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„Mehr als die Hälfte feiert Jugendweihe“

© dpa

Ein Verein führt die Tradition aus der DDR im Kreis fort – mit alten und neuen Inhalten.

Die Anmeldungen für die Jugendweihe 2016 laufen derzeit im Landkreis. Die SZ sprach dazu mit Jugendweihe-Verbandschef Ronny Winkler.

Ronny Winkler leitet den Verband für Jugendarbeit und Jugendweihe in der Region Meißen und ist stellvertretender Bundesvorsitzender. © Claudia Hübschmann

Herr Winkler, früher galt die Jugendweihe als Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen. Wie ist es heute?

Im Grunde genommen hat sich daran nichts geändert. Dass die Jugendweihe mit 14 Jahren gefeiert wird, genauso wie Konfirmation oder Firmung, hängt damit zusammen, dass früher die Schule nach der achten Klasse zu Ende war und die Lehre begann und damit das Erwachsenenleben.

Einst lief die Jugendweihe über die Schulen, wie kommt man heute dazu?

Viele Familien informieren sich im Internet und wenden sich dann an uns. Wir haben darüber hinaus praktisch in jeder Klasse einen Ansprechpartner. Schulen laden uns ein. Und dann geben die Schüler, die schon an der Jugendweihe teilgenommen haben, ihre Erfahrungen natürlich auch an Geschwister und Freunde weiter.

Die Feier ist der Höhepunkt, wie läuft die Vorbereitung?

Es gibt Vorbereitungskurse vom guten Benehmen bei Tisch über eine Verhandlung beim Amtsgericht Meißen bis hin zu einem Besuch im Konzentrationslager Buchenwald. Höhepunkt ist die Abschlussfahrt nach Paris. Neu ab diesem Jahr ist eine Veranstaltung zu Traditionen, Werten und Ritualen. Da können die Teilnehmer mit Spielgeld Werte wie Fleiß und Freundschaft, Gleichberechtigung und Solidarität ersteigern. Ich habe Jugendliche gehabt, die ihre 200 Euro Spielgeld komplett auf den Wert Selbstbeherrschung gesetzt haben. Es ergibt sich eine Reihung der Werte, – sie wird am Ende aufgelöst, denn jeder muss für sich herausfinden, was ihm wichtig ist.

Fahrten nach Berlin oder Paris kann sich vielleicht nicht jeder leisten. Wie teuer ist die Jugendweihe?

Die Hälfte aller Veranstaltungen, aus denen man frei wählen kann, ist kostenfrei. Veranstaltungen lassen sich auch über das Bildungspaket fördern, und Familien, die staatliche Unterstützung zum Lebensunterhalt bekommen, erhalten Ermäßigung.

Wie hoch ist derzeit die Beteiligung an der Jugendweihe?

Im vergangenen Jahr haben 13 156 Jugendliche in Sachsen daran teilgenommen, das sind 46 Prozent der infrage kommenden Schüler. Das sind allerdings nur die Teilnehmer, die über unseren Verband erfasst werden. Es gibt aber noch andere, kleinere Organisationen, die Jugendweihen ausrichten und auch Veranstaltungsagenturen. Genaue Zahlen liegen mir nicht vor, aber man kann davon ausgehen, dass weit über die Hälfte der Schüler Jugendweihe feiern. Was die Region Meißen betrifft, so liegen wir im Landesschnitt.

Die Meinung, die Jugendweihe sei eine Erfindung der DDR, ist weit verbreitet. Stimmt das? Woher kommt sie?

Die Jugendweihe ist viel älter, ursprünglich geht sie auf einen Erlass des preußischen Königs zurück. Der hatte 1847 erlaubt, dass man aus den Kirchen austreten konnte. Das war eine erste Form der Religionsfreiheit. Vor allem in den großen Industriestädten wandelten die Leute die zehn Gebote für sich ab, aber es fehlten ihnen Lebensabschnittsfeiern analog zu kirchlichen wie Konfirmation oder Firmung. So wurde mit Jugendlichen ein Fest bei erlangter Verstandesreife gefeiert, 1852 taucht dann erstmals der Name Jugendweihe auf.

Das Gespräch führte Udo Lemke.

www.jugendweihe-sachsen.de