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Nichts am Hut mit Partei und Kirche

Unternehmer Frank Kühne arbeitet auch mit 72 Jahren noch. Er will die Jugend in der Region halten und kritisiert die Politik.

© Claudia Hübschmann

Von Jürgen Müller

Lommatzsch. Eiligen Schrittes kommt er angestapft: schwarzer Mantel, schwarze Hose, breitkrempiger, schwarzer Hut. Letzterer ist sein Erkennungsmerkmal. „Mich ordentlich zu kleiden, ist für mich selbstverständlich. Das gebietet schon der Respekt vor seinem Gegenüber“, sagt Frank Kühne fast so, als müsste er sich dafür entschuldigen. Seit sieben Jahren trägt er Hut, ist 72, also schon längst Rentner.

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Im Ruhestand ist er noch lange nicht. Noch immer arbeitet der Raßlitzer in der Lommatzscher Firma Kühne Förderanlagenbau, die er einst selbst leitete und die jetzt sein Sohn Matthias führt. „Ich bin keiner, der zu Hause rumsitzen kann. Soll ich den ganzen Tag vorm Fernseher hocken? Solange mich die Mitarbeiter akzeptieren und es die Gesundheit erlaubt, mache ich weiter. Es gibt doch nichts Schöneres, als das Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt der gelernte Maschinenbau-Ingenieur. Man kann nicht nur von der Gesellschaft nehmen, man muss ihr auch etwas geben, sagt er.

Frank Kühne war ganz oben und ganz unten. Er ist in einfachen Verhältnissen groß geworden. Sein Vater war Schmied, die Mutter mithelfende Ehefrau. „Das Schmiedefeuer war mein Abenteuerspielplatz“, sagt er. Wenn er nicht in der Schmiede war, hat er in der Landwirtschaft geholfen. Die Familie hatte zwei Rinder, zwei Schweine, Federvieh. „Fast täglich gab es Kartoffeln und Quark. Alles selbst angebaut und hergestellt. Die Teller wurden abgegessen, nicht so wie heute, wo vieles weggeschmissen wird“, sagt er. Und lernte zeitig zu teilen. Oft saßen nach dem Krieg Flüchtlinge mit am Tisch. Seinen Fleiß hat er von seinen Eltern gelernt. Die arbeiteten von Montag bis Sonnabend von fünf bis 19 Uhr in der Schmiede, nur Sonntagnachmittag war frei. Er jammert nicht. „Ich habe eine wundervolle Kindheit gehabt“, sagt er.

Frank Kühne hat in seinem Leben Höhen und Tiefen erlebt. Seinen Grundwehrdienst bei der NVA nennt er seine „erste große Bildungsphase“. Dort habe er gelernt, was Disziplin, Unterordnung, Achtung von Vorgesetzten, Ordnung heißen. „Das alles fehlt heute leider vielen jungen Leuten“, sagt er . Von 1986 bis 1990 war er Volkskammerabgeordneter für die CDU, der er auch angehörte. Doch mit der Partei hat er nichts mehr am Hut. Vor zehn Jahren ist er ausgetreten. „Alles Schwätzer“, sagt er verbittert. „Ich habe gemerkt, dass das C in CDU nicht mehr für christlich steht.“ Volkskammerabgeordneter war ein Nebenjob. Monatlich gab es 800 Mark, davon mussten alle Kosten bestritten werden. „Der Umgang untereinander war auf einem höheren Niveau als heute. Wir sind nebenbei arbeiten gegangen, haben nie die Bodenhaftung verloren, ganz anders als die heutigen Bundestagsabgeordneten. Die leben in ihrer eigenen Welt. In der DDR stand der kleine Mann im Mittelpunkt. Ich hatte große Hoffnungen, dass das nach 1989 so bleibt. Das war ein völlig falscher Glaube. Heute sind Bundestagsabgeordnete doch nur Lobbyisten des Kapitals. Ich nehme denen das nicht mal übel. Wer 10 000 Euro und mehr monatlich kassiert, der wird doch einen Teufel tun, an dem Ast zu sägen, auf dem er sitzt. Die wollen doch alle nur ihre hoch bezahlten Posten behalten“, sagt er.

Auch mit der Kirche hat der gläubige Christ nichts mehr am Hut, ist ausgetreten. Anlass war der Umgang mit einer alten Frau in seinem Heimatort. „Die hat ihr Leben lang gearbeitet, nach dem Krieg die Karre mit aus dem Dreck gezogen. Und dann gibt es zum Geburtstag nicht mal ein paar Blumen, wird sie völlig vergessen. Ist auch kein Wunder, es gibt ja keinen Pfarrer mehr. Die Ehrenamtlichen können es doch nicht schaffen. Unser ehemaliger Pfarrer Haubold aus Leuben erfüllte seine Seelsorgepflicht noch mit Leidenschaft“, sagt er.

Im Jahre 1976 übernimmt er den kleinen Schmiedebetrieb seines Vaters. Der sollte eigentlich in eine Genossenschaft überführt werden. Doch die Produkte sind so speziell, dass man nicht weiß, welchem Kooperationsbetrieb man ihn zuschlagen soll. So kann er selbstständig bleiben. Zeitweise hat Kühne bis zu zehn Mitarbeiter. „Es war eine schöne Zeit. Wir hatten Aufträge bis zu zwei Jahre im Voraus. Dass jemand seine Rechnung nicht bezahlt hat, das gab es nicht“, sagt er. Das ändert sich nach der Wende.

Er hat inzwischen eine neue Firma gegründet. „Es war eine totale Herausforderung, hat wirklich viel Spaß gemacht. Geld von den Banken zu bekommen und Geld zu verdienen war kein Problem“, sagt er. Die Probleme kommen nach sechs Jahren. Wegen etlicher unbezahlter Rechnungen muss er Insolvenz anmelden. „Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt und alles verloren“, sagt er. Sein Haus, seine Lebensversicherung. Die Firmenberater der ersten Stunde 1990 aus dem Westen bezeichnet er noch heute als Gangster. „Ihr Ziel war der Betrug.“ Arbeitslosengeld bekommt er als Selbstständiger nicht. Frank Kühne ist ganz unten. „Wenn die Familie nicht hinter dir steht, ist das nicht auszuhalten“, sagt er. Und weiß jetzt, warum sich in Deutschland tausende Menschen Jahr für Jahr das Leben nehmen, weil sie nicht weiter wissen. Die Insolvenz sei eines seiner schlimmsten Erlebnisse gewesen. „Schlimmer war nur, als einer meiner Söhne im Alter von zwei Jahren an einem Krankenhausvirus starb“, sagt er.

Er fängt noch einmal neu an, wird in der Firma seines Sohnes angestellt. Der hatte den Betrieb mit gerade mal 21 Jahren übernommen. Heute zählt der Förderanlagenbau rund 40 Mitarbeiter, davon allein zehn in der Konstruktion. Geliefert werden die jährlich 200 individuellen Förderanlagen weltweit, jedoch vorwiegend nach Europa. Ein Leben lang hat Frank Kühne Lehrlinge ausgebildet. Und kennt die Unterschiede. „Sicher hatten wir zu DDR-Zeiten nicht immer die Intelligentesten. Aber sie haben das durch Fleiß wieder wettgemacht. Ich kann mich nicht erinnern, dass die jungen Leute damals zu spät kamen und ständig krank waren“, sagt er. Das sei heute anders. Es sei schon schwer, überhaupt Lehrlinge zu finden. Frank Kühne kritisiert den inflationären Hang zum Gymnasium. „Früher gingen ein, zwei Schüler einer Klasse an die Erweiterte Oberschule, heute wechselt die halbe Klasse ans Gymnasium. Viele junge Leute sind völlig überfordert, fallen in ein tiefes Loch, sind psychisch fertig, weil sie es nicht schaffen“, sagt er. Deshalb müsse die Oberschule gestärkt werden.

Er selbst setzt sich dafür ein, unterstützt Projekte an der Lommatzscher Schule. „Wir müssen als Unternehmer in kleinen Schritten einen Beitrag leisten, dass die Schüler Erfolgserlebnisse haben“, sagt der Raßlitzer. Vor allem möchte er, dass die jungen Leute in der Region bleiben, will ihnen ein Heimatgefühl, die Zugehörigkeit zur Region vermitteln. Erst kürzlich haben Lommatzscher Schüler eine Ausstellung zu 500 Jahre Lommatzscher Pflege gemacht. „Ich war perplex, was die Schüler zustande gebracht haben“, sagt der 72-Jährige, für den Heimat kein Schimpfwort ist, sondern etwas sehr Wertvolles und Bewahrenswertes.

Nein, Frank Kühne wünscht sich nicht die DDR zurück, er verteufelt sie aber auch nicht. „Ich war damals glücklich und bin es heute auch“, sagt er. Doch was ist für ihn Glück? An materiellen Dingen macht er es nicht fest. „Es macht mich glücklich, wenn ich noch etwas Nützliches und Anspruchsvolles für die Gesellschaft und für die Familie leisten kann. Und es macht mich glücklich, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit in meinem Heimatort von anderen Leuten gegrüßt und geachtet werde“, sagt er. Glück ist für ihn auch der Zusammenhalt im Dorf. „Wir sind nur noch wenige Leute, aber machen jedes Jahr unser Dorffest“, sagt er. Glücklich ist er, dass die Firma weiter im Familienbesitz ist, sie sein Sohn übernommen hat.

Glück ist für ihn auch die Musik. Vor einiger Zeit schon hat er die Liebe zu klassischer Musik entdeckt, geht regelmäßig mit seiner Frau zu Konzerten. Urlaub hingegen ist nicht so sein Ding. Ein Ausflug am Wochenende in die Sächsische Schweiz muss reichen. „Wenn ich länger weg bin und in der Firma vielleicht nicht gleich Bescheid weiß, heißt es doch dann, der Alte ist senil“, sagt er und lacht. Frank Kühne drängelt ein bisschen. Er muss zur nächsten Dienstberatung, zieht den Mantel über, setzt den Hut auf. Nein, seinen Hut nehmen will der 72-Jährige noch lange nicht .