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Mit den Pornos kamen die Tränen

Die Verlagsgruppe Weltbild meldet Insolvenz an – die katholische Kirche hat den Geldhahn zugedreht.

© dpa

Von Ulf Vogler

Mit Pornoliteratur fing vor knapp zweieinhalb Jahren der Niedergang des Weltbild-Verlages an. Dass ausgerechnet ein von der katholischen Kirche getragenes Medienunternehmen Geld mit Erotikangeboten macht, sorgte für Schlagzeilen und stürzte die Augsburger Verlagsgruppe in dieKrise.

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Seitdem hat sich Weltbild nicht mehr erholt. Der am Freitag gestellte Insolvenzantrag ist der vorläufige traurige Höhepunkt der Entwicklung bei dem Konzern mit mehr als 6 000 Beschäftigten und etwa eineinhalb Milliarden Euro Umsatz. Allein am Stammsitz in Augsburg sind rund 2.000 Jobs gefährdet.

Als im Oktober 2011 das Erotikangebot bei Weltbild bekannt wurde, trat zunächst der von der Kirche entsandte Aufsichtsratsvorsitzende zurück. Dann preschte der Kölner Kardinal Joachim Meisner vor und verlangte eine Trennung von Weltbild. „Es geht nicht, dass wir in der Woche damit Geld verdienen, wogegen wir sonntags predigen“, sagte er in einem Interview.

Seitdem wurde breit darüber diskutiert, wie sich die Diözesen von Weltbild trennen können. Immer wieder war eine Stiftung im Gespräch, eine Lösung gab es bis zuletzt nicht. Die Beschäftigten appellierten dabei immer wieder an die soziale Verantwortung der Bischöfe.

Doch nicht nur der Wirbel um Buchtitel wie „Zur Sünde verführt“, „Schlampen-Internat“ oder „Das neue Kamasutra“setzte dem Unternehmen zu. Im Wettbewerb mit Online-Gigant Amazon hatten es die Augsburger zunehmend schwer mit ihrem eher klassischen Katalog-Versandhandel. Auch wenn Weltbild wie der große Internethandelskonkurrent längst nicht mehr nur Bücher, CDs und DVDs vertreibt – Brotbackautomaten oder Fitnesstrainer können die Kunden ebenso bei Weltbild ordern.

Seinen stationären Buchhandel hatte Weltbild im Jahr 2007 mit der Familie Hugendubel zusammengelegt. Das damals gegründete Gemeinschaftsunternehmen DBH Buch Handels GmbH & Co. KG betreibt seitdem die Filialen unter etlichen Markennamen wie „Hugendubel“, „Weltbild plus“, „Jokers“ sowie die Karstadt-Buchabteilungen. Diese Finanzholding mit mehr als 3.000 Beschäftigten ist von dem Insolvenzantrag nicht betroffen.

Dass die angeschlagene Verlagsgruppe ihre zweiköpfige Geschäftsführung extra um einen Sanierungsexperten erweiterte, konnte Weltbild nicht mehr retten. Josef Schultheis, der bereits bei verschiedenen Unternehmen in Krisensituationen ähnliche Positionen innehatte, kam im November als „Chief Restructuring Officer“ zu Weltbild. Er sollte den Umbau der Weltbild-Gruppe in Richtung digitaler Handel beschleunigen.

Möglicherweise kam dieser Schritt zu spät: Obwohl Weltbild im Weihnachtsgeschäft sogar etwas über dem Plan lag, musste das Unternehmen im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres Einbußen bei Umsatz und Ergebnis verbuchen. „Das auch für die nächsten drei Jahre erwartete geringere Umsatzniveau verdoppelt den Finanzierungsbedarf bis zur Sanierung“, begründete das Unternehmen den Insolvenzantrag. Die Bistümer wollten nichts mehr nachschießen und hatten den Geldhahn zugedreht.

Die Gewerkschaft Verdi warf der Kirche umgehend vor, sich aus der Verantwortung zu stehlen. „Jahrelang fette Gewinne abschöpfen und sich so die Prunkbauten mitfinanzieren lassen und dann, wenn die Belegschaft Hilfe braucht, zugesagte Gelder wieder streichen. Widerlicher geht es eigentlich nicht“, schimpfte Thomas Gürlebeck, Weltbild-Experte bei Verdi. (dpa)