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Jedes Schicksal ist ein Schritt in den Abgrund

Seit zehn Jahren engagiert sich Pfarrer Bernd Oehler als Leiter der Stolpersteine Meißen. Die Bitte zweier jüdischer Familien hat ihn sehr schockiert.

Bernd Oehler neben den beiden ersten Stolpersteinen in Meißen. Zur Verlegung war damals die große Familie mit Enkeln und Urenkeln dabei.
Bernd Oehler neben den beiden ersten Stolpersteinen in Meißen. Zur Verlegung war damals die große Familie mit Enkeln und Urenkeln dabei. © Claudia Hübschmann

Meißen. Mit dem Schuh muss Bernd Oehler die letzten Schneereste erst einmal beiseite wischen, damit man sie sehen kann: Die zwei ersten Stolpersteine, die in Meißen verlegt worden. Direkt vor der Eingangstür der Elbstraße 28 neben dem Gasthaus zum Loch. Die letzten neun Jahre sieht man ihnen an: Das Messing ist nicht mehr glänzend poliert und viele eilige Schritte haben sie etwas in Mitleidenschaft gezogen. Doch genau das ist das Besondere am größten dezentralen Mahnmal der Welt. Dort, wo einmal jüdische Mitbürger gelebt haben, wird ein Stolperstein ganz natürlich in das Pflaster verlegt.

In Meißen lebten 1933 etwa 80 Juden, 40 von ihnen gelang die Flucht: „Bei 20 Personen wissen wir bisher nicht, was mit ihnen passiert ist“, sagt Bernd Oehler, der bis 2017 Pfarrer der Kirchgemeinde St. Afra Meißen war. Zwei von ihnen war das Ehepaar Leo und Regina Mosszizki. Sie wurden nur 50 und 47 Jahre alt. Beide wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Das alles steht auf den zwei ersten Stolpersteinen von Meißen.

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Nur wenige Meter weiter finden sich die nächsten zwei Steine des jüdischen Ehepaares Heymann, die hier ein Modegeschäft hatten und bereits 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Vor etwa 150 Jahren gab es wieder eine jüdische Besiedlung in Meißen, sagt Bernd Oehler. Am Ende der Elbstraße am Brückenkopf der Altstadtbrücke stand das Kaufhaus „Schocken“ eines jüdischen Brüderpaares: „Die jüdischen Mitbürger betrieben hier Modegeschäfte, Seifenfabriken, waren Ärzte und trugen zum Reichtum der Stadt bei“, sagt Bernd Oehler.

Er weiß von zwei jüdischen Familien, die heute wieder in Meißen leben. Vor einigen Jahren als die ersten Flüchtlinge nach Deutschland kamen und die Stimmung aggressiver wurde, hätten sie Bernd Oehler um etwas gebeten: „Aus Angst wollen sie nicht, dass irgendwo bekannt wird, wer sie sind und wo sie leben und das hat mich sehr schockiert“, sagt der 60-jährige Meißner.

Ohne den 2013 verstorbenen Ortschronisten von Meißen, Gerhard Steinecke, würde es das Material über die Meißner Juden wahrscheinlich nicht geben und damit auch keine Stolpersteine: „Er hatte als Junge ein jüdisches Kindermädchen, die dann plötzlich einfach weg war“, erzählt Bernd Oehler. Dieses Erlebnis war für den Historiker Gerhard Steinecke wohl der Stein des Anstoßes für seine Recherchen im Stadt- und Bundesarchiv, in Zeitungen und für Gespräche mit Hinterbliebenen.

Die Steine werden von dem deutschen Künstler und Initiator Gunter Demnig seit 1996 selbst verlegt.
Die Steine werden von dem deutschen Künstler und Initiator Gunter Demnig seit 1996 selbst verlegt. © Claudia Hübschmann

Aber ohne die Bemühungen der St. Afra-Gemeinde und insbesondere von Pfarrer Bernd Oehler, die sich für die Idee der Stolpersteine stark machten, gäbe es sie heute vielleicht auch nicht: „Wir wollten nicht nur jedes Jahr Andachten halten und beten“, sagt er, „wir wollten einen Schritt weitergehen.“ Seit 2011 ist er nun Projektleiter und Vorsitzender der Bürgerinitiative Stolpersteine, die etwa 15 Mitglieder hat. Sie organisieren Veranstaltungen wie die jährliche Stolpersteinführung, laden Angehörige der Opfer nach Meißen ein und wollen so die Erinnerung bewahren.

Eine Erinnerung, die Bernd Oehler oft sprachlos macht: „Mit jedem Schicksal, das wir kennenlernen, steigen wir in den Abgrund, dass so etwas in Meißen möglich war“, sagt er. Mit seiner Arbeit im Bündnis Buntes Meißen macht er sich nicht nur beliebt und hat sogar schon einen Brief mit einer Morddrohung erhalten: „Zu dieser Zeit hatte ich schon Angst, wenn ich auf Veranstaltungen unterwegs war“, sagt er.

Bisher wurden 13 Stolpersteine in Meißen verlegt, die beiden letzten im Herbst 2019. Dem Verein fehlt es schon lange an einer ehrenamtlichen Person, die Zeit und Kenntnis hat, die Arbeit von Gerhard Steinecke fortzusetzen. Erst kürzlich haben sie auf der neuen Ehrenamtsplattform ehrensache.jetzt ein Inserat aufgegeben. Denn ohne die Biografieforschung können keine weiteren Stolpersteine verlegt werden.

In diesem Jahr gibt es das Festjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Wenn wieder Veranstaltungen stattfinden können, will die Bürgerinitiative eine Führung am Gelände der ehemaligen Synagoge in Meißen machen, von der viele Anwohner vielleicht noch nichts wissen: „Sie befand sich bis 1349 zwischen dem heutigen Amtsgericht und den Neumarkt-Arkaden“, sagt Bernd Oehler. Vielleicht schafft es die Initiative in diesem Festjahr auch einen weiteren Stolperstein zu verlegen und an das jüdische Leben in Meißen zu erinnern.

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