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Noch nicht das letzte Pergament

Nach dem Ende der DDR wurden in Ostdeutschland etwa 3.500 Ost-Firmen abgewickelt. Ein Kleinbetrieb in Ostthüringen entging dem Schicksal nur knapp.

© dpa

Von Andreas Hummel

Wenn sich Marianne Kerbs an die Zeit Anfang der 90er-Jahre erinnert, mischt sich Wut in ihre Stimme. „Das war die Hölle.“ Gerade von der Belegschaft zur Chefin des traditionsreichen Altenburger Pergamentherstellers gewählt, musste sie sich Tag für Tag mit fremden Investoren plagen. „Die meisten wollten nur eins: Das Unternehmen plattmachen und auf dem Gelände Wohnungen bauen“, erzählt die 76-Jährige. Mehr als 100 Interessenten habe es gegeben, den Zuschlag bekam letztlich auf ihr Anraten ein Ehepaar aus Köln. „Das war die beste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe.“

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Denn nach der Wiedervereinigung gehörte das Unternehmen zu den mehr als 10.000 ehemals volkseigenen Betrieben, die die Treuhand von der Plan- in die Marktwirtschaft überführen sollte. Etwa 3 500 davon wurden – teils unter massivem Protest – abgewickelt. Doch dieser Kelch ging an der 1882 gegründeten Altenburger Pergament & Trommelfell GmbH vorüber. Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks ist sie der einzige verbliebene größere Hersteller von Pergamenten in Deutschland – und einer von wenigen in Europa.

Pergament, hergestellt aus der Haut von Tieren, wurde schon in der Antike als Schreibmaterial für Bücher und Urkunden verwendet. Es herzustellen verlangt Erfahrung, denn jedes Fell ist anders. Das fängt bei der Auswahl der Rohware an. „Am Endprodukt wird jeder Fehler, den eine Haut hat, sichtbar“, erläutert Geschäftsführer Steffen Kerbs. Hatte ein Tier viele Parasiten oder wurde schlecht gehalten, dann sei es für die Pergamente unbrauchbar.

Die Felle werden in großen Holzfässern stundenlang gespült, um sie von Salz, Schmutz und Blut zu säubern. Dann werden Haare abgeschabt, sodass nur die nackte Haut übrig bleibt. „Die ist völlig frei von Chemie“, betont Kerbs. „Man könnte sie in Streifen schneiden und essen.“ Danach werden die Häute sorgfältig von Hand zum Trocknen an Holzrahmen gespannt – je nach Tierart für mehrere Tage.

Papier und Kunststoff haben den Einsatz von Pergament zurückgedrängt, doch gute Ware bleibt begehrt. „Die größte Nachfrage gibt es von Restauratoren und kirchlichen Archiven“, erklärt Fachmann Stefan Banaszak, langjähriger Dozent und Sachverständiger am früheren Reutlinger Lederinstitut. Auch in der Möbelindustrie wird Pergament verwendet und im Schiffbau, um den Innenraum teurer Jachten zu bespannen. Bei Instrumentenbauern wird es als Trommelfell eingesetzt.

„Wir beliefern Skriptorien, die für den Vatikan arbeiten“, sagt Kerbs. Auch Ernennungsurkunden und Erlasse des belgischen und holländischen Königshauses seien auf Pergament „made in Altenburg“ geschrieben. Zudem bestellen Innenarchitekten Pergament, um Möbel und Lampen zu bespannen. Begehrt sei vor allem weiße Ware von Kalb und Ziege – so sehr, dass kaum genug Rohware zu beschaffen sei.

Heute hat das Unternehmen sechs Beschäftigte. „Die Auftragslage ist gut, und wir beliefern bis auf Afrika alle Kontinente“, sagt die Seniorchefin. Angaben zu Umsatz und Gewinn macht die 76-Jährige nicht. Die Geschicke hat sie in die Hände ihres Sohnes gelegt. Auf die Treuhand lässt sie nichts kommen. „Von der habe ich jede Unterstützung erhalten.“ Das Problem seien windige Investoren gewesen. Bei einem kommt ihr nach all den Jahren noch immer die Galle hoch. „Noch bevor er sich vorgestellt hatte, sagte er zu mir: Das Erste, was ich mache, ist, Sie zu entlassen“, erinnert sich die resolute Seniorin. „Den habe ich gleich wieder vor die Tür gesetzt.“ (dpa)