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Neidaer Fachwerkhaus erzählt Geschichte(n)

Weinkelter, Gaststätte, Getränkelager und Relikt - das war und ist es alles schon

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Jutta Thalmann vor ihrem (Fachwerk-)Haus an Hoyerswerdas Friedrich-Engels-Straße.
Jutta Thalmann vor ihrem (Fachwerk-)Haus an Hoyerswerdas Friedrich-Engels-Straße. © Foto: Katrin Demczenko

Von Katrin Demczenko

Ein Fachwerkhaus in Klein Neida – das ist per se etwas Besonderes. Und wenn dieses Anwesen vermutlich mit dem ehemals in diesem Hoyerswerdaer Ortsteil betriebenen Weinbau zu tun hat, ist eine spannende Geschichte garantiert.

„1719 ließ die Reichsgräfin Ursula Katharina von Teschen den Weinberg Neida anlegen“, schreibt Horst Gärtner im Hoyerswerdaer Tageblatt vom 5. Dezember 1996. Das „Inventarium über das Churfürstlich Sächsische Vorwerk Hoyerswerda und Zubehör“ von 1738 belegt in Neida eine Winzerwohnung mit Kelterhaus – laut Neuem Hoyerswerdaer Geschichtsheft von 1998. Die heutigen Besitzer des Fachwerkhauses in der Friedrich-Engels-Straße, die Eheleute Thalmann, wissen sicher vom Anbau des großen Saals um 1890 und von Josef Buchwald, der das Gebäude 1936 im heruntergekommenen Zustand gekauft hat. „Josef Buchwald war mein Großvater“, erklärte Jutta Thalmann. Er habe das Anwesen wieder hergerichtet, um ein Gartenlokal mit Kegelbahn erweitert und bis 1939 als „Buchwalds Gaststätte“ betrieben.

Bis 1942 hatte ein Schwager der Familie das Gasthaus gepachtet. Als Josef Buchwald im genannten Jahr starb, ging das Erbe an Georg Buchwald. „Das war mein Vater. 1944 kam er aus dem Zweiten Weltkrieg zurück“, erzählte Jutta Thalmann. Als Georg Buchwald damals wieder zu seiner Familie nach Lauchhammer kam, hatte er viele Steuerschulden für die Gaststätte und seinen Landbesitz in Neida nachzuzahlen. Das Geld dafür verdiente er noch ab 1952 mit einer Kiesgrube, die er auf seinem Land in Neida von einer Firma betreiben ließ. Seit 1951 lebten Buchwalds in dem Fachwerkhaus im Hoyerswerdaer Ortsteil, „und die Förderbänder waren nach der Schicht für uns der schönste Spielplatz“, erinnerte sich Jutta Thalmann. Dieser Kies wurde im noch fehlenden Stück der Umgehungsstraße von Hoyerswerda-Altstadt zwischen der Bautzener und der Spremberger Brücke sowie den ersten Baracken des Tausend-Mann-Lagers verbaut. Im heutigen Wohnzimmer des Seniorenehepaars Thalmann schliefen Straßenbauarbeiter in Doppelstockbetten. In der Mitte des Zimmers stand ein Billardtisch und in der Küche wuschen sich die Männer, berichtete Jutta Thalmann. Auch andere Neidaer Bürger beherbergten Anfang der 1950er-Jahre die allerersten Bauleute des neuen Hoyerswerda.

Bühne und Parkett sind verbrannt

Von 1948 bis Anfang der 1950er-Jahre diente der 545 m² große Saal von „Buchwalds Gaststätte“ als Treffpunkt der Dorfjugend. Danach übernahm ihn die Großhandelsgesellschaft (GHG) als Lager – und verursachte 1953 einen Brand, der die Bühne und das schöne Parkett vernichtete, erinnert sich Dieter Thalmann. Ein Betonboden wurde in den Raum eingezogen und bis 1990 lagerte die GHG dort alkoholische Getränke, die im gesamten damaligen Bezirk Cottbus vertrieben wurden. Ein Sturm im Jahr 2002 besiegelte die Geschichte des ehemaligen Dorfsaals endgültig, weil er dessen Dach abgedeckt hatte. Das Ehepaar ließ dieses komplett entfernen und stellte auf dem weiß strahlenden Betonboden viele Blumenkästen auf. Da die alten Mauern mit den Fensteröffnungen des Saals jetzt noch stehen und mit Efeu bewuchert sind, wirkt dieser Ort fast mediterran.

Bis 1990 war die 86 m² große Diele des Fachwerkhauses eine Konsumgaststätte, in der Jutta Thalmann und zuvor auch ihre Eltern gearbeitet haben. Bis heute leben die Seniorin und ihr Ehemann gern in diesem besonderen Gebäude in Klein Neida.

Der ehemalige Saal, der, nun dach-los, dank Bepflanzung und Efeu fast etwas Mediterranes an sich hat und als Teil des Innenhofes dient
Der ehemalige Saal, der, nun dach-los, dank Bepflanzung und Efeu fast etwas Mediterranes an sich hat und als Teil des Innenhofes dient © Foto: Katrin Demczenko