merken
PLUS Meißen

"Es läuft formidabel"

Die Albrechtsburg hat mit ihrem Histopad einen Hit gelandet. Das Erfolgsrezept wird jetzt auf ein weiteres Schloss übertragen, sagt Burgchef Uwe Michel.

Das Histopad macht in der Albrechtsburg Meißen Zeitsprünge möglich. Bald könnten neue Szenen hinzukommen.
Das Histopad macht in der Albrechtsburg Meißen Zeitsprünge möglich. Bald könnten neue Szenen hinzukommen. © Claudia Hübschmann

Seit Anfang August können sich Besucher mit dem Histopad ein ganz neues Bild von der Vergangenheit der Albrechtsburg machen. Wer hat die Ebenen der Zeitreise und die einzelnen Szenen ausgewählt?

Die Geschichte der Albrechtsburg Meißen und insbesondere deren Nutzungsvarianten sind sehr mannigfaltig. Daher haben wir uns gemeinsam, das heißt ein Team der Albrechtsburg Meißen und der Museumsbereich der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen, über die Auswahl der verschiedenen Zeitebenen verständigt. Unsere Besucher können sich in die Zeit des Jahres 1523 auf die Baustelle zum Wappensaal begeben. Sie können sich mitten in der Porzellanmanufaktur des Jahres 1840 bewegen und die Abläufe, wie hat eine Manufaktur in einem Schloss funktioniert, kennenlernen. Oder an der Einlagerung von bedeutenden Kunstschätzen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges teilnehmen. Das ist nur eine Auswahl an Zeitebenen. 

Anzeige
Schwarz, schwärzer, ELBEPARK
Schwarz, schwärzer, ELBEPARK

Die besten Angebote des Jahres gibt´s traditionell am letzten Freitag im November: beim SALE Friday.

Nach welchen Kriterien haben Sie gefiltert?

Wichtig war uns, dass wir einerseits viel Wissen um Sachsen und um das Schloss vermitteln und dies andererseits auch spannend verpacken, damit unsere Gäste begeistert die Dauerausstellung verlassen und in Sachsen und weit darüber hinaus davon berichten. Nach der Festlegung der Zeitebenen begann die wissenschaftliche Recherche und Aufbereitung der einzelnen Themen, die das Wissenschaftsteam des Museumsbereichs übernommen hat.

Der Prozess des Aufbaus der dreidimensionalen Bilder umfasst mehrere Stufen. In denen Figuren und Zubehör immer detaillierter gestaltet werden.
Der Prozess des Aufbaus der dreidimensionalen Bilder umfasst mehrere Stufen. In denen Figuren und Zubehör immer detaillierter gestaltet werden. © Albrechtsburg Meißen

Woher wissen Sie, wie es im Mittelalter in den Räumen der Albrechtsburg ausgesehen hat?

Die ursprünglichen Raumstrukturen der Albrechtsburg, die Arnold von Westfalen geplant und ausgeführt hat, sind grundsätzlich erhalten geblieben. Wenn man sich heute einmal die künstlerischen Ausstattungselemente des späten 19. Jahrhunderts wegdenkt, so zum Beispiel die Wandgemälde, Statuen, Möbel, entsprechen die Räume tatsächlich in weiten Teilen dem Bauzustand von 1471 bis 1493. Bei der Histopad-Rekonstruktion des Wappensaales als sogenannte spätmittelalterliche Baustelle wurden, für die Strukturen von Mauern und Gewölben sowie bei Fragen zu Bautechnologien, die Ergebnisse der Bauforschungen aus den letzten 140 Jahre zurate gezogen. Für die Rekonstruktion der Innenausstattung dienten Inventarverzeichnisse der Albrechtsburg aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert als Basis, ebenso Briefe der Herzogin Sidonia an ihren Sohn Georg sowie weiteres Aktenmaterial aus dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv.

Welche Quellen und Vorlagen wurden benutzt, um beispielsweise Gewänder oder Geschirr zu rekonstruieren?

Die Quellen waren vielfältig. Wobei der Zugriff auf Daten sich naturgemäß auf Sachsen konzentrierte. Beispielgebend für die vielen Gewänder waren Porträts der Dargestellten, die auf Gemälden und Zeichnungen bei Dresdner Museen oder im Schloss Hartenfels in Torgau zu finden sind. Beste Vorlagen für Geschirr boten natürlich das Grüne Gewölbe, die Dresdner Porzellansammlung genauso wie die Staatliche Porzellanmanufaktur. In der Dresdner Rüstkammer war die Akteneinsicht möglich, um etwas zu Stoffankäufen aus der Zeit Herzogs Albrechts zu erfahren und umzusetzen.

Wie weit griff die Recherche?

Letztendlich wurden Museumsdatenbanken aus ganz Europa genutzt. Gleich im Großen Saal ist eine von sechs Schatztruhen versteckt, die darauf wartet, von den Besuchern entdeckt zu werden. Diese Truhe ziert eine Natternzungenkredenz von etwa 1450. Ein besonderes Schmuckstück, welches im 15. Jahrhundert auf höfischen Festen präsentiert wurde. Unsere Kredenz stammt aus dem Kunsthistorischen Museum Wien und ist ein Exemplar von drei noch erhaltenen Tafelgeräten.

Wie sah der Prozess aus, in dem die dreidimensionalen Bilder entstanden?

Grundlage von allem sind die aktuellen und historischen Grundrisse, eine Vermessung der Räume per Laser sowie 360-Grad-Fotografien. Anhand dieses Materials hat die Firma Histovery 2D-Grundrisse der Räume erstellt und in 3D umgewandelt sowie mit historischen Ausstattungselementen ergänzt. Das sind Öfen, Zwischenböden, Pochwerke, Wandregale, Arbeitstische der Modellierer für die Zeitebene Manufaktur. Danach wurden die Figurenstaffagen hinzugefügt, die nach den bereits genannten Vorlagen noch anzukleiden waren. Der nächste Schritt war das Programmieren der Bildtexte und der Hotspots. Also jene Punkte, die die Besucher antippen können, um die entsprechenden Informationen zum Bild aufzurufen. Zu guter Letzt wurden Lichteffekte eingesetzt und alles in ein hochauflösendes Format gewandelt. Hört sich einfach an, ist aber eine bewundernswerte Leistung der Firma Histovery.

Die Albrechtsburg hat in der Vergangenheit mehrere Funktionen ausgefüllt. Das Histopad macht unter anderem die Periode als Porzellanmanufaktur lebendig.
Die Albrechtsburg hat in der Vergangenheit mehrere Funktionen ausgefüllt. Das Histopad macht unter anderem die Periode als Porzellanmanufaktur lebendig. © Albrechtsburg Meißen

Welche Rückmeldungen haben Sie in den letzten Wochen von den Besuchern erhalten?

Natürlich waren wir extrem gespannt, wie unsere Besucher auf das Histopad reagieren werden. Immerhin ist die Albrechtsburg die erste museale Einrichtung in Deutschland, die einen tabletbasierten Rundgang durch ein Schloss anbietet. Kurzum, unsere Gäste mögen und lieben das Histopad. Für Museumsmenschen ist es wunderbar zu sehen, wenn die Generation der Großeltern mit ihren Enkeln gemeinsam durch das Schloss wandelt und sich mithilfe des Tablets die Geschichte des Hauses oder einzelne Ausstattungselemente erklären lässt. Wenn sie gemeinsam zur Schatzsuche ausschwärmen oder sich über ihre Selfies amüsieren. Die positiven Rückmeldungen, die wir über unsere Besucherbefragungen erhalten, haben unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen. Darüber freuen wir uns außerordentlich und sind überzeugt, dass dieses Angebot in Kombination mit den umfangreichen Marketingaktionen unsere Besucherzahlen wesentlich gesteigert hat.

Gibt es Pläne, weitere Szenen hinzuzufügen?

Ja, die gibt es. Wir denken, dass das Thema Farbenlabor, welches während der Manufakturzeit im Ersten Kurfürstenzimmer eingerichtet war, ein ganz spannendes Motiv für ein weiteres Zeittor sein kann. Das chemische Laboratorium, worin eine Vielzahl an Farben für das Meissener entwickelt wurde. Die Hauptquellen, derer wir uns bedienen, sind die um 1840 von Friedrich Carl Pressler angefertigten Pläne und ihre Beschreibung zur gesamten Manufaktur im Schloss. Ein weiteres Zeitfenster ist im Wappensaal geplant: Hier soll die historistische Ausmalung, die heute nicht mehr vorhanden ist, wieder erlebbar gemacht werden. Dabei handelt es sich unter anderem um acht große Wandbilder mit den Motiven wettinischer Burgen, Schlösser und Kirchen. Ergänzend werden wir aber auch noch einige Verbesserungen an bereits vorhandenen Szenen vornehmen.

Moritzburg soll als nächstes sächsisches Schloss Histopads erhalten. Wie weit sind die Vorbereitungen gediehen?

Weiterführende Artikel

Mythos August nimmt Abschied

Mythos August nimmt Abschied

Auf Schloss Moritzburg geht die Schau zum 350. Geburtstag Augusts des Starken zu Ende. Das Museum hatte nach dem Start im Mai trotz Corona viele Besucher.

Soviel ich weiß, gehen die Vorbereitungen rasch voran. Die einzelnen Szenen sind bereits recherchiert und stehen fest, so dass die Räume bereits als 3D-Modelle gerechnet werden. Sofern der Virus die Zusammenarbeit mit unserem französischen Partner Histovery nicht einschränkt, läuft alles wie gewohnt formidabel - um ein sächsisch-französisches Wort aufzugreifen.

Mehr lokale Nachrichten aus Meißen lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Radebeul lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Meißen