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Operation am offenen Herzen

Nach 100 Jahren wird die Talsperre Klingenberg komplett saniert. Projektleiter Michael Humbsch baut dort an der Weißeritz für die nächsten 100 Jahre.

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Von Thomas Schade

Es ist einiges anders als vor 100 Jahren auf der großen Baustelle oberhalb von Klingenberg im Osterzgebirge. Damals im Jahr 1911 sahen die Spaziergänger von der Holzmühle aus, wie ein mächtiger Wall aus Stein und Beton wuchs. 5000 Arbeiter karrten den Gneis aus dem Berg nebenan und brachten ihn mit einer kleinen Feldbahn auf die Mauer. Ein riesiges Holzgerüst, so zeigt es eine Postkarte jener Zeit, überspannte das Tal der Wilden Weißeritz. 1914 stand die gewaltige gekrümmte Mauer der Talsperre Klingenberg, und die Holzmühle, in der Bauleute gewohnt und gegessen hatten, versank langsam in der angestauten Weißeritz.

Seit 2009 sind die Mauerreste der alten Mühle wieder zu sehen. Nach fast einhundert Jahren ließ der Staumeister die 16 Millionen Kubikmeter Wasser erstmals wieder komplett ab. Die Staumauer musste instand gesetzt und modernisiert werden. Seit drei Jahren ist Klingenberg die größte Wasserbaustelle in Sachsen. Doch heute arbeiten hier meist nur 30 bis 60 Bauleute – ohne das riesige Gerüst. Auf der Wasserseite hingen bis vor Tagen nur die Kletterschalungen von der Mauerkrone herab. Von diesen Bühnen aus betonierten Bauleute die neue Dichtwand. Nun steht sie fertig vor der alten Bruchsteinmauer und in der Nachmittagssonne leuchtet hell die Farbe des frischen Betons.

Ein 70-Millionen-Projekt

Maurer und Betonierer bauen nun die Dammkrone wieder auf. Über ihnen schwenken große gelbe Kräne ihre Ausleger. Michael Humbsch klettert immer wieder mal hinauf in eine der Kanzeln. Hier, in rund 40Metern Höhe, hat er den besten Überblick über die „Klinge“, wie er seine Baustelle nennt. Der 48-jährige Wasserbau-Ingenieur der Landestalsperrenverwaltung leitet das Sanierungsprojekt, das mehr als 70Millionen Euro verschlingen wird. Der Mauerkern hinter der Dichtsperre sei nach einhundert Jahren in erstaunlich gutem Zustand, sagt Humbsch. „Man muss den Hut ziehen vor den Erbauern.“ Das Bauwerk gilt als ingenieurtechnisches Meisterstück des Berliner Architekten Hans Poelzig.

Schon Mitte der 1990er-Jahre wurde mit dem Vorhaben begonnen – „als normale Sanierung“, sagt Humbsch. Das Hochwasser 2002 warf jedoch alle Planungen über den Haufen. Ganze sieben Zentimeter fehlten in jenem August, dann wäre die Dammkrone überflutet worden. 150 Kubikmeter Wasser schossen durch das Überlaufbecken und über die Kaskaden zu Tal – pro Sekunde. Das Getöse hinterließ beträchtliche Schäden.

In jenem Flutsommer trat Michael Humbsch seinen Job bei der Talsperrenverwaltung an. Mit Klingenberg übernahm er eines der größten und schwierigsten Projekte. Dabei ist die „Klinge“ die erste Talsperre, die er saniert. „Nach der Flut mussten wir erst mal feststellen, was sie überhaupt noch aushält“, sagt Humbsch. Hochwasserschutz wurde nun teilweise neu definiert.

Reichten Höhe und Stärke der Mauer noch für künftige Anforderungen? Um das zu testen, bauten Fachleute der Technischen Hochschule in Aachen die Talsperre im Modell 1:30 nach und simulierten Belastungen, die höchstens alle 10.000 Jahre erwartet werden. Das Ergebnis: Mit einer Reihe technischer Veränderungen arbeitet die Talsperre Klingenberg auch noch zuverlässig, wenn die Weißeritz mit 225 Kubikmetern Wasser pro Sekunde zu Tal rauscht.

Eine der wichtigsten Maßnahmen bei der Sanierung: Die 1953 errichtete Vorsperre, drei Kilometer talaufwärts gelegen, musste verstärkt werden. „Wir haben die alte Vorsperre abgerissen und einen neuen Damm gebaut, fast doppelt so hoch wie zuvor“, erklärt Humbsch. Das 140 Meter lange Bauwerk liegt im Röthenbacher Wald, wo sich der Weißeritzlauf am meisten krümmt.

Erst als die Vorsperre 2008 fertig war, konnte die große Talsperre abgelassen werden. „Während wir die große Mauer sanieren, muss Klingenberg seine Funktionen als Trinkwasserversorger und Hochwasserschutzanlage zuverlässig erfüllen“, sagt der 48-Jährige. Dresden, Freital und der Weißeritzkreis beziehen mehr als die Hälfte ihres Trinkwassers aus Klingenberg.

Um die täglich geforderten 1.000 Liter Wasser pro Sekunde liefern zu können, wurde eine Verbindung von der Vorsperre zu den Wasserwerken gebraucht. „Wir haben lange abgewogen, was besser ist: eine Leitung legen oder einen Stollen bohren“, erzählt Humbsch. „Wir haben uns für die nachhaltigere Lösung entschieden – den Stollen.“ Über ein Jahr lang fraß sich eine Tunnelbohrmaschine durch den Osthang des Stausees. Im Sommer 2007 war der 3,3 Kilometer lange Stollen fertig. Zurzeit ist er eine der wichtigsten Wasseradern für die Versorgung der Landeshauptstadt. „Nach der Sanierung können wir ihn zur Hochwasserentlastung nutzen, das ist der Vorteil dieser Lösung“, sagt der Ingenieur.

Badewanne ohne Stöpsel

Michael Humbsch läuft die Baustraße hinunter zum Grund der Talsperre. „All diese Arbeiten waren schon im Gange“, erzählt er, „da stand das Wasser hier noch 20 Meter hoch“. Damals wurde auch der 200 Meter lange Kontrollgang längs durch die Staumauer gesprengt – bis auf wenige Meter. „Hätten wir über dem Grundablass gesprengt, wären die hundert Jahre alten Ventile vielleicht geborsten und die Talsperre unkontrolliert leer gelaufen. Das Risiko war zu hoch.“

Der schwierigste Teil der Modernisierung war Vorweihnachtsarbeit: In kurzer Zeit mussten die Bauleute die steinerne Plombe ausbrechen, die den Grundablass verschloss. „In dieser Zeit war die Talsperre wie eine Badewanne ohne Stöpsel im Abfluss“, beschreibt Humbsch die Situation im Advent 2010. „Wir hätten ein größeres Winterhochwasser nicht aufhalten können.“ Bange Tage habe er da durchlebt. „Das lässt einen nicht los, auch nicht nach Feierabend. Das ist hier wie eine Operation am offenen Herzen.“ Eine Stahltür und ein riesiger Betonpfropfen verschließen längst wieder die neuralgische Stelle in der Mauer. „Wenige Tage nachdem wir fertig waren, kam im Januar 2011 ein Hochwasser, und wir hatten zu tun, dass uns die Baustelle nicht absäuft.“

Für die Modernisierung rissen die Bauleute fast alles ab – die alte Dichtmauer, die denkmalgeschützte Mauerkrone, die technischen Anlagen. Seit Monaten bauen sie wieder auf und haben es bald geschafft. Am neuen Grundablass erledigen sie letzte Arbeiten. Zwei größere Rohre übernehmen bald diese Funktion und führen das Wasser an der Ostseite der Mauer durch einen alten Stollen zum Unterlauf der Weißeritz. Die Erbauer der Mauer hatten den Stollen seinerzeit gegraben, um den Fluss während des Staudammbaus umzuleiten. Als das alte unterirdische Bauwerk beräumt wurde, kam es zu einer Explosion. Zwei Arbeiter wurden verletzt, konnten sich aber selbst aus dem Stollen retten. „Sie sind wieder wohlauf“, sagt Humbsch. Es war der schwerste Unfall seit Baubeginn.

Im vergangenen Sommer wurden rund 100.000 Kubikmeter Schlamm aus der Talsperre geräumt. Bagger förderten alte Munition, eine Panzerfaust und sogar eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg zutage. Eigentlich sollten die Sedimente dorthin, wo sie hergekommen waren – auf die umliegenden Felder im Einzugsbereich der Weißeritz. Aber die Bauern wollten den Schlamm nicht. Er landete auf einer Deponie.

Wanderer, die nun von Klingenberg hinauf zur Talsperre laufen, werden noch einige Zeit etwas enttäuscht auf die Luftseite der Staumauer schauen. Ihre Fassade ist noch immer dunkel-verwittert. Sie müsste abgestrahlt und neu verfugt werden. Doch dafür reicht das Geld nicht mehr. Offiziell heißt es in der Talsperrenverwaltung: Die Mauer sei „solide gebaut und insgesamt in einem guten Zustand“. Aus Sicherheitsgründen werde sie erst einmal nur ausgebessert. Wann die restliche Mauerfassade saniert wird, könne noch nicht gesagt werden.

Kleines Hochwasser erwünscht

Dennoch treiben die Inspektionen Michael Humbsch derzeit vor allem auf diese Seite der Mauer. Hier konzentrieren sich nun die Arbeiten. Humbsch zeigt die neue Hochwasserentlastung. Überlauf und Kaskaden wurden verbreitert, die Seitenwände erhöht. Edelstahlgeländer blitzen in der Sonne. „Wir haben eine zusätzliche Stufe und Leitwände eingebaut, um den Abfluss zu optimieren“, erklärt er. Die besondere Aufmerksamkeit des Projektleiters gilt derzeit der Schildkröte und der Erdkröte. So nennt er die beiden Bauwerke, durch die künftig das Wasser aus der Talsperre zu den Wasserwerken fließt. Da drinnen wird alles gesteuert. „Modernste Technik, schließlich bauen wir heute für die nächsten hundert Jahre“, sagt Humbsch. Im Dezember sollen die Arbeiten weitgehend fertig sein. „Im Januar wollen wir die Klinge probeweise wieder anstauen.“ Gegen ein kleines Winterhochwasser hätte er in dieser Zeit nichts.