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"Schockierend, was alles nicht möglich ist"

Wer ein Einfamilienhaus auf der grünen Wiese sucht, sollte nicht nach Meißen ziehen. Im Interview erklärt der Linken-Fraktionschef, wieso das der Stadt schadet.

Tilo Hellmann möchte Meißen gerne zu der Stadt machen, die er gesehen hat, als er hergezogen ist. Mittlerweile hat er dafür Mitstreiter gefunden.
Tilo Hellmann möchte Meißen gerne zu der Stadt machen, die er gesehen hat, als er hergezogen ist. Mittlerweile hat er dafür Mitstreiter gefunden. ©  Archivfoto: Claudia Hübschmann

Herr Hellmann, seit den Stadtratssitzungen des letzten Jahres stehen Sie als Verhinderer da: Sind Sie dafür angetreten?

Ich bin gar nicht gegen den Bau von Einfamilienhäusern: Nur ist es für mich nicht machbar, wertvolles Landschaftsschutzgebiet, Grünland oder Landwirtschaftsfläche in Bauflächen umzuwandeln. Außer es handelt sich um eine innerstädtische Brachfläche wie im Klingertal - der haben wir auch erst zugestimmt. Wir müssen echt aufpassen, dass Meißen nicht bald wie jede andere beliebige Stadt aussieht.

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Wenn Sie davon sprechen, dass Meißen als Meißen erkennbar sein soll, geht es für Sie dann über Landschaftsschutz und Ökologie hinaus?

Zu viele Einfamilienhaussiedlungen machen eine Stadt unattraktiv. Das zeigen Erfahrungen aus den alten Bundesländern: Dort sind auch vor allem in den von Strukturwandel betroffenen Regionen Reihenhaussiedlungen aus dem Boden gestampft worden. Jetzt zeigt sich, dass die Kinder dort alle zur gleichen Zeit wegziehen, die Bewohner durchschnittlich zur selben Zeit Rente bekommen und alle zu einem ähnlichen Zeitpunkt sterben werden. Letztlich sind viele der ehemals schönen Einfamilienhäuser nicht mehr loszubekommen. Diese Entwicklung müssen wir hier verhindern, denn wir haben das Potenzial, die Stadt mit unseren Brach- und Freiflächen organisch weiterzuentwickeln. Dafür muss ein altes neben einem neuen Haus stehen.

Nun gehören aber auch nicht alle Häuser der Stadt.

Natürlich ist mir klar, dass die Schrotthäuser nicht der Stadt Meißen gehören, aber wir müssen hinbekommen, was andere Städte im Speckgürtel Dresdens auch geschafft haben: Die haben oft einen niedrigeren Leerstand. Deshalb muss sich die Stadtverwaltung die Frage stellen, ob sie nicht ein bisschen spät angefangen hat, den Eigentümern die Daumenschrauben anzulegen. Es gibt nämlich Möglichkeiten, auch wenn alle langwierig sind. Aber diejenigen, die ein Einfamilienhaus von der Stange und auf der grünen Wiese wollen, sind vielleicht nicht diejenigen, die wir nach Meißen ziehen sollten.

Auch nicht, um die Bevölkerungsprobleme in den Griff zu bekommen?

Wenn wir davon ausgehen, wir hätten die in Rede stehenden rund 30 Einfamilienhaus-Standorte durchgewinkt, und im Durchschnitt ziehen 60 Erwachsene und 60 Kinder ein. Das löst kein Bevölkerungsproblem. Der Großteil der Bevölkerung sucht eine bezahlbare Wohnung für seine Familie. Und da sehe ich das Potenzial für Meißen: Vielleicht sind wir nicht die Einfamilienhaus-Stadt, sondern die Stadt, die bezahlbare Mietwohnungen bietet. Da passiert auch ein bisschen was, zum Beispiel mit Blick auf die Fährmannstraße.

Braucht eine Stadt wie Meißen nicht beides?

Meißen braucht beides und bekommt auch beides hin. Potenzial für Einfamilienhäuser gibt es, schließlich wird da aktuell ja auch viel gebaut und ich gehe sofort mit, die Innenstadt zu verdichten, bevor man außen zersiedelt: Wie im Klingertal, einem Gebiet, das bereits von Wohngebieten eingerahmt ist. Da haben wir noch Potenzial, das ausgeschöpft werden kann, zumal die Stadt durchschnittlich nur eine Anfrage nach einem Eigenheimstandort pro Woche erhält. Denn natürlich brauchen wir einkommensstarke Bewohner in Einfamilienhäusern, schon allein wegen Zuweisungen, aber auch aus sozialräumlicher Sicht ist eine Durchmischung wichtig. Aber das bekommen wir auch mit Mietwohnraum hin: Zum Beispiel in der Höroldstraße können wir uns Mehrgenerationenwohnen mit hochwertigem Wohnraum neben bezahlbarem Standardwohnraum vorstellen.

Was hat Sie denn nach Meißen gelockt?

Wir haben mitten im Zentrum von Dresden gewohnt, in einer wunderschönen großen Wohnung, doch mit dem ersten Kind haben wir uns einen Garten mit Sandkasten gewünscht. Als passionierter Heimwerker wollte ich ein altes Haus mit ein bisschen grün. Ich wollte ganz bewusst kein neues Haus haben in einer Siedlung, wo fünf Meter von meiner Terrasse die nächste anfängt. Meißen bietet ja tatsächlich viel: Es gibt Kultureinrichtungen, hat eine tolle Verkehrsanbindung und ist eine attraktive Stadt. Aber ich bin vergleichsweise naiv hergezogen. Ich kannte zwar die politische Arbeit aus Dresden, auch in der Sächsischen Schweiz/Osterzgebirge habe ich mich engagiert. Aber in Meißen war es schockierend mitzubekommen, was alles nicht möglich ist. Dafür ist alles viel zu sehr miteinander verbandelt.

Dafür sind Sie aber sehr engagiert, wenn doch so wenig möglich ist?

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Eigentlich war auch gar nicht geplant, dass ich meine Nachmittage und Abende ehrenamtlich verbringe. Ich wollte mehr Familienzeit haben und am Häusle werkeln, aber dann kam diese ganze Flüchtlingssache und da ging es relativ schnell, dass ich wieder viel stärker in die politische Arbeit reingerutscht bin: Ich wollte die Rahmenbedingungen vor Ort verändern, anstatt herumzujammern, dass alles nicht funktioniert. Tatsächlich habe ich ziemlich schnell Mitstreiter gefunden, um Meißen zu dem zu machen, was ich in der Stadt gesehen habe, als ich hierher gezogen bin.

Das Gespräch führte Marvin Graewert.

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