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"Einige Kollegen sagen, sie schaffen das nicht"

Bianca Vogel, Stationsleiterin der Intensivstation, erklärt im SZ-Gespräch, warum die Intensivpflege der Corona-Patienten so belastend ist.

Bianca Vogel, Stationsleiterin der Intensivstation am Elblandklinikum Meißen.
Bianca Vogel, Stationsleiterin der Intensivstation am Elblandklinikum Meißen. © Claudia Hübschmann

Frau Vogel, wie hat die Corona-Pandemie Ihren Blick auf den Pflege-Beruf verändert?

Bei der Behandlung von Corona-Patienten arbeiten wir unter erschwerten Bedingungen. Wir tragen permanent Schutzkleidung. Sind wir erst mal beim Patienten im Zimmer, werden uns Medikamente und Material von außen gereicht. Abläufe müssen daher neu durchdacht und geplant werden. Zudem handelt es sich bei Corona-Patienten auf der ITS um schwerstkranke Menschen, wodurch der Pflegeaufwand sehr hoch ist. Im Vergleich zu anderen Patienten bleiben Covid-19-Erkrankte auch sehr lange auf der Station. Absprachen mit den Angehörigen sind erschwert. Trotz personeller Hilfen aus den anderen Häusern ist es eine belastende Situation.

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Welches Erlebnis hat Sie dabei am längsten beschäftigt?

Ich kann nicht sagen, dass es nur eins gibt. Es sind vielmehr die vielen kleinen. Zum Beispiel lassen wir Angehörige Abschied nehmen. Sie bedanken sich dafür wirklich sehr. Oder wenn Kollegen aus anderen Häusern kommen und sagen: "Das ist wirklich enorm, was ihr hier leistet." Sie beeindruckt unsere Ruhe. Die kommt aber durch unsere Erfahrung und Routine bei der Behandlung von Corona-Patienten auf der Intensivstation, die wir uns schon bei der ersten Welle aneignen konnten.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem fachfremden Personal?

Sie kennen die Geräte nicht und müssen sich schnell einarbeiten. Das tun sie aber. Keiner wird von uns alleingelassen. Teilweise haben wir Schichten, in denen von unserem Stammpersonal nur zwei oder drei Pfleger da sind, obwohl acht bis neun nötig wären. Da muss man flexibel sein. Die ganze Arbeitsorganisation muss umgestellt, Aufgaben anders als sonst verteilt werden. Außerdem gibt es auch einen entsprechenden Lärmpegel auf der Intensivstation, den fachfremdes Personal nicht gewohnt ist. Die unterschiedlichen Alarme muss man auseinanderhalten können. Wer die Geräte kennt, weiß aber, was noch fünf Minuten warten kann. Disziplin und Organisation ist dabei entscheidend, um die Pflege effektiv zu gestalten.

Was heißt das?

Man kann nicht mal schnell in ein Zimmer gehen, nur weil man etwas vergessen hat. Die
Schutzkleidung anzuziehen, dauert drei bis vier Minuten. Man ist nicht sofort am Patienten. Dann muss man organisieren, wer geht wann in die Pause. Manchmal ist es schwierig, überhaupt eine machen zu können. Denn mindestens einer muss immer eingeschleust sein. Im Moment kümmert sich eine Pflegekraft pro Schicht um drei Patienten.

Und wie wirkt sich die Coronapandemie auf Ihr Privatleben aus?

Natürlich treffe ich mich noch mit anderen Menschen, aber das überlege ich mir immer sehr genau, mit wem und wie oft. Ich möchte nicht mich und andere anstecken oder das Virus ins Krankenhaus hineintragen.

Fühlen Sie sich denn von der Gesellschaft genug gewertschätzt?

In meinem Bekanntenkreis werde ich sehr wertgeschätzt, da kann ich nicht klagen. Andere Kollegen machen da auch weniger positve Erfahrungen.

... und von der Politik?

Im Frühjahr war die Wertschätzung sehr hoch. Im Moment ist die Pflege wieder in
Vergessenheit geraten. Aber sie hat im Allgemeinen keine große Lobby. Das mag auch an
der Pflege selbst liegen. Die Belastungsgrenze wurde nur selten wahrgenommen. Es gibt kaum Verbände, die sich für Pfleger einsetzen. Professor Uwe Janssen (Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Anm. d. Redaktion) erwähnt immer wieder, dass Pflegpersonal fehlt. Man könne zwar viele Intensivbetten aufstellen, habe jedoch niemanden am Bett. Die Situation war schon immer angespannt, Corona kommt jetzt einfach noch dazu.

Wie wird die Situation denn besser?

Wenn es mehr Pflegepersonal gibt. Der Fachkräftemangel ist allerdings in der Pflege sehr
deutlich, nicht erst seit Corona. Es werden zwar einige ausgebildet, aber es gibt eine hohe Fluktuation unter ihnen. Also ein paar gehen nach der Ausbildung studieren, weil sie davor keine Zulassung für das Medizinstudium bekommen haben. Einige steigen wieder aus, da sie andere Vorstellungen vom Beruf hatten. Spätestens, wenn Kinder dazukommen, wird die Schichtarbeit kompliziert. Ich habe größten Respekt, dass einige trotz kleiner Kinder Vollzeit in drei Schichten arbeiten.

Was halten Sie dann von einem verpflichtenden Praktikum nach der Schule oder
Zivildienst?

Die Leute zu verpflichten, ist nicht zielführend. Natürlich können darunter ein paar gute
Pfleger sein. Aber es gibt ja noch das Freiwillige Soziale Jahr. Wenn jemand aus eigenem Antrieb Pfleger werden will, ist das besser. Nicht jeder ist für die Arbeit gemacht, das muss man ehrlicherweise sagen.

Was ist Ihr Appell für die Menschen im Landkreis in den nächsten Monaten?

Es liegt an jedem selbst, kritisch zu überlegen, welche Kontakte notwendig sind. Abstand
halten und wenigstens die Maske richtig aufzusetzen. Bei vielen ist immer noch nicht angekommen, in welcher Situation wir uns befinden. Ich werde noch oft gefragt: "Ist es denn wirklich so schlimm?" Da kann ich nur eins antworten: Ja, es ist so schlimm, und die Menschen sind schwerstkrank. Keiner von uns ist davor gefeit. Wir haben Patienten zwischen 27 und 95 Jahren. Nicht alle sind vorerkrankt. Das ist beängstigend. Die meisten können auch nicht nachvollziehen, wo sie sich angesteckt haben. Einige Kollegen, die sonst nicht auf der Intensivstation arbeiten, sagen, sie schaffen das nicht. Sie sind aber immer wiedergekommen und brauchten nur eine kurze Auszeit. Das verstehe ich. Wir als Stammpersonal der Intensivstation kennen den Stress, sind ihn aber gewohnt.

Das Gespräch führte Martin Skurt.

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