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Olympia am Königsufer

© action press

Seit 80 Jahren wird das antike Feuer um die Welt getragen. Bei der Premiere war Dresden die letzte Zwischenstation.

Von Lars Kühl

Es brennt. Mitten auf der Augustusbrücke. Im weißen Turner-Outfit rennt ein Läufer mit einer Fackel über die Elbe. Begleitet von einem Autokorso, bestaunt vom euphorischen Menschenspalier auf beiden Seiten. Olympia in Dresden!

Die Freilichtbühne: Wo heute Tausende im Open-Air-Kino und bei Konzerten den Sommer genießen, hatten sich die Nazis bis 1936 eine Bühne für ihre Inszenierungen geschaffen. © Sammlung Holger Naumann
Der Glockenspielpavillon: Beim Japanischen Palais schuf Karl Paul Andrae 1936 den Pavillon. Nach seiner Zerstörung 1945 wurde er von 1990 bis 1992 wieder aufgebaut. © Sammlung H. Naumann
Der Bogenschütze: Die Plastik zählt zu den bekanntesten Kunstwerken am Neustädter Elbufer. 1902 gefertigt und 1936 wieder aufgestellt, steht sie heute noch im Staudengarten. © S. Füssel

80 Jahre ist es her, als der Fackellauf in der Landeshauptstadt ankam, als einziger deutscher Zwischenstation. Einen Tag später wurden in Berlin die Olympischen Sommerspiele eröffnet. Elf Tage war die Fackel vom antiken Olympia in Griechenland über Athen, Thessaloniki, Sofia, Belgrad, Budapest, Wien und Prag unterwegs, ehe sie am 31. Juli 1936 gegen 11.45 Uhr in der Hand eines tschechoslowakischen Läufers bei Hellendorf die sächsische Grenze passierte und an den Turner Paul Goldammer übergeben wurde (Aus „Das war das 20. Jahrhundert in Dresden“, Uwe Schieferdecker). Der trug sie zusammen mit anderen Sportlern über Berggießhübel und Pirna bis Dresden. Die Stadt war 15.45 Uhr erreicht. Am Neustädter Königsufer wurde das olympische Feuer präsentiert, es gab eine großangelegte Feier. Mit allem, was bei den Nazis dazugehörte: ein dreifaches Sieg-Heil auf den Führer, Deutschland- und Horst-Wessel-Lied. Der Abschnitt zwischen Rosengarten auf der Ost- und der Marienbrücke auf der Westseite war seit 1933, unmittelbar nach dem Amtsantritt der Nationalsozialisten, unter Federführung des Stadtbaurates Paul Wolf umgestaltet worden. Grundlage waren Pläne von Hans Erlwein aus den Jahren 1910 bis 1912.

Proklamiert als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme entstanden – mit dem Königsufer zwischen heutiger Staatskanzlei und Finanzministerium als Mittelpunkt – Gartenanlagen, Freitreppen, Plastiken und Pavillons. Auch Vorhandenes, wie der Bogenschütze von Ernst Moritz Geyger (1902 gefertigt), wurde bis zur Eröffnung am 30. Mai 1936 aufgestellt. Damals Neues prägt heute noch das Stadtbild, zum Beispiel der Glockenspielpavillon am Japanischen Palais oder die Freilichtbühne mit Rednertribüne – das Areal, wo seit Jahren bei den Filmnächten in lauen Sommernächten Kinostreifen über Europas schönste Leinwand flimmern und Konzerte steigen. Dieser Ort war ein idealer Schauplatz für die braune Olympia-Propaganda.

Erfunden hat den Fackellauf wahrscheinlich der deutsche Sportfunktionär Carl Diem, der die Idee des Archäologen Alfred Schiff aufgegriffen haben soll. Genau geklärt ist das nicht. Dafür aber, dass der Profi schlechthin im Inszenieren, Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, die Anweisung dazu gab. Entworfen bei Krupp, gefertigt aus Edelstahl und mit einem hölzernen Kern trugen 3 331 Läufer die Fackel auf ihrem 3 187 Kilometer langen Weg. Eine Mischung aus Olivenöl, Harz, Schwarzpulver und Gas sorgte dafür, dass die Flamme nie ausging. Um 22.20 Uhr hat das Feuer sächsischen Boden wieder verlassen, damit es pünktlich am 1. August 1936 in Berlin war. Die Regisseurin Leni Riefenstahl hat den Lauf für ihren Film „Olympia“ später nachinszeniert.

Die Nationalsozialisten sind längst Geschichte, die Fackellauf-Tradition hat aber überlebt. Wenn am kommenden Freitag die Olympischen Sommerspiele im brasilianischen Rio de Janeiro feierlich starten, war die Flamme 100 Tage unterwegs, hat den Atlantik im Flugzeug überquert und wurde von 12 000 Läufern rund 20 000 Kilometer weit getragen.

Dresden war nie mehr Station eines olympischen Fackellaufes. Während der Spiele im Sommer 1936 hatte die Stadt allerdings von dem nahen Austragungsort profitiert. Wiederholt wurden internationale Gäste durch Elbflorenz geführt. Die Besuche griff die lokale Presse immer wieder auf, sogar in englischsprachigen Artikeln. Und die Zahl der Touristen stieg: um heute kaum vorstellbare 41 Prozent im Vergleich zum damaligen Vorjahr.