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Meißen kämpft um seinen Ruf

Die Stadt will nicht länger als rechts gelten. Der Verein Buntes Meißen geht mit einer Lichterkette in die Offensive.

© Claudia Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Meißen. Die lauten Töne überlassen sie den anderen. Statt gegen den Fremdenhass auf den Demos selbst ernannter „Heimatschützer“ anzuschreien oder sie mit Trillerpfeifen zu übertönen, wird nebenan musiziert und gefeiert. Das Bündnis Buntes Meißen will eben gerade nicht „gegen“ etwas sein, sondern „dafür“: für ein friedliches Zusammenleben der Nationalitäten, für eine wahre Willkommenskultur. Der Verein ist das andere Gesicht der Stadt, die in Fernseh-Dokumentationen gerne als Beispiel für das „dunkle Deutschland“ radikaler Ausländerfeinde gezeigt wird.

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Trotzdem sagt Pfarrer Bernd Oehler, Vorstand des Bündnisses, über sich und seine Mitstreiter: „Wir sind nicht die Guten.“ Und, das setzt er hinzu: auch nicht die Bösen. Zusammen mit der Unternehmerin Ute Czeschka, ihrer Schwester Kerstin Daraghmeh sowie Sabine Eckelmann sitzt er in den erst im September bezogenen Räumen des Vereins in der Rauhentalstraße. Genau dort, wo es im Juni einen Brandanschlag auf eine geplante Wohnung für Asylbewerber gab. Ein erhalten gebliebenes Stück der verkohlten Wand in der mittlerweile wieder sanierten Wohnung zeugt als Mahnmal noch immer davon. Im Fenster daneben steht ein beleuchteter Globus, wie als trotziges Zeichen für Weltoffenheit.

„Die dunklen Bilder aufhellen“

Gerade an diesem Ort wäre es leicht, einen Hass auf „die anderen“ zu entwickeln – die Fremdenfeinde, die sich gerne als Asylkritiker bezeichnen und den Ruf der Stadt nachhaltig schädigen. Sich aufzuteilen in die Guten und die Bösen. Doch das würde den Riss, der bereits jetzt durch die Gesellschaft – und auch durch Meißen – geht, nur noch vergrößern, weiß Pfarrer Oehler. „Für viele ist das Bunte Meißen links“, sagt er. „Was wir aber etablieren wollen, ist eine bürgerliche Plattform, wo Linke wie Konservative, einfach alle vertreten sind.“ Deshalb auch der vollständige Name „Buntes Meißen – Bündnis Zivilcourage“.

Bunte Aktionen

Sprachkurse: Das Bunte Meißen organisiert unter Federführung von Kerstin Daraghmeh, die arabisch spricht, Deutschkurse für Flüchtlinge.

Patenschaften: Meißner wie Ute Czeschka helfen als Paten Asylsuchenden bei der Orientierung in der Stadt.

Internationaler Garten: In einem Gemeinschaftsgarten sollen Deutsche und Flüchtlinge anbauen können.

Videos: Mit Filmen über die Asylbewerber will Sabine Eckelmann eine Brücke zu den Meißnern schlagen.

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Im Vorstand des Vereins, der im März dieses Jahres aus einer Bürgerinitiative hervorging, sitzen neben Mitgliedern der Linken, von SPD, Grünen und Piraten auch Vertreter von CDU und ULM. Neben Kirchenleuten gibt es Atheisten wie Ute Czeschka und ihre Schwester Kerstin Daraghmeh. Rund 40 aktive Mitglieder hat das Bündnis, um die 150 sind im Verteiler.

Einmal im Monat treffen sich Vereinsmitglieder und Interessierte in der Lutherkirche, um die Arbeit zu besprechen. „Wir sind zu Mittlern geworden zwischen allen, die zur Integration beitragen wollen“, erklärt Ute Czeschka. Entstand das Bunte Meißen ursprünglich wegen eines geplanten Reichsbürgertreffens vor zweieinhalb Jahren, ist die Integration von Asylbewerbern in der Stadt mittlerweile zur Hauptaufgabe geworden. Eine Aufgabe, die die Ehrenamtlichen für die Verwaltung praktisch vollständig übernehmen – wofür es ruhig mehr Anerkennung geben könnte, finden sie. Die Mitglieder organisieren beispielsweise Sprachkurse oder vermitteln Patenschaften zwischen Einheimischen und Asylsuchenden.

Ein Zeichen setzen

Nun soll eine besonders PR-trächtige Aktion dafür sorgen, dass das Bild Meißens in der Welt korrigiert wird: Das Bündnis veranstaltet zusammen mit Politikern, Schülervertretern, Meißnern, Ex-Meißnern und unterschiedlichsten Institutionen der Stadt – insgesamt über 100 Unterstützern – eine Lichterkette „für ein friedliches und menschliches Miteinander in Meißen“. Am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, soll sich eine Kette aus Bürgern mit ihren mitgebrachten Lichtquellen über die Altstadtbrücke ziehen, im besten Fall auch über die Elbtalbrücke zurück und so den Kreis schließen. 1 500 bis 2 000 Menschen wären dazu geschätzt nötig. Doch um besonders große Zahlen geht es gar nicht, sondern darum, aus der Zivilgesellschaft heraus ein Zeichen zu setzen. Es soll ein mediales Bild erzeugt werden, erklärt Unternehmer Walter Hannot beim Pressetermin, „um die extrem dunklen Bilder über unsere Stadt wieder etwas aufzuhellen“.

Dass die Erzeuger dieser dunklen Bilder, die Initiative Heimatschutz (IHS), dazu aufgerufen haben, auch an der Lichterkette teilzunehmen, sehen die Organisatoren gelassen. „Wer sich einreiht, akzeptiert die Menschenrechtserklärung von 1948“, so Ute Czeschka. Eine Vereinnahmung durch fremdenfeindliche Zwecke, zum Beispiel durch gezeigte Banner der IHS, soll es nicht geben. Einen bewussten Ausschluss dieser Meißner aber ebenso wenig.

Was den Organisatoren der Lichterkette bereits jetzt gelungen ist: Sie haben über Wochen die unterschiedlichsten Akteure der Stadt an einen Tisch bekommen. Diese bunte Mischung birgt das Potenzial für weitere Aktionen – nicht gegen, sondern für eine lebenswerte Stadt.