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Meißen feiert

Das Meißner Weinfest steht für Wein, Schlemmerstände und Livemusik. Und diesmal gab es mehr Party denn je.

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Von Ulrike Keller

In blau-weißem Licht steigt Nebel auf. Zackige Armbewegungen, coole Schritte. Disco im Rathausinnenhof. Sandra Tzscharnke tanzt ausgelassen. Eine Pinkhaarige springt wie aufgezogen am Rand der Tanzfläche mit. „Ein toller Ausgleich“, schreit sie befreit durch die Geräuschkulisse der Partynacht. „Endlich mal wieder rauskommen!“ Steffi Geißler aus Meißen lacht, zappelt, fällt ihren Freundinnen um den Hals. Die 32-Jährige ist gerade im Babyjahr. Lisa Imhof aus der Frauenclique auch. Beide haben sie den Abend babyfrei, die Daddys schieben Windeldienst. Und: Für Steffi Geißler ist es nach 13 Jahren Bayern das erste Weinfest wieder in Meißen. Was nichts daran ändert, dass sie die Getränke lieber von daheim mitgebracht hat – „auf dem Weinfest echt zu teuer für ne junge Mama“. Aber bis um vier in der Frühe will sie durchmachen, verkündet sie ekstatisch.

Die Junge Bühne – Magnet für Rock- und Metal-Fans wie Martin Schönherr und Nicole Kuppe aus Meißen.
Die Junge Bühne – Magnet für Rock- und Metal-Fans wie Martin Schönherr und Nicole Kuppe aus Meißen.
Das Weindorf – hinter der Roten Schule fühlen sich Yvette Nehring und Katja Klütz aus Leipzig bei Countryrock wohl.
Das Weindorf – hinter der Roten Schule fühlen sich Yvette Nehring und Katja Klütz aus Leipzig bei Countryrock wohl.
Die Disco – Partyadresse im Rathausinnenhof für alle wie Sandra Tzscharnke, die zu Chartsmusik abtanzen wollen.
Die Disco – Partyadresse im Rathausinnenhof für alle wie Sandra Tzscharnke, die zu Chartsmusik abtanzen wollen.

Steffi Geißler und ihre Mädels gehören in exakt die Altersgruppe, die Veranstalter und Stadtrat Martin Schade mit seiner Megaparty im Rathausinnenhof erreichen will. Drei Tage Disco-Marathon hat er für alle 25- bis 40-Jährigen organisiert, die eher hören wollen, was aktuell im Radio läuft. In Abgrenzung und als Alternative zur Jungen Bühne.

Dort wummert es düster die Neugasse entlang. Von der Bühne schallt Heavy Metal-Musik. Auffällige Köpfe mit Irokesenkamm oder Zottelfrisur sind die Ausnahme im Straßenbild. Nicole Kuppe fällt maximal durch ihre Retriever-Hündin auf. Die 24-Jährige hat sich mit Meißner Freunden verabredet, darunter Martin Schönherr. In gesprächstauglichem Abstand zur Bühne bringen sie sich auf den neuesten Stand ihrer Leben.

Weiter vorn brettern junge Skater die Rampen hinauf. Unweit sammeln sich vor einer mystischen Feuershow Menschen im Halbkreis. Der Künstler erscheint in Grufti-Optik: toupierte schwarze Haare, schwarz geschminkte Augen, schwarze schwere Stiefel. Sein Oberteil: Eine umgenähte Zwangsjacke, weiß. Die Show heißt „Burn-out“ und demonstriert zu finsteren Klängen die Empfindungen eines Burn-out-Betroffenen. Der Feuerspucker wirft eine Skatkarte nach der anderen in die Flammen. Die „Wünsch-dir-was-Karte“ fehlt.

Viele Ü40s zieht es wiederum auf den Kleinmarkt, ins „Zelt voller Energie“. Auch hier vibriert die Luft von den extrem verstärkten Bässen. Doch aus den Boxen kommen eingängige Discofox-Nummern, gut zu tanzen. Die Paare, die nach alter Schule gelernte Schrittfolgen anwenden, stellen die Minderheit. Kerstin und Enrico Feldmann aus Lommatzsch sind noch dabei, warm zu werden. An einem Stehtisch am Zelteingang trinkt sie einen Federweißen, er ein Schwerter-Bier. Das Paar ist nach einer Schlender-Runde hierher gekommen, weil von verschiedenen Seiten die Stimmung gelobt wurde. Der erste Eindruck: „Die Musik ist okay!“

Einen ganz anderen Stil zelebriert die Band auf der Bühne hinter der Roten Schule. Im grün-rot beleuchteten Weindorf lebt der Countryrock auf, mit amerikanischen Titeln der 50er und 60er Jahre. Yvette Nehring wippt begeistert mit. Freundin Katja Klütz steht lachend daneben. Die beiden Leipzigerinnen haben allerhand vom Meißner Weinfest gehört und sind nur deshalb angereist. Von ihrem Einstiegsweißburgunder halten sie schon mal sehr viel.

Im Rathausinnenhof sind auch Cocktails wie der Cuba libre äußerst begehrt. Blaues Licht strahlt die weißen Zelte an, violettes Licht färbt die weißen Fassaden. Lounge-Atmosphäre. Für drei wache Tage hat Veranstalter Martin Schade bekannte DJs geholt: Sie bedienen auch die Kultschiene, angestaubten Schlager mit moderner House-Musik zu mixen. Am Ende steht ein Sonntags-Open-Air mit Feuerwerk.

Alle drei Tage auszukosten, haben sich Marcus Lorenz und seine Kumpels und Kumpelinen aus Scharfenberg vorgenommen. 15 junge Leute sind es im harten Kern, alle zwischen 20 und 26. Die meisten kennen sich aus dem Kindergarten, treffen sich seit der Schulzeit regelmäßig im Jugendklub Scharfenberg. Jetzt beobachten sie von einem Heizpilz aus die Menge. Das Weinfest gehört zu ihren Höhepunkten im Jahr. „Hier muss man hin, hier sind alle“, sagt Jessika Perez-Gonzales mit einem Becher Federweißer-Kirschsaft in der Hand. Die meisten der Burschen sind auf Brautschau. Einer hat auf der Runde übers Fest schon eine hoffnungsvolle Bekanntschaft gemacht. Er ist nur noch mit dem Handy beschäftigt. Und Jessika macht den anderen Mut: „Jeder findet seinen Partner!“