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„Meine Freunde wollen ja, dass ich weiterlebe“

Annalena Bär erkrankte vor fünf Jahren an Leukämie. Die 13-Jährige findet auch beim Sportschießen zurück ins Leben.

© kairospress

Von Alexander Hiller

Olaf Bär ist kein Typ für langes Drumherumgerede. Seine Tochter Annalena kommt da ganz nach ihm. „Du musst in dem Sport nicht der oder die Schönste sein. Bodenturnen kannst du nach einem Tumoreingriff nicht mehr machen. Hier“, sagt Olaf Bär, „ist das scheißegal“ – und meint seinen Verein, die 1. Schützengilde Freital „Sachsen 90“. Annalena Bär ist dort eines der jüngsten Mitglieder, ein kesses, vielleicht hin und wieder überdreht wirkendes hübsches Mädchen – eine Überlebende.

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Rückblende: Am 10. November 2013 wird Annalena ins Krankenhaus eingeliefert – mit Knie-, Zahn- und Handgelenksschmerzen. „In den darauffolgenden zwei Wochen hatten wir 23 Arzttermine und begegneten natürlich auch Misstrauen“, sagt Olaf Bär. Bis ein Kinder-Onkologe für die damals achtjährige Annalena die erschütternde Diagnose stellt: ALL, akute lymphatische Leukämie, Krebs. „Von dem, was man kriegen kann, ist das noch eine günstige Variante, die oft auftritt“, sagt Olaf Bär. Das heißt, die Experten besitzen bereits viele Vergleichswerte, anhand derer man die Therapiemöglichkeiten optimieren kann. In Deutschland erkranken jährlich etwa 2 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren an Krebs. Die Heilungschancen bei Leukämie liegen heutzutage zwischen 86 und 92 Prozent.

Das sind im Grunde beschwichtigende Statistiken, aber eben nur nackte Daten. Das Leben ist anders. Und fordert Annalena und die gesamte Familie Bär heraus. Was folgt, sind acht Monate im Krankenhaus, Chemotherapien mit zehrenden Tiefen und kleinen Höhen. Das Immunsystem muss komplett heruntergefahren werden, damit die Medizin greift. Auch Annalena fallen die Haare aus. „Glatze“, sagt die 13-Jährige bestätigend und schiebt sich eine Strähne ihrer schwarzen Haare aus der Stirn. „Manche werden dann auch dicker durch das Cortison“, sagt Olaf Bär.

Mit Humor gegen Trauermienen

Die Bärs sind jeden Tag bei ihrer Tochter, der Alltag auf der Kinderkrebsstation lässt sich nur schwer aushalten – oder eben mit Humor. „Ich habe dort auch Gitarre geklimpert, dabei kann ich gar nicht spielen, wir haben halt nur so rumgeblödelt“, sagt der 48-Jährige. Seine Tochter genießt diese Momente. Jedes Lachen kann da die Welt bedeuten. „Es gibt Leute, die rennen da den ganzen Tag mit Trauermiene rum“, sagt Vater Bär. „Aber trauern kann ich doch hinterher.“ Einige Eltern müssen das auch. „Es gibt Freunde, die geblieben sind – und welche, die nicht geblieben sind“, erklärt er.

Annalena bezwingt die Krankheit. Auch, weil die Familie mit dem Sonnenstrahl e. V. einen wichtigen Partner an ihrer Seite hat. Der spendenfinanzierte Verein begleitet Familien während und auch nach der Krankheit in allen Lebenslagen, also auch auf psychologischer Ebene. Noch heute darf Annalena einmal pro Woche in Gorbitz zum Schwimmen – als Haltungstherapie, von Sonnenstrahl finanziert. Eine unschätzbare Arbeit, findet Olaf Bär.

Doch auch die Kraft seiner Tochter ist bewundernswert. Acht Monate im Krankenhaus, wie hält ein Kind das aus? „Ich habe mich immer daran festgehalten, dass ich kämpfen muss. Meine Freunde wollen ja auch, dass ich weiterlebe, daran habe ich immer geglaubt, auch wenn es mir mal sehr schlecht ging. Dass meine Freunde mich noch brauchen werden“, sagt Annalena. Ihre Hände sind fast ständig in Bewegung, brauchen immer etwas zu tun. Invalidenrentner Olaf Bär hat sich daran gewöhnt, nur wenn seine Tochter an den Fingern knaupelt, erntet sie mal einen strengen Blick – und stellt die Nestelei flugs ein. Zumindest ein paar Minuten lang.

Die Familie Bär lebt mittlerweile das Leben nach der Krankheit. Annalena hat die dritte Schulklasse wiederholt, geht jetzt in die sechste. „In der Schule ist sie nicht die Riesenleuchte, aber es kann niemand verlässlich sagen, wo sie ohne Chemo stünde“, sagt Olaf Bär. Seine Tochter lächelt leise.

Im November ist die Diagnose fünf Jahre her. Das Wort „geheilt“ will der gebürtige Erzgebirger dennoch nicht benutzen. „Der Fachbegriff ist: erfolgreich behandelt“, sagt er. Halbjährlich wird Annalena durchgecheckt, im Herbst ist sie wieder dran. Niemand kann abschätzen, ob die Krankheit wiederkehrt. Man kann sich nicht für alles wappnen. Offiziell gilt Annalena als gehandicapt, auf dem Papier steht: zu 80 Prozent. „Das wird Schritt für Schritt runtergestuft. Auf 20 Prozent bleibt sie aber lebenslang“, erklärt ihr Papa. Ihre Sehkraft hat sich seit der Erkrankung deutlich verschlechtert. Auf über minus 3,5 Dioptrien. „Vorher“, sagt der frühere Berufskraftfahrer“, war gar nix.“

Nur ein besserer Klubkollege nervt

Dennoch hat er seine Tochter vor einem Jahr als Sportschützin in Freital angemeldet. „Die Kinder brauchen nach dieser Zeit eine Art neuen Mittelpunkt“, sagt Olaf Bär und schaut zu seiner Tochter hinüber. Mit dem Luftgewehr darf sie mittlerweile schießen, auch auf Wettkämpfen. „Ich muss mich nicht quälen, um das hier mitzumachen“, sagt Annalena. Aber leicht fällt ihr das Stillstehen mit der Vier-Kilo-Waffe an der Schulter nicht. „Ich brauche schon Kraft und Kondition“, erklärt die Nachwuchs-Schützin resolut. Ein Wettkampf dauert knapp 45 Minuten. „Ja“, stellt die Linkshänderin schließlich zufrieden fest, „mir macht das hier Freude.“

Nur, dass ein gleichaltriger Junge, der noch nicht so lange wie Annalena dabei ist, bereits ein bisschen besser zielt, geht an ihr nicht spurlos vorüber. „Das nervt“, sagt sie und rollt dabei mit ihren braunen Augen, ehe ein breites Lächeln über das Gesicht huscht. Ihr Vater hält auch den sensiblen Umgang mit den Waffen für sehr lehrreich und disziplinierend, es fördert die Konzentration.

Und Berührungsängste kennen sie bei der 1. Schützengilde Freital ohnehin kaum. Olaf Bär hat die Geschichte seiner Tochter öffentlich gemacht und als Waffenwart für eine gute Sache tief in die psychologische Trickkiste gegriffen. „Der Verein Sonnenstrahl vergibt Spendenboxen, die kann man für 40 Euro leasen und überall aufstellen. Und an mir muss jedes Vereinsmitglied vorbei“, erklärt er. Es ist nicht überliefert, mit welcher Vehemenz er seine Spendenaktion vertreten hat. Aber es sind letztlich über 600 Euro in der Box gelandet, die Bär dem Sonnenstrahl e. V. übergeben konnte. „Ich wollte nicht nur danke und auf Wiedersehen sagen. Das tut mir nicht weh und es macht keine Arbeit, dieses Ding aufzustellen. Uns ist geholfen worden in der Zeit, ohne dass man was erwartet hat.“

Der Deutsche Schützenbund (DSB) fand dieses Engagement dennoch außergewöhnlich und kürte die Freitaler zum „Schützenhilfe-Verein des Monats“. Die Leser der Deutschen Schützenzeitung wählten die Rand-Dresdner aufgrund ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit und der sportlichen Integration von Annalena gar zum „Schützenhilfe-Verein des Jahres 2017“. Paradoxerweise erhielten Bär und seine jungen Mitstreiter eine Prämie von 1 000 Euro.