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„Martina ist wie eine Schwester“

Nach einem Bombenangriff in Syrien lag Hussein Sarhan zehn Tage im Koma. In Deutschland fand er Hölle und Paradies.

© Christian Juppe

Von Henry Berndt

Er hatte mal ein schönes Leben. Ein Auto, ein Haus, einen Hof. Als jüngstes von zehn Geschwistern wuchs er behütet und glücklich in Ghouta in Syrien auf. Er arbeitete als Fliesenleger und Schneider. „Am Anfang kam mir die Revolution noch wie ein Spaß vor“, sagt Hussein Sarhan. Der heute 29-Jährige sei sogar mit auf einer der Demos gewesen. Eines Tages wurde einer seiner Brüder getötet und alles war anders. Der Bruder war im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Alle Insassen wurden erschossen. Eine Vergeltungsaktion des Militärs.

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Für Hussein und seine Familie war es der Beginn eines Alptraums, der bis heute andauert und mit Worten kaum zu beschreiben ist. Hussein versucht es trotzdem. Er sitzt auf einem Sofa im 9. Stock eines Hochhauses auf der Hochschulstraße in Dresden. Seit er Martina kennengelernt hat, kann er wieder lächeln. Er trägt einen gepflegten Vollbart. Rechts an seinem Kopf ist eine kahle Stelle zu sehen. Einige Mediziner halten es für ein Wunder, dass Hussein überhaupt noch lebt.

Bei einem Anschlag in Syrien traf ihn 2013 ein Bombensplitter und riss ein faustgroßes Loch in seine Schädeldecke. Zehn Tage lag er im Koma und die Ärzte kämpften um sein Leben. Dreimal wurde er operiert. Seit er die Augen wieder öffnete, ist nichts mehr wie vorher. Seine linke Körperhälfte ist gelähmt. Sein Arm hängt schlaff herunter. Das Laufen fällt ihm schwer. Freunde sagten ihm, in Deutschland könne ihm geholfen werden und er solle sich auf den Weg machen.

Er hörte auf ihren Rat, floh über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien nach Deutschland. Doch schon der erste deutsche Arzt raubte ihm jede Hoffnung. Hemiparese hieß die Diagnose. Seine rechte Gehirnhälfte sei zerstört, erfuhr er auf wenig sensible Art. Kein Arzt auf der Welt könne seinen Zustand verbessern. Hirnzellen regenerieren sich nicht. „Das war ein Schock“, erinnert sich Hussein. „In diesem Moment habe ich mir gewünscht, schon auf dem Weg hierher gestorben zu sein.“ Nun saß er da, allein, 4 000 Kilometer entfernt von seiner Familie, und seine lange Reise schien völlig vergebens. Drei seiner acht Brüder sind in Syrien gestorben. Sein Vater erlag einem Herzinfarkt. „Ihr Tod hat ihm das Herz gebrochen“, glaubt er. Die anderen Brüder seien in alle Welt verstreut. Noch schlimmer aber ist die Angst um seine Mutter und die Schwester, die bis vor wenigen Tagen in Ost-Ghouta eingeschlossen waren.

Die Angst zieht mit

Nach kurzem Aufenthalt in Leipzig, kam Hussein 2015 zunächst in ein Asylheim nach Zschopau im Erzgebirge. Erst vor sechs Monaten zog er von dort zu einem Bekannten nach Dresden, der ihm im Alltag helfen will. Das Haus in der Hochschulstraße ist eine Großbaustelle. Die Fenster sind zugeklebt. Zugang gibt es nur über die Kellertür. Auch hier kann er der Hoffnungslosigkeit und der Angst um seine Familie nicht davonlaufen.

Er dachte sich nichts weiter dabei, als ihn die Macher der Facebookseite „Menschen in Dresden“ vor einigen Wochen zufällig trafen und fragten, ob er ihnen ein Interview gebe. Warum nicht, dachte er, und erzählte seine Geschichte.

Viele lasen seine Zeilen und dachten sich wohl: „Ein trauriges Schicksal“, bevor sie zur nächsten Seite weiterklickten. Martina Ihlau aber saß fassungslos vor ihrem Computer. Sie kannte schon viele Geschichten von Geflüchteten, aber diese überwältigte sie. „Nach dem Lesen habe ich Rotz und Wasser geheult“, sagt sie. „Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen?“ Spontan entschied sich die 50-jährige Kindergärtnerin aus Weißig, Hussein auf Facebook anzuschreiben. „Bist du zu Hause?“, fragte sie. „Kann ich vorbeikommen?“ Ein paar Stunden später saß sie bei ihm auf dem Sofa. „Ich habe selber eine große Tochter in seinem Alter und kann nicht einfach zusehen, wie so ein junges Leben sinnlos zerstört wird.

Schnell merkte Hussein, dass er Martina alles erzählen konnte. Alles über sein verpfuschtes Leben, seine Wut, seine Ängste. Viele Stunden lachten und weinten sie zusammen. Er erzählte ihr von den Giftgasangriffen in Syrien. Wie er Vögel vom Himmel fallen und Menschen umsinken sah. Auch er selbst sei ohnmächtig geworden. Irgendwie fühlt er sich bis heute so.

Martina nahm Hussein bei der Hand und kümmerte sich um seine dringend nötigen medizinischen Therapien. Sie vereinbarte für ihn Termine bei Ärzten, Physiotherapeuten und Logopäden. Inzwischen hat er einen Hometrainer und andere Fitnessgeräte in seinem Zimmer stehen und arbeitet daran, seinen Körper wieder zu kräftigen. Früher war er sehr sportlich, liebte das Schwimmen und Joggen. Er will kein Mitleid mehr. Er will wieder leben.

Rückkehr unter einer Bedingung

Deshalb hat er auch angefangen, Deutsch zu lernen. Jeden Tag ist er von 8 bis 11 Uhr in der Schule. Auf seine ersten Sätze ist er stolz. Er weiß inzwischen, dass sein Leben nie mehr so sein wird, wie früher.

Ob er sich vorstellen kann, in Deutschland zu bleiben? Er überlegt lange. Dann sagt er, dass er wieder zurück in seine Heimat möchte, aber erst, wenn Präsident Baschar al-Assad weg ist. Solange der da ist, könne er nur warten.

Martina Ihlau sitzt neben ihm auf dem Sofa und streicht ihm durch die Haare. Längst sind sie Freunde geworden, ja mehr als das. „Wir haben eine sehr enge Beziehung“, sagt Hussein. „Sie ist wie eine Schwester für mich, und ich hoffe, dass es immer so bleibt.“ Neben den allgegenwärtigen Sorgen teilen sie auch schöne Stunden, gehen in Konzerte, in Gaststätten, in den Zoo oder wandern zur Bastei. „Mit Martina fühle ich mich nicht mehr allein und ein bisschen wie zu Hause.“

Warten auf die nächste OP

Zu seiner Schwester in Syrien und seiner Mutter hatte Hussein zuletzt nur selten Kontakt, wenn sie mal den Keller verlassen konnten. In all den Wochen, in denen Hussein täglich um ihr Leben bangen musste, stand Martina ihm bei und litt bei jedem Bombenanschlag mit, bis die nächste Meldung kam, dass sie in Sicherheit sind.

Auch Martina Ihlau ging in diesen Stunden an die Grenzen des Ertragbaren. „Einige Male musste er meine Tränen trocknen“, sagt sie. „Er ist so ein starker Mensch, ein großer Kämpfer.“ Für sie selbst gebe es einfach Momente, in denen sie keine Worte mehr findet. Manchmal wünsche sie sich dann, dieses Gefühl dem ein oder anderen Dresdner vermitteln zu können, für den der Syrienkrieg nur eine weit entfernte Baustelle der Geschichte ist.

Zweimal in der Woche besucht Martina Hussein. Am Wochenende kommt er meist zu ihr. Gerade warten sie auf einen Termin für die Operation, bei der das Loch in seiner Schädeldecke endlich geschlossen werden soll. Ein anderes Loch wird länger brauchen, um zu heilen. Das in seiner Seele.