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Wie 600 Meter Gleis verschwanden

Der Eigentümer des Kodersdorfer Ziegeleigeländes erzählt vor dem Görlitzer Landgericht von einem dreisten Diebstahl.

Ingolf Hoser steht im Februar 2017 auf dem Gelände der ehemaligen Kodersdorfer Ziegelei. Damals ahnte er noch nicht, das er um 600 Meter Gleis erleichtert werden würde.
Ingolf Hoser steht im Februar 2017 auf dem Gelände der ehemaligen Kodersdorfer Ziegelei. Damals ahnte er noch nicht, das er um 600 Meter Gleis erleichtert werden würde. ©  André Schulze

Dass er wegen seiner Gutgläubigkeit als Zeuge vor Gericht landen würde, hatte Ingolf Hoser, 68 Jahre alt, sicher nicht geglaubt, als sich vor ein paar Jahren Siegfried K. als "Eisenbahn-Sachverständiger im Ruhestand" bei ihm in Kodersdorf mit Visitenkarte vorstellte. Ingolf Hoser besitzt das Gelände der ehemaligen Ziegelei in Kodersdorf-Bahnhof und hatte dort unter anderem eine Kunststoffmatten-Produktion aufgebaut. Aus der Firma haben sich Hoser und seine Frau längst zurückgezogen, das Gelände will er seit geraumer Zeit verkaufen. 

Legende: Gleise für Museen

K. hatte sich zunächst für die Schienen der Schmalspurbahn auf dem Gelände interessiert, mit der früher Transporte in der Ziegelei erledigt wurden. "Der wusste damals besser als ich, wo solche Schienen auf meinem Grundstück liegen", sagt Hoser vor Gericht. Um diese Schienen, die es aus unerfindlichen Gründen in die Anklage geschafft hatten, ging es am Ende aber nicht. Vielmehr fragte K. bei Hoser an, ob er nicht die 600 Meter "normales" Gleis haben könne, die auf dem Ziegeleigelände liegen. "Er hat mir gesagt, dass er sie samt Schwellen für Museen haben will, zu denen er gute Kontakte habe. Auf den Schienen könnten dann Züge abgestellt werden." 

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Ingolf Hoser, selbst ein erfahrener Geschäftsmann und auch Schrotthändler, hielt das für glaubhaft. Er kenne selbst viele Museen und wisse, dass es für sie immer wieder Gönner gäbe. Offensichtlich hielt er auch den jetzt angeklagten K. für einen solchen. Die beiden Senioren einigten sich Anfang 2018 per Handschlag auf den Abbau der Gleise samt Schwellen und als Bezahlung auf den Wert der Gleise, ermittelt aus dem Schrottpreis.

Als Ingolf Hoser, der nicht in Kodersdorf wohnt, später wieder das Ziegeleigelände aufsuchte, stellte er mit Erstaunen fest, dass die Gleise demontiert, von den Schwellen befreit und in "schrottgerechte" Stücke zersägt wurden. "Sowohl die Schrottfirma als auch K. haben mir auf meine Frage gesagt, dass sich die Gleise und auch Schwellen als zu schlecht für eine Weiterverwendung erwiesen hätten und nun doch verschrottet würden", sagte Hoser vor Gericht. Das habe ihn zwar gewundert, aber Verdacht, nicht sein Geld zu bekommen,  schöpfte er immer noch nicht. Vielmehr unternahm er mit K. eine Geschäftsreise nach Leipzig und in den Harz, wo es um den Abbau und die Verschrottung von stattlichen 50 Kilometern Gleisen ging. Überall sei K. als Eisenbahnexperte begrüßt worden und bekannt gewesen. Aus dem vermeintlichen Geschäft stieg Hoser aber aus, weil es ihm zu heiß war, nur die Gleise zu demontieren und das Gleisbett einfach so zu hinterlassen. Das erzählt er so vor Gericht, und: "Ab diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Kontakt mehr zum Angeklagten". 

Mitangeklagter nennt sich "Strohmann"

Um an sein Geld zu kommen, fragte Hoser schließlich bei der Schrotthandelsfirma nach, die die Gleise auf seinem Grundstück demontiert hatten. Die teilte ihm mit, den Schrott  knapp 100 Tonnen Stahl im Wert von rund 15.000 Euro, längst bezahlt zu haben, an eine Firma "Handelskontor", von der Ingolf Hoser in diesem Moment zum ersten Mal hörte. Dessen Firmeninhaber ist mit angeklagt. Er hatte vor Gericht ausgesagt, aus heutiger Sicht von K. als Strohmann ausgenutzt worden zu sein. Das Geld der Schrottfirma habe er bar an K., der wohl Schwierigkeiten mit den Görlitzer Ämtern hatte, ausgezahlt. Er habe K. gegenüber in der moralischen Schuld gestanden, weil der ihm früher auch einmal geholfen hatte.

Ingolf Hoser aber sah kein Geld. Dafür gab es eine Anzeige. Die Görlitzer Staatsanwaltschaft ermittelte und ließ den Angeklagten im Januar 2019  in Untersuchungshaft nehmen. Die Verhaftung in Görlitz-Königshufen erfolgte durch die Bundespolizei und sorgte für einiges Aufsehen. K. war früher einmal mit dem Waffengesetz in Konflikt geraten und deshalb verurteilt worden. "Deshalb wurde aus Gründen der Eigensicherung die Wohnung gewaltsam geöffnet. In der betreffenden Wohnung wurde später eine Schreckschusswaffe gefunden“, sagte damals Bundespolizei-Sprecher Michael Engler. Die Medien berichteten landesweit.

Auch die Deutsche Bahn geschädigt?

Laut Anklage ist Ingolf Hoser nicht der einzige Geschädigte dieses dreisten Schrottklaus. Unmittelbar nach dem Abbau der Gleise auf seinem Grundstück sei im Auftrag von K. auch ein ähnlich langes, benachbartes Stück Gleis im Eigentum der Deutschen Bahn abgebaut worden. Hoser habe sowohl beim Kodersdorfer Bürgermeister René Schöne als auch bei mehrfach kontrollierenden Bahnpolizisten angefragt, ob das in Ordnung sei. Alle hätten nur mit den Schultern gezuckt. Heute ist auch dieser Gleisklau angeklagt, die  demontierten Schwellen liegen auf Hosers Grundstück.  

Am ersten Verhandlungstag wollte sich Siegfried K. nicht zu den Vorwürfen gegen ihn äußern. Das Landgericht unter Vorsitz von Richter Thomas Fresemann hat drei weitere Verhandlungstage angesetzt, den nächsten am kommenden Freitag. 

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Berichtigung: In einer früheren Version ist der Vorname des Zeugen und Eigentümers des Kodersdorfer Ziegeleigeländes Ingolf Hoser falsch als Rudolf Hoser geschrieben. Außerdem hat er nicht die Firma Pro Vinyl Recycling aufgebaut. Auf dem Gelände firmiert heute die Firma „FG Kunststoffmatten GmbH“, die laut eigenen Abgaben 2018 die insolvente PVR Pro Vinyl GmbH übernommen hat. Diese wiederum war demnach 2003 als Jutta Hoser Kunststoffverarbeitung gegründet und 2014 an PVR verkauft worden. Jutta Hoser ist die Ehefrau von Ingolf Hoser. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. 

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