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Feuilleton

Mit Mut und Ideen gegen die Abrissbirnen

Heute wird das Jahr der Industriekultur in Sachsen eröffnet, das den Sachsenstolz auf andere Art wecken will.

Industriekultur in Sachsen: die Energiefabrik in Knappenrode.
Industriekultur in Sachsen: die Energiefabrik in Knappenrode. © industriekultur-in-sachsen.de

Sechs Jahre, sieben Jahre, neun Jahre: Die Abstände zwischen den sächsischen Landesausstellungen werden seit der ersten im Jahr 1998 immer größer. Am längsten hat es gedauert, bis die 4. Sächsische Landesausstellung an den Start gehen kann. Am 25. April ist in Zwickau und an sechs weiteren Orten in Südwestsachsen Eröffnung. Der Zug hat ordentlich Tempo aufgenommen, seit das Thema von der Politik als identitätsstiftend erkannt und im vergangenen Jahr vom Wissenschafts- und Kunstministerium ein „Fahrplan Industriekultur“ aufgestellt wurde. „Industriekultur ist ein wichtiger Teil der sächsischen Seele“, meint Sophia Littkopf. 

Die Kulturmanagerin hat bei der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen das Jahr der Industriekultur vorbereitet. Am Donnerstag wird es im Beisein von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer offiziell eröffnet. Die Veranstaltung im Zentralwerk Dresden wird vom Sachsenfernsehen aufgezeichnet und am Sonnabend, 20 Uhr ausgestrahlt. Damit jeder Sachse, der es möchte, daran teilhaben kann. Denn schließlich sind es die Menschen, war und ist es ihre Arbeit, auf die sich der Reichtum des Landes gründet.

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Sich der Industriekultur und der Wirtschaftsgeschichte zu widmen ist im Kulturland Sachsen überfällig. Die Landesausstellung „Boom“ ist der Höhepunkt dieses Jahres. Sie will im ehemaligen Audi-Bau Zwickau 500 Jahre Industriegeschichte aufblättern, ein „kulturhistorisches Panorama der sächsischen Industrieentwicklung“ zeigen. Die Kulturstiftung Sachsen hat für die Landesschau die Entstehung eines zentralen Kunstwerks gefördert: die zeitgenössische Darstellung des Annaberger Bergaltars von 1521 durch ein sechsköpfiges Künstlerkollektiv um den Leipziger Kunstprofessor Clemens von Wedemeyer.

Der ehemaligen Audi-Bau in Zwickau.
Der ehemaligen Audi-Bau in Zwickau. ©  SZ-Archiv

An sechs Orten zwischen Zwickau und Freiberg sollen branchenspezifische, kleinere Ausstellungen zu sehen sein. Wer also die gesamte Landesschau erleben möchte, wird mobil sein müssen. Und wer hin und wieder auf die Website des Industriekulturjahres schaut, der wird im Laufe des Jahres tagesaktuell interessante Veranstaltungstermine in allen Regionen des Freistaates finden und vielleicht auch neugierig auf die touristische Route der Industriekultur werden. Großartige Landschaften, hübsche Städte, faszinierende historische Produktionsanlagen, gigantische Industriearchitekturen und außergewöhnliche Ferienwohnungen liegen am Weg. Begegnungen mit interessanten Menschen sind inklusive.

„Der Kulturstiftung ist es sehr wichtig, dass das Thema sachsenweit gespielt wird. Es kann nicht nur in den Städten stattfinden, denn viele Landschaften wurden durch die Industrie geprägt“, sagt Sophia Littkopf. Wie zum Beispiel die Lausitz. Dort schlägt am 3. Juli die Stunde der Wiedereröffnung. Die Energiefabrik Knappenrode ging 1918 als Brikettfabrik in Betrieb und wurde 1993 stillgelegt. Für 2,4 Millionen Euro wurde das beeindruckende Gebäudeensemble auch mit Bundesmitteln zum Industriemuseum umgebaut. Eine neue Dauerausstellung über die Geschichte des Lausitzer Kohlereviers ist in Vorbereitung. Ungewöhnliche Veranstaltungsformate sollen das Industriedenkmal beleben, in dem auch die Brikettpressen für Besucher rattern und die Arbeitskleidung der letzten Schicht noch am Haken hängt.

Längst nicht für alle stillgelegten Industriebauten und Produktionshallen in Sachsen gibt es nachhaltige Konzepte. Abriss ist vermutlich die schnellste, aber selten die preiswerteste und beste Lösung. „Das sind oft kapitale Bauten. Wenn man sie revitalisiert, könnte das auch die Wirtschaft in Sachsen puschen“, sagt Sophia Littkopf.

Sie meint, wenn man Aufmerksamkeit erzeugt für das reiche Erbe, dann könnte es auch gelingen, das Selbstbewusstsein der Sachsen zu heben, ihren Stolz zu wecken. Nach dem Motto: „Schaut, was wir geleistet haben, welche Innovationen in Sachsen das Licht der Welt erblickten und von hier aus die Welt eroberten.“

Kohlebagger im Bergbau-Technik-Park nahe Leipzig.
Kohlebagger im Bergbau-Technik-Park nahe Leipzig. © industriekultur-in-sachsen.de

Es gebe viele Pfunde, mit denen man wuchern könne. Auch mit dem Jahr der Industriekultur sei Sachsen Vorreiter. Perspektivisch, so die Kulturmanagerin, würden sich andere Bundesländer an dieses Format anschließen wollen. In Sachsen könnte das Thema Industriekultur zum Dauerbrenner werden.

Ideen dafür entstehen und befeuern sich auch auf den Tagen der Industriekultur in Leipzig, Chemnitz, Zwickau und im Erzgebirge sowie auf dem Festival „Maker Faire Sachsen“, das am 28. und 29. März in Chemnitz stattfindet. Dort treffen sich Tüftler und Bastler, Handwerker und Wissenschaftler aller Altersgruppen. Vor allem für junge Leute, die noch auf der Suche nach einem Beruf sind, der sie glücklich macht, dürfte dieses Festival interessant sein. Sie können sich zum Beispiel ausprobieren in Handwerksberufen, die so dringend Nachwuchs brauchen.

Langfristig wünscht sich Sophia Littkopf, dass weniger abgerissen wird. „Man sollte mehr darüber nachdenken, wie man ein Gebäude gewinnbringend für die Region umnutzen könne. „Die Kulturstiftung kann keine Investitionen vergeben, aber wir können Aufmerksamkeit schaffen: Was haben wir? Was ist das für ein Pfund? Wie kann man damit wuchern? Wir wollen uns der Potenziale bewusst werden. Sie schlau zu nutzen, das kriegt man nicht in einem Jahr gewuppt. Dazu müssen viele Entscheidungsträger an einen Tisch kommen. Will man die Kreativwirtschaft aufs Land bringen, geht das nicht ohne ein adäquates Mobilitätskonzept“, sagt Littkopf. Vielleicht ist die Kreativwirtschaft so kreativ, so etwas zu entwickeln? Denn die Dorfbewohner landauf, landab kennen das Dilemma: Ohne eigenes Auto bewegt sich auf dem Land fast nichts.

www.industriekultur-in-sachsen.de

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