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„Es geht schnell durch mein wildes Leben“

Der bekannte Moderator hat die Autobiografie jetzt in einer Veranstaltung in Coswig vorgestellt. Die SZ sprach mit ihm.

Jürgen Karney mit seiner Autobiografie.
Jürgen Karney mit seiner Autobiografie. © Andreas Weihs

Coswig. Jürgen Karney, der einst mit der musikalischen Wertungssendung Bong im DDR-Fernsehen eine Art Gegenentwurf zu Dieter Thomas Heck und seiner ZDF-Hitparade ins Leben rief, aber dafür viel mehr war als nur ein Abziehbild der westlichen Pop-Show. Bong war ein eigenes Format, mit prominenten Künstlern und Newcomern, aufwendig produziert und durch Videoclips und Einspielfilmchen angereichert. Hier gab es für die beliebtesten Künstler den „Silbernen Bong“, wohlgemerkt: Kein „Goldener“, einfach weil der kleine Handwerksbetrieb den Sieger-Pokal aus Aluminium herstellte. Karney wurde zum Gesicht der Sendung, die sich schnell großer Beliebtheit erfreute.

Doch nebenher zog es ihn als ehemaligen DJ auch in Richtung Radio, er übernahm Ansagen, Sendungen und moderierte Shows. Oft führte ihn sein Weg nach Sachsen, ins Elbland. Ein bewegtes Leben, und die besten, die spannendsten und die überraschendsten Geschichten vor, aber auch hinter den Kulissen sind nun nachzulesen in seiner Autobiografie „Auf Sendung“. Am vergangenen Sonntag stellte Jürgen Karney sein Buch und die besten Geschichten daraus während einer Lesung in der Börse Coswig vor. Andreas Weihs sprach mit Jürgen Karney.

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Jürgen, normalerweise arbeitest du mit deiner Stimme. Wie bist du zum Buch-autor geworden?

Die Autobiografie war eine Idee des Verlages und zunächst war ich sehr skeptisch, ein Buch zu schreiben. Eben weil ich kein Buchautor bin.

Dein Einstieg in das Buch ist das „magische grüne Auge“. Warum gerade dieses „Relikt“?

Wer sich an seine Kindheit erinnert, der kennt auch das magische grüne Auge in den alten Radiomöbeln, mit dessen Hilfe man den Klang der Sender einstellen konnte. Auch wir hatten zu Hause so ein Radiomöbel, mit viel Holz und einem grünen Auge. Für meine kindliche Wahrnehmung war es der Quell wundergleicher Fantasien und es zog mich in seinen Bann. Während des Hörens schweifte mein Blick auf das grüne Auge und die Skala mit all den Städtenamen, die dort standen und in Gedanken ging ich auf Entdeckungsreise.

Jetzt hast du dein Leben aufgeschrieben. Was waren deine Gedanken mit dem Blick auf die erste, leere Seite?

Ehrlich? „Worauf hast du dich da wieder eingelassen?“ und „Egal, was dir jetzt einfällt, will das jemand lesen?“ Aber Herausforderungen haben mich immer gereizt. Wer künstlerisch tätig ist und eine Idee hat, der fängt besessen an, diese Idee umzusetzen. In meinem Fall war es dieses Büchlein. Es ist normalerweise so: Spätestens wenn man bei der Hälfte ist, überlegt man sich: `Wie komme ich aus der Nummer wieder raus? Wie ist der Schluss? Wie lautet die Pointe? Wie mache ich es schön am Ende? Genauso war es auch bei diesem Buch. Ich habe bis zur Hälfte geschrieben, und dann den Schluss. Danach hatte ich auch Lust und Muße, den Rest auszufüllen.

Was erfahren wir über dich in dem Buch?

Es geht schnell durch mein wildes Leben, all das, was ich im Radio erlebte und im Fernsehen. Ich schreibe über viele Dinge, die auf den Bühnen passiert sind, auch vieles, was ich hinter den Bühnen erlebte. Alles über die Künstler, die ich kennengelernt habe, und die Dinge, die ich mich zu erzählen wage. Es gibt viele schöne Geschichten nachzulesen, die Spaß machen und die man so noch nicht gehört hat. Ich denke, dass sich jeder wiedererkennen kann, wir haben alle die Wende erlebt, und ein politisches Auf und Nieder. Wenn man am Ende sagen kann, das haben wir alles gemeinsam erlebt, dann wird man viel Spaß mit diesen Geschichten haben.

Deine Geschichte ist nicht nur eng mit dem Radio, sondern auch mit dem Fernsehen verbunden. Wie begann das mit Bong?

Als das Schlagerstudio im DDR-Fernsehen in die Jahre gekommen war, hatte ich das Glück, im richtigen Augenblick an der richtigen Stelle zu sein. Das war die Initialzündung für meine Fernseh-Karriere und die Startrampe für unzählige Auftritte in anderen Sendungen bis hin zum „Kessel Buntes“. Natürlich habe ich auch den Tag beschrieben, als meine erste BONG-Sendung im DDR-Fernsehen lief.

Das war für mich ein großer Tag, denn es war zum einen meine erste eigene Fernsehsendung, die anders war als viele andere im Ost-Fernsehen. Und: Helga Hahnemann rief mich an. „Hallo, ich bin’s, die Henne“. Dann hat sie mir etwas gesagt, das für den Rest meines Lebens zu meiner Maxime wurde: „Junge, lass dich nicht verbiegen von den alten Leuten. Mach dein Ding so weiter!“ Dem bin ich immer gefolgt.

Konntest du mitbestimmen, was in der Sendung passierte?

Die nachhaltigsten Erinnerungen an Bong habe ich an unsere Ideenkonferenzen, unsere Videodrehtage und die Stunden mit Proben und die Produktion im Studio. Bong war eine großartige Teamarbeit, in der jeder seine Ideen einbrachte. Geleitet von unserem Regisseur, hatte der harte Kern sechs Leute mit Redakteur, Musikredakteur, Regieassistenz und mit mir. Jeden Monat wurden die Neuvorstellungen von Amiga und anderen Produktionsstudios gehört und dann wählten wir aus, was wir dem Zeitgeist entsprechend für qualitätsvoll, originell oder besonders sehenswert hielten.

Kurios ist: Olaf Berger kam in die Sendung, ohne einen Ton vorzusingen.

Unsere Musikredakteurin hat uns den bis dahin unbekannten Olaf Berger präsentiert. Bevor wir seinen Song hörten, zeigte sie uns ein Foto, und es ist überliefert, dass ich gesagt habe: „Egal, was der jetzt singt, den nehmen wir“. Dann war der Song auch perfekt und so kam es bei BONG zum Auftritt vom Olaf Berger mit dem Lied „Es brennt wie Feuer“.

Bei Bong ist doch bestimmt auch einiges hinter den Kulissen passiert?

Das werde ich natürlich sehr oft gefragt, erzähl doch mal die Geschichten, die wir im Fernsehen nicht gesehen haben. Klar ist hinter den Kulissen viel passiert. Es gab zum Beispiel Kollegen bei Bong, auch Künstler, die die Mittagspause, wenn alle in der Kantine waren, genutzt haben, um sich hinter den dicken Vorhängen, die in solchen Studios immer hängen, auch körperlich näher zu kommen. So etwas habe ich häufig bemerkt. Natürlich müssen solche Geschichten auch aufgeschrieben werden.

Gibt es ein besonderes Erlebnis, dass dir in Erinnerung geblieben ist?

Einmal Fan, immer Fan. Wenn man sich vorstellt, man hat ein Idol, das man über alles liebt und dessen Musik man ein ganzes Leben lang hört. Was passiert eigentlich, wenn man dem jetzt plötzlich persönlich begegnet? Man geht in den Fahrstuhl, steigt ein und dann kommt dieses Idol. Die Fahrstuhltür geht zu, und man steht mit ihm ganz alleine fünf Etagen lang im Fahrstuhl. Was sagt man in dieser Situation? Ich hatte das große Glück, eines meiner zwei Idole zu treffen. Es war nicht Paul McCartney, da wüsste ich sicher auch nicht, was ich zu ihm sagen soll. Es war Udo Lindenberg. Mit ihm habe ich lange auf einer Couch gesessen und wir haben tolle Gespräche geführt.

Thema im Buch ist auch deine erste Moderation im Café Prag. Wie hast du das damals erlebt?

Damals gab es im Café Prag regelmäßig Varietéveranstaltungen. Dort traten wirklich tolle Conférenciers auf, die die Messlatte echt hochgelegt hatten. Eines Tages war der kleine Jürgen dort und der hatte nicht die Erfahrung, die man braucht, um im Café Prag zu bestehen. Also bin ich mörderisch auf die Nase gefallen, habe kläglich versagt. Der damalige Kritiker ErGü, ein großer Name in der Zeitungswelt, hatte mich in der Luft zerrissen.

Im Kulturpalast lief es da aber schon besser, oder?

Ja. Beim internationalen Schlager-Festival traf sich die Weltelite des Schlagers. Mitte der 1980er-Jahre gab es parallel dazu einen nationalen Pop-Wettbewerb. Da ich zu dieser Zeit der einzige noch im frischen Alter befindliche Ansager war, durfte ich den moderieren. Da hat zum Beispiel die Gruppe Karussell mit ihrem Lied „Als ich fortging“ den Preis gewonnen. Carmen Nebel, die damals den großen Wettbewerb moderierte, kam eines Tages völlig überraschend zu mir auf die Bühne und überreichte mir einen Journalisten-Preis. Ehrlich, ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Nach dem Desaster im Café Prag, was mich sehr runtergeholt hat, war das ein wunderschönes Erlebnis.

Auf der Bühne des Kulturpalastes standest du auch gemeinsam mit Wolfgang Lippert. Und da hat dich auch Wolfgang Stumph gesehen …

Mode und Musik - das passt immer zusammen. Auch auf der Bühne im Kulturpalast: zwei starke Moderationspersönlichkeiten, Wolfgang „Lippi“ Lippert und ich. Wir haben schöne Sketche gemacht und viel Ulk. Da ist Wolfgang Stumph auf uns aufmerksam geworden, später haben wir uns bei ihm zu Hause getroffen. Er ist ja ein erfahrener Schauspieler und so er hat uns viele wertvolle Tipps gegeben, wie wir Jungspunde auf der Bühne besser rüberkommen, wie wir besser Pointen setzen. Ich habe sehr viel von ihm gelernt, vor allen Dingen, dass man nur mit Rumalbern oder sich zu sagen, das kriegen wir schon hin, nicht wirklich weit kommt. Es gehört eine Menge Handwerk dazu und sehr, sehr viel Disziplin.

Wolfgang Stumph hatte auch indirekt etwas damit zu tun, dass sich während einer Veranstaltung in Dresden deine Zunge „lockerte“ und du später beim Fernseh-Chef Heinz Adameck antreten musstest. Was ist da passiert?

Wolfgang Stumph machte in den 1980er Jahren im „wunderschönen“ Saal des VEB Robotron eine Veranstaltungsreihe, bei der er immer spannende Gäste interviewte und mit großer Spitzfindigkeit bewies, dass er ein cleverer Kabarettist ist. Es wurde so geredet, wie einem der Schnabel gewachsen war. Als ein Berliner zu Gast in Dresden, ein bunter Fernsehvogel, musste ich dort mein Image wirklich verteidigen. Kurioserweise gab es wohl eine Verabredung zwischen Wolfgang und den Zuschauern auf eine Art und Weise, die mir als Fernsehmann ziemlich fremd war. Die haben heftig gelacht, und ich wusste noch gar nicht warum. Wir haben viel rumgeflapst und ich habe auch meinem Affen Zucker gegeben.

Am nächsten Tag bin ich strammgestanden bei Heinz Adameck, dem Chef des DDR-Fernsehens, und habe mir meinen Anschiss abgeholt. Irgendjemand hatte Meldung gemacht.

Hast du während des Schreibens auch etwas über dich selbst erfahren?

Wenn man ein Buch über sein Leben schreibt, dann denkt man viel über sich selbst nach. Ich habe gemerkt, dass ich eher mache als quatsche. Deswegen sind die Kapitel auch alle relativ kurz. Durch Bong war ich damals ein berühmter Fernsehstar, aber ich wollte ins Radio! Meine Liebe zum Radio kommt in diesem Buch natürlich sehr zum Tragen.

Und sie zeigt, wenn man etwas wirklich will, dann muss man es machen. Es hat sich gezeigt, wenn man nicht rumlabert, sondern anpackt, dann schafft man auch etwas.

Interview: Andreas Weihs

Jürgen Karney: Auf Sendung! Die Autobiografie (17,99 Euro), gebundene Ausgabe, 240 Seiten, Bild und Heimat Verlag, ISBN-10: 395958234X, ISBN-13: 978-3959582346

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