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Mehr Brötchentüten, weniger Zeitungspapier

Nach der Insolvenz kämpft sich die Papierfabrik Hainsberg aus der Krise. Gelingen soll das mit einem neuen Sortiment.

Von Tobias Winzer
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René Iltzsche schneidet das Papier in der Papierfabrik Hainsberg in großen Bögen zu. So können sie zum Kunden transportiert werden.
René Iltzsche schneidet das Papier in der Papierfabrik Hainsberg in großen Bögen zu. So können sie zum Kunden transportiert werden. © Karl-Ludwig Oberthür

Der schlimmste Sturm ist überstanden, Land ist in Sicht. Wäre Dietrich Arnhold ein Seefahrer, würde er die Situation seines Unternehmens vielleicht so beschreiben. Der Geschäftsführer der Papierfabrik Hainsberg drückt es lieber etwas nüchterner aus. „Wir sind mit der finanziellen Entwicklung seit dem Neustart sehr zufrieden“, sagt der 70-Jährige. Nach dem Krisenjahr 2017 und dem Ende des Insolvenzverfahrens zum Jahresbeginn kämpft sich das Freitaler Traditionsunternehmen Stück für Stück aus der Krise. Bald soll eine wichtige Etappe dabei geschafft sein.

Um die Lage des Unternehmens mit derzeit 110 Angestellten zu verstehen, ist zunächst ein Blick zurück nötig. Die finanziellen Probleme des vor 180 Jahren gegründeten Unternehmens hingen mit einer Havarie im Produktionsgebäude im Jahr 2014 zusammen. Der Schaden in der Decke musste schnell und bei laufendem Betrieb repariert werden. Letztlich zogen sich die Arbeiten bis 2016 hin und wurden um ein Vielfaches teurer als ursprünglich gedacht. Drei Millionen Euro Kosten für Reparatur und Produktionsausfälle waren insgesamt entstanden.

Die Papierfabrik hatte damals gerade in ein neues Kraftwerk und in ein neues Lager investiert. Die Portokasse war also nicht gerade gut gefüllt. Das Eigenkapital reichte nicht. Verschiedene Rechnungen bei Lieferanten und anderen Geschäftspartnern konnten nicht mehr bezahlt werden. Anfang 2017 meldete Arnhold, der die Papierfabrik zusammen mit Krystyna Saworska führt, Insolvenz an. Mit der Zustimmung der Gläubiger zu einem Insolvenzplan endete diese schwierige Phase Anfang 2018.

„Wir haben derzeit viel damit zu tun, die Auflagen des Insolvenzplans zu erfüllen“, sagt Arnhold, der seit 2007 in der Papierfabrik tätig ist. Die Gläubiger – dazu gehören verschiedene Lieferanten, Banken, das Finanzamt oder diverse Versicherungen – hatten mit der Zustimmung zum Insolvenzplan auf einen Teil ihrer Forderungen verzichtet. Den Rest will Arnhold bis spätestens März 2019 begleichen. Damit seien alle Gläubiger, bis auf einen, bedient, sagt er. Diese Schulden sollen bis 2020 ausgeglichen sein.

Parallel dazu arbeiten die Mitarbeiter der Papierfabrik daran, das Sortiment umzustellen. „Das hängt mit der Digitalisierung zusammen“, sagt Arnhold. Das einstige Hauptgeschäft der Papierfabrik, das Herstellen von Druckpapier, wird dadurch einerseits unbedeutender – unter anderem, weil immer weniger gedruckte Zeitungen und Zeitschriften gelesen werden. Andererseits sorgt die Digitalisierung für einen Aufschwung im Online-Handel und damit einhergehend in der Verpackungsindustrie. Davon kann die Papierfabrik profitieren.

Erst 2016 hat das Werk damit begonnen, auch Verpackungspapiere herzustellen. Mittlerweile machen solche Papiere schon ein Drittel der Jahresproduktion von 42 000 Tonnen Papier aus. Arnhold schätzt, dass sie mittelfristig die Hälfte der Jahresproduktion ausmachen werden.

„Das bedeutet natürlich, dass wir auch unser Vertriebssystem umstellen müssen“, sagt Arnhold. Während die Papierfabrik bislang mit Druckern oder Verlegern zu tun hatte, muss sie nun auf die Wünsche von Verpackern oder Händlern reagieren. Aus dem Papier der Papierfabrik können zum Beispiel Brötchen- und Baguettetüten oder A4-Umschläge hergestellt werden.

© Grafik: SZ

Gerade das Aus abgewendet, hat die Papierfabrik nun ganz andere Probleme. Die gute Konjunkturlage und die teilweise Verbannung von Plastetüten sorgen dafür, dass die Maschinen im Werk ausgelastet sind. „Wir könnten mehr Aufträge annehmen, als wir schaffen“, sagt Arnhold. Ein Ausbau der Fabrik, die zu den kleinsten Papierfabriken in Deutschland zählt, wäre aber mit einer zweistelligen Millioneninvestition verbunden, weil mit den Maschinen auch alle anderen Bereiche der Fabrik, wie das Kraftwerk, erweitert werden müssten. „Das können wir uns angesichts dessen, was wir gerade hinter uns haben, nicht leisten“, so Arnhold. Außerdem sei der Platz am aktuellen Standort an der Dresdner Straße äußerst begrenzt.

Für den Firmenchef geht es darum, das Beste aus dieser Situation zu machen. „Wir müssen aus den vorhandenen Kapazitäten das Höchstmögliche an Wertschöpfung herausziehen“, sagt Arnhold. Er will bei den Kunden mit einer möglichst individuellen Betreuung und mit Spezialpapieren punkten. „Wir wollen Besonderheiten anbieten, die eine große Papierfabrik vielleicht nicht machen würde.“ Er nennt besonders leichte Verpackungspapiere als Beispiel.

Arnhold will die Umstrukturierung des Sortiments bis 2020 abgeschlossen haben. 2022, so der Plan, sollen auch die letzten Nachwehen der Insolvenz überwunden sein und die Papierfabrik wieder auf gesunden Füßen stehen. Arnhold will diese Phase, obwohl schon längst im Rentenalter, als Geschäftsführer zu Ende bringen. „Ich habe mir vorgenommen, dass, was wir als Auftrag erhalten haben, zu begleiten.“