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Oberer Gasthof Oelsa wieder offen

Die Wirtschaft stand wegen eines Streits vor dem Aus. Nun geht es mit einer neuen Küche weiter – gegen den Trend.

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© Andreas Weihs

Von Annett Heyse

Oelsa. Statt nach Schnitzel riecht es nach Putz und frischer Farbe. Auf dem Herd stapeln sich leere Kartons. Petra Nagora-Marth wischt mit dem Finger über blank geputzten Edelstahl und neue Fliesen. „Gut sieht es aus. Endlich steht alles so da, wie ich mir das vorgestellt habe.“ An den Anblick ihrer neuen Küche muss sich die Wirtin des Oberen Gasthofes in Oelsa trotzdem erst noch gewöhnen. Zu groß ist der Unterschied zu vorher.

Seit Ende Mai war hier gebaut worden. Die alte Küche, in den Achtzigerjahren zuletzt gründlich renoviert, wurde dabei komplett herausgerissen. Trinkwasser, Abwasser, Elektrik, Lüftung – die gesamte Technik wurde erneuert und dazu auch Fußboden, Wände und Fliesenspiegel saniert. Nun kann die Wirtin neu durchstarten. Am 9. September, einem Freitag, war Wiedereröffnung.

Was die Gäste erwarten können, ist der gute alte gemütliche Dorfgasthof. Auf der Speisekarte stehen Schnitzel- und Nudelgerichte, Fisch, Braten und Klöße, Steaks und Pommes, Suppen, Salate – Hausmannskost eben, wie die Wirtin sagt. Und im Oktober gibt es wie jedes Jahr wieder ein Schlachtfest. Sie ist guter Dinge, dass ihr Gasthof angenommen wird wie vor der Schließung. „Ich habe bis weit ins nächste Jahr hinein viele Vorbestellungen, vor allem Familienfeiern“, sagt Petra Nagora-Marth.

Dabei war ihre Stimmung vor einem Jahr längst nicht so optimistisch. Denn im Ort machten Gerüchte über eine Schließung die Runde. Hintergrund war, dass die Stadt Rabenau als Eigentümer des Gebäudes mit Gasthof und großem Festsaal die Sanierung der Küche plante. Die Arbeiten sollten schon im Sommer 2015 stattfinden. Auch auf Wunsch der Wirtin wurde jedoch nochmals umgeplant, plötzlich schossen die Baukosten in die Höhe, von zunächst 92 000 Euro auf 137 000 Euro. Die Stadt legte daraufhin einen neuen Bautermin – Sommer 2016 – und gleich auch noch eine heftige Mieterhöhung fest. Dem Vernehmen nach ging es um eine Pacht in mehr als doppelter Höhe.

Petra Nagora-Marth musste passen. „Das hätte der Gasthof niemals abgeworfen“, sagte sie damals schon und sprach von der Aufgabe des Geschäfts. Sofort machte der Konflikt im Dorf die Runde, eine Unterschriftensammlung zugunsten der Wirtin und gegen eine solch hohe Mietforderung wurde initiiert. 280 Menschen unterschrieben pro Gasthof.

Die Stadt überschlug daraufhin die Rechnung nochmals und einigte sich schließlich mit der Wirtin auf günstigere Konditionen. Der Vertrag läuft seit 1. September 2016.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Damit ist ein Aus vom Tisch und nicht nur die Wirtin erleichtert. Denn die Schließungswelle im Gastrogewerbe nimmt immer rasantere Züge an – und das in wirtschaftlich stabilen Zeiten. „Wenn ich mir anschaue, wer hier alles schließt, da bekomme ich es schon mit der Angst zu tun“, sagt auch Petra Nagora-Marth. Und nein, so richtig freuen könne sie sich über diese Entwicklung nicht, auch wenn das bedeutet, dass Konkurrenz verschwindet.

Geschlossen ist schon seit Monaten das Gasthaus Götzenbusch in Oelsa. Im Possendorfer Gasthof Hähnel wird seit Anfang 2016 nur noch bei Feiern und auf Vorbestellung bewirtet. In Rabenaus Stadtzentrum rund um den Markt gibt es bis auf das Museumscafé am Wochenende gar keine Gastronomie mehr.

Beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband in Sachsen (Dehoga) spricht man mittlerweile von einem regelrechten Gasthofsterben, gerade auch auf dem Lande. „Viele Gasthöfe schließen, weil kein Nachfolger in Sicht ist“, nennt Dehoga-Hauptgeschäftsführer Jens Vogt einen der Gründe. Ein anderer ist die sogenannte „Schwarzgastronomie“.

Bäcker und Fleischer bieten heute Imbisse und Mittagessen zu Preisen an, mit denen kein Gasthof mehr mithalten kann. Zudem würden immer mehr Gemeinden und Vereine Lokalitäten für Feiern vermieten, Cateringservices oder die Gastgeber selbst für die Bewirtung sorgen. „Familienfeiern, Vereinstreffen, Skatabende, Versammlungen – vieles, was früher in den Dorfgasthöfen stattfand, verlagert sich in Dorfgemeinschaftshäuser oder gut hergerichtete Vereinsräume.“ Den Gastronomen aber würde so wirtschaftlich das Wasser abgegraben.

Diese Tendenz gibt es auch in Rabenau. Seit Kurzem vermietet die Stadt den ehemaligen Ratskeller. Hier passen ganz bequem 40 Personen hinein. Die Wände sind frisch gestrichen, es gibt eine neue Küche mit Geschirrspüler. Kosten: 150 Euro Miete am Tag, Vereine und Parteien aus dem Ort zahlen 25 Euro.

Petra Nagora-Marth kann darüber nur den Kopf schütteln. Denn sie bewirtschaftet gleich über ihren eigenen Gasträumen für die Stadt den Saal im Haus des Gastes. Sie hofft nun, in ganz ruhigen Fahrwassern ihren Gasthof einfach so weiterzuführen wie gewohnt. Das, sagt sie, wäre ihr nach all der Aufregung in den vergangenen Monaten und all der Kraft, die sie jahrelang investiert habe, das Liebste.