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Margot Honeckers elektronische Post

Die Witwe des früheren DDR-Staats- und SED-Parteichefs hatte in Chile einen regen Mail-Verkehr mit einem Vertrauten. Die Korrespondenz kann bald jeder nachlesen.

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© dpa

Von Jutta Schütz, Berlin

In ihrer Exilheimat Santiago de Chile kochte die einstige First Lady der DDR Suppe für die Enkeltochter nach einer Zahnoperation. Von Freunden aus Halle bekam Margot Honecker als „Kollektivgeschenk“ zum Geburtstag einen neuen Computer.

Wenige Wochen nach dem Tod der langjährigen DDR-Ministerin für Volksbildung erscheint an diesem Freitag ein Buch mit privaten Mails, die zwischen dem ostdeutschen Verleger Frank Schumann und der Witwe des früheren DDR-Staats- und SED-Parteichefs Erich Honecker über Jahre hin und her gingen.

„Post aus Chile“ will neue Einblicke geben und nach Angaben des Verlages eine Persönlichkeit zeigen, die zu Empathie und Reflexion fähig gewesen sei – anders als das bisher vorherrschende negative Bild von Margot Honecker. Sie starb am 6. Mai im Alter von 89 Jahren.

Schumann, in der DDR zuletzt Chefreporter der Zeitung Junge Welt und nach eigener Aussage „als Kurier der DDR-Aufklärung“ (für die Staatssicherheit) unterwegs, schreibt im Vorwort: Margot Honecker sei oft online gewesen, habe deutsche Zeitungen gelesen und mit vielen Menschen in ihrer alten Heimat korrespondiert.

Seine „langjährige freundschaftliche Beziehung“ zu Margot sei durch Veröffentlichungen über Erich Honecker entstanden, so Schumann. Honecker starb 1994 in Chile. In Deutschland war der Prozess gegen ihn wegen der Mauertoten aus gesundheitlichen Gründen eingestellt worden.

Schumann gerät geradezu ins Schwärmen über Margot, er durfte sie auch in ihrem Haus in La Reina besuchen. „Margot Honecker war so wenig Säulenheilige wie Dämon, keine Furie und kein Tyrann“, schreibt der 64-Jährige im Vorwort. „Das sind Hirngespinste von Demagogen.“

„Sie war ein Mensch mit festen Überzeugungen und durchaus liebenswerten Seiten.“ Seine Zeilen an die Honecker-Witwe unterzeichnete Schumann schon mal mit: innigst, ich umarme dich, alles Liebe, ich drücke dich. Schumann lässt auch wissen, es gebe keine objektive Geschichtsbetrachtung. „Alles ist Ideologie, unparteiisch ist niemand.“

Der Verleger und die Witwe lagen auf einer Wellenlänge, wenn sie den DDR-Sozialismus hochhielten. Im November 2010 schrieb die Ex-Ministerin nach Berlin: „Mit Gorbatschow und Modrow in einem Film aufzutreten, lehne ich definitiv ab – mit Leuten, die die Konterrevolution wissentlich oder irrtümlich mitgestaltet haben – das geht gegen meine politische Ehre“.

Auch um die Mauertoten ging es in der Korrespondenz. Margot Honecker mailte 2011, die Mauer und der 17. Juni 1953 (Volksaufstand in der DDR) seien „unsere weiche Stelle“ und darum Schwerpunkt der Angriffe auf die DDR. „Jeder Tote ist einer zu viel. Jeder an der Mauer Erschossene hatte eine Mutter, einen Vater, die um ihren Sohn trauern. Der Grenzer wie der Grenzverletzer.“ Doch klar sei auch: „Niemand zwang die Menschen, über die Mauer zu steigen, sie wussten, was passieren könnte, sie gingen wissentlich ein Risiko ein.“ In einer anderen Mail hieß es: „Kein Staat darf auf das eigene Volk schießen, schon gar nicht ein sozialistischer. Das genau werfen sie uns immer vor: 17. Juni, Mauertote... Aber das war nicht das Volk.“

Sorgen machte sich Margot Honecker auch um das Bild ihres Mannes für die Nachwelt. Dass Erich Honecker in den 80er-Jahren vielleicht eine nukleare Katastrophe verhindert und damit den Weltfrieden gerettet habe, gehöre zu seinen Leistungen, dies werde aber „die bürgerliche Geschichtsschreibung gewiss unter einem Schuttberg von kleinlichem Gekreisch begraben.“ (dpa)