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Minges Vertreter

Dynamo reagiert auf seine krankheitsbedingte Auszeit, Kristian Walter wird Sportgeschäftsführer – vorübergehend.

© Lutz Hentschel

Von Sven Geisler

Die Fans haben ein gutes Gespür dafür, wer für ihren Verein besonders wichtig ist. Ralf Minge steht in dieser Rangliste ganz oben, und deshalb zeigt der K-Block während des Heimspieles gegen Nürnberg ein Transparent: „Dynamo ohne Minge ist wie Messer ohne Klinge“, schreiben sie und wünschen „Gute Besserung“. Der Sportgeschäftsführer fällt auf unbestimmte Zeit aus. Er leide an einer schweren Viruserkrankung mit einem daraus resultierenden Erschöpfungszustand, hatte der Verein am 13. März mitgeteilt. Minge werde vollständig genesen, eine längere Erholungszeit sei aber medizinisch dringend geboten, erklärte Mannschaftsarzt Tino Lorenz.

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Die Botschaft im K-Block drückt die Hoffnung der Dynamo-Fans aus: Gute Besserung, Ralf Minge!
Die Botschaft im K-Block drückt die Hoffnung der Dynamo-Fans aus: Gute Besserung, Ralf Minge! © Lutz Hentschel

Der Aufsichtsrat musste einen Vertreter bestimmen, damit der Verein handlungsfähig bleibt, denn die Satzung schreibt zwei unterschriftsberechtigte Geschäftsführer vor. Andernfalls könnten beispielsweise weder Verträge mit Spielern verlängert noch neue geschlossen werden. Kristian Walter wird – wie die SZ in der Ausgabe vom Karsamstag bereits berichtete – interimsweise die Funktion übernehmen.

Der 33 Jahre alte Dresdner hat Minge bisher als Assistent unterstützt. „Ich vertrete – wie jeder andere im Team – Ralf mit der Arbeitsweise, die wir uns unter seiner Schirmherrschaft angeeignet haben“, sagte Walter im SZ-Interview unmittelbar vor seiner offiziellen Ernennung. „Wir werden es mit Hingabe und Leidenschaft in Ralfs Sinne weiterführen, bis er wieder da ist.“ Wie lange Minges Genesung dauert, ist offen. Laut einer Erklärung des Aufsichtsrates gilt Walters Beförderung „bis auf Weiteres“, nach Informationen der SZ zunächst bis Juni. Dabei wird er unterstützt von Martin Börner, der als Teammanager und Minge-Assistent für die organisatorischen und administrativen Fragen verantwortlich ist.

Walter kam vor sechs Jahren eher zufällig zur Sportgemeinschaft, denn eigentlich wollte er dem Verein nur ein Statistik-Programm empfehlen. Der damalige Sportchef Steffen Menze habe ihn gefragt, ob er das bei Dynamo einführen, neue Strukturen für Spielanalyse und Scouting aufbauen möchte. „Für mich war es eine tolle Chance, in meiner Geburtsstadt und für Dynamo arbeiten zu dürfen“, sagt Walter.

Absprache in strategischen Fragen

2012 begann er als Honorarkraft, Anfang 2013 erhielt er bereits eine feste Stelle und wurde bald darauf als Leiter der kleinen, aber engagierten Scoutingabteilung eingesetzt. Er beobachtet potenzielle Neuzugänge genauso wie die Gegner, seine Videoanalysen sind bei den Spielern anerkannt. Unterstützt wird er dabei inzwischen von Felix Schimmel, Dynamo-Legende Hans-Jürgen Kreische schaut nach Talenten für die Junioren und Thomas Henning für die jüngeren Jahrgänge, Dan Roman durchforstet Statistiken nach interessanten Spielern.

Zudem sichtet Minge oft selbst, hat Walter im Trainingslager berichtet. Nach einer Vorauswahl schaut sich der Sportvorstand diejenigen an, die für Dynamo infrage kommen. Das ist vorerst nicht möglich. Aber Walter sagt: „Nach vier Jahren Zusammenarbeit wissen wir, wie er in der einen oder anderen Situation denken und handeln würde. In strategischen Fragen sprechen wir uns mit ihm ab.“ Der Kontakt sei aber sporadisch und das Wichtigste, dass er in Ruhe genesen kann.

Walter war nicht der einzige Kandidat für die Vertretung, auch Jans Seifert wäre beispielsweise infrage gekommen. Der 49-Jährige wurde im April 2014 als Leiter der Nachwuchsakademie eingesetzt – es war eine der ersten Entscheidungen von Minge nach seiner Rückkehr zu seinem Heimatverein. Seifert hat seinen Vertrag gerade bis 2021 verlängert. Es lag nahe, Walter vorübergehend einzusetzen, weil er im Profi-Bereich eng mit Minge zusammenarbeitet.

Walter selbst war als Fußballer „zu talentfrei“, wie er sagt, hat in der Jugend in Dippoldiswalde und später bei Berliner Vereinen gespielt. Schon damals habe er seine Übungsleiter mit seinen ewigen Warum-machen-wir-das-so-Fragen genervt, wie er selbstironisch erzählt. „Fußballspiele zu analysieren, war schon immer mein Ding.“ Seine Diplomarbeit hat er über qualitative Spielanalyse geschrieben und gleichzeitig bei Energie Cottbus erste Erfahrungen als Scout gesammelt.

Nun ist er für Dynamo im Jahr bis zu 80 000 Kilometer unterwegs, oft über die Grenzen hinaus. „Ich fahre sehr gerne Auto, das belastet mich nicht“, sagt er. Außerdem sieht er auf einer Tour meist mehrere Spiele oder besucht ab und zu die Eltern seiner Freundin, die in der Nähe zu Österreich wohnen. Seine Motivation ist der Fußball. „Ich habe noch nie nach einem Spiel gedacht: Wäre ich bloß nicht hingefahren“, meint Walter, und er erklärt: „Scouting macht man zu 95 Prozent, um zu sehen, was man dann doch nicht will.“ In den anderen fünf Prozent der Fälle bestätigte sich, dass der Spieler wirklich passt.

Nun muss Walter mehr Verantwortung übernehmen. „Wenn ich alleine entscheiden müsste, was es bei Dynamo aber nicht gibt, wäre es sicher schwieriger“, hat er bereits im SZ-Interview gesagt und hinzugefügt: „Es ist ja nur vertretungsweise, also vorübergehend.“ Kommentar