bundeskriminalamt wurden im vergangenen Jahr deutschlandweit rund 335 000 Fahrraddiebstähle verzeichnet, mehr als 900 am Tag. Und das sind nur die registrierten Zahlen, die wahre Statistik kennt niemand. Nur neun Prozent der angezeigten Fahrraddiebstähle konnten aufgeklärt werden. Auch deshalb lässt sich kein Rückschluss auf Tätergruppen oder Nationalitäten ableiten.

Auch Thomas Proschwitz möchte sich an dieser unsinnigen Diskussion nicht wirklich beteiligen, auch wenn seine erste wütende Reaktion im Internet eindeutig war. „Ich bin froh, wenn die Leute im Asylheim in Ruhe gelassen werden“, sagt er. Die meisten Flüchtlinge hätten in ihrem Leben schon genug leidvolle Erfahrungen machen müssen.

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Proschwitz, der für die Linke im Großenhainer Stadtrat sitzt, ist überrascht über die großen Wellen, die sein Facebook-Eintrag ausgelöst hat. Vor allem nach Bekanntwerden in der SZ. „Ich hatte über 40 Reaktionen“, erzählt er. Manche seien unverschämt gewesen, andere enthielten Klischees und Schubladendenken.